Hallo,
Ohne hier einen Streit losbrechen zu wollen und mit bewußt
hart gewählten Worten : Martin Luther ist für mich ein eher
unbedeutender Mann der Zeitgeschichte der eine große Sekte
(Die Christliche Kirche) geteilt hat, abgesehen davon seinen
Prinzipien später selber wieder untreu wurde und zusätzlich
noch ein so heftiger Antisemit war das die Nazis seine Thesen
und Schriften zu dem Thema sehr begeistert aufgegriffen haben.
Dir ist schon klar, dass Deine zweite Bewertung Luthers (Nazis) der ersten widerspricht (unbedeutend)?
Jetzt mal unabhängig von der Frage, ob Luther ein Thema im Ethikunterricht sein sollte, so gehört er bzw. die Epoche (fachdidaktisch habe ich eh grundsätzliche Einwände gegen eine „Geschichte großer Persönlichkeiten“) ganz sicherlich zur Allgemeinbildung.
Grundlegende Unterschiede zw. rk und ev. und das spezifisch protestantische Profil kann aber sicherlich sehr gut mit Hilfe von Luther unterrichten.
Luther war kein Antisemit (eine zumindest historisch wichtige Unterscheidung), er hat jedoch übelste antijüdische Texte verfasst, die im übrigen nicht von den Nazis rezipiert wurden, sehr gerne aber von (lutherischen) Theologen nach 33.
Das ist für mich deutsche Geschichte, die in der 6. oder 7.
Klasse gelehrt werden kann, aber nicht in der dritten.
Abgesehen davon hinkt dein Vergleich, Luther wird vor
Drittklässlern glorifiziert während Hitler bewußt erst sehr
spät in der Schule durchgenommen (bei uns damals ging es in
der 10. richtig los) und logischerweise nicht glorifiziert
wird. Das ist das Problem was ich damit habe.
Wobei ich Dir insofern recht gebe, dass grundsätzlich von Glorifizierungen abgesehen werden sollte (gegen eine Luther-Glorifizierung arbeite ich auch als Dozentin zukünftiger Religionslehrer).
Abgesehen davon ist es auch schon wieder eine komische
verdrehte Geschichte die gelehrt wird, meine Tochter lernt für
eine Arbeit in Ethik auswendig das Luther seine Thesen an die
Kirchentür genagelt hat obwohl unter Historikern seit
Jahrzehnten klar ist das diese Aktion mit „an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit“ überhaupt nicht stattgefunden
hat.
Dabei handelt es sich um eine wissenschaftliche Legende. Selbstverständlich hat Luther seine Thesen an das schwarze Brett der Wittenberger Universität gehängt (was nun mal die Schlosstür war). Jedoch nicht, wie im 19.Jh. schon ikonographisch dargestellt, an eine leere Tür, sondern eben an eine voll mit diversen anderen Ankündigungen. Wir sind hier (im 19.Jh.) mitten in dt. Geschichte und Bismarckschen Kulturkampf gegen Rom.
Und wenn den Kindern „gute Menschen“ vorgeführt werden sollen
habe ich keine Probleme mit Albert Schweitzer oder meinetwegen
sogar Mutter Theresa, die ihre Zugehörigkeit zur Kirche immer
erst an zweite oder dritte Stelle stellten, als Beispiele
anzuführen.
Nun ja, das stimmt nun aber bei beiden nicht. Mutter Theresa ist nicht anders zu verstehen als extrem fromme und kirchlich gebundene Frau.
Auch Albert Schweitzer hat niemals Zweifel an seiner Zugehörigkeit zur Kirche gelassen, insbesondere deswegen ja auch der Theologie den Rücken gekehrt, um als Kirchenmann für die Menschen tätig zu sein. Und selbstverständlich hat er sein Projekt in Afrika ganz klar missionarisch verstanden.
Abgesehen davon das ich es an sich schwachsinnig fände Kindern
in der dritten Klasse irgendwelche „Idole“ nahebringen zu
wollen.
Völlig einverstanden.
Ich habe sie noch einmal gefragt und was sie erzählte kam der
Entstehungsgeschichte aus der Bibel sehr nahe. Also „Am Anfang
schuf Gott die Erde und dann das Licht und die Tiere und dann
die Menschen etc.“
Und da habe ich direkt schon wieder zwei Probleme : Da habe
ich mit meinem schwerverständlichen Erklärungsversuchen über
den Urknall und Evolution ja direkt verloren, weil das viel zu
kompliziert ist und die Nummer mit Gott viel schöner klingt.
Stimmt nur nicht, und ich frage mich warum den Kindern in der
dritten Klasse genau der Quatsch erzählt wird der später in
Biologie, Geographie, Physik und Astronomie widerlegt wird.
Genau das ist einer der Gründe warum ich meine Tochter für
Ethik angemeldet habe, damit ihr nicht ein solcher (für meine
Begriffe) Käse ins Ohr gesetzt wird.
Was, das möchte ich schon betonen (sonst würde ich meine Kinder sofort vom Religionsunterricht abmelden), auch nicht Inhalt eines RU ist.
Mir ginge es bei der Schöpfungsgeschichte auch um etwas anderes…
Im Übrigen ist es nicht möglich, in Europa / Deutschland Ethik
zu unterrichten, ohne das – zumindest ursprünglich –
christlich vermittelte Werte eine Rolle spielen.
Finde ich persönlich nicht. Ich halte nicht viel von der
Vermittlung sogenannter „christlicher“ Werte, ich lebe nach
ähnlichen, für mich aber humanistisch motivierten Werten und
erziehe meine Tochter auch in dem Sinne. Abgesehen davon sind
viele christliche Werte meiner Meinung nach aus viel älteren
Religionen/Überlegungen entstanden und von der christlichen
Kirche einverleibt worden, die ja gern so tut als ob vor und
neben ihr nichts als Chaos (gewesen) wäre.
Ich schrieb von ursprünglich christlich vermittelten Werten.
Die heute humanistisch vermittelten Werte sind nun mal solche, die früher christlich vermittelt wurden (hier geht es, wie Du selbst schriebst, um die Motivation).
Einen grundlegenden Wert, nämlich das prinzipielle und gleichberechtigte Lebensrecht aller Menschen, ist dabei nur Geistesgeschichtlich durch das Christentum, hier insbesondere durch Luther und die Reformation, später durch Pietismus und Aufklärung denkbar. Hinzu kommt die französische Revolution, der wir diesen Verdienst ja auch nicht absprechen wollen, obwohl sie (klar antikkirchlich) den Nationalismus erfunden hat und so auch zur Ausbildung der NAtionalstaaten und damit das Dritte Reich beigetragen hat.
Jeder olle Grieche würde Dich für diese, mittlerweile klar humanistisch, völlig intranszendent begründbare Überzeugung auslachen. Wolltest Du sie historisch herleiten, geht es eben nicht ohne Christentum.
Und nicht weil Gott angeblich vor 2000 Jahren Moses per
himmlischem Telefon gesagt hat „schreib mal auf : du sollst
nicht stehlen“ oder weil Gott oben im Himmel sitzt und
Tagebuch führt über die Dinge die wir falsch machen. Ich
brauche und will das nicht als Argumentation.
Klar.
Dazu kommen viele Dinge die mich an der Kirche und den Werten
die sie vermitteln stören und die ich von meiner Tochter
fernhalten will.
Von oben angesprochener Entstehungstheorie
ist es nicht weit zu Adam und Eva und Eva ist aus der Rippe
von Adam entstanden und die Frauen sind weniger wert und
kriegen bitte alle ganz viel Kinder und die Männer versorgen
die Familie und das ist genau entgegengesetzt zu den ganz
grundsätzlichen feministischen Werten die ich meiner Tochter
vermitteln will.
Da kann es ja vielleicht wirklich nicht schaden, wenn Deine Tochter ein wenig über die evangelische Kirche erfährt? Schließlich wirst Du diese „Werte“ von niemanden in einer evangelischen Landeskirche vertreten finden. Deine Tochter könnte so lernen, Vorurteile abzubauen.
(Und das oben angesprochene Dinge „Werte“ sind auf denen die
christliche Religion fußt kann ja wohl keiner anzweifeln.)
Diese Behauptung ist abenteuerlich und widerspricht der Realität.
Die christliche Religion „fußt“ ganz sicherlich nicht auf dem dargestellten Frauenbild (auch die rk Konfession nicht). Dass die Kirchen einmal ein anderes Frauenbild vertreten haben, ist natürlich klar. Aber bitte, dann darfst Du auch kein Humanist sein, denn auf welchen Begründer des Humanismus (angefangen bei Erasmus bis hin zu den Aufklärern) willst Du Dich berufen, ohne genau dasselbe Frauenbild vorzufinden) UNd die moderne Biologie war auch erst einmal damit befasst, die Unterlegenheit diverser Rassen und Frauen naturwissenschaftlich zu beweisen.
Abgesehen von dem völligen Verschweigen von den ganz dunklen
Flecken in 2000 Jahren christlicher Geschichte. Sie hat
irgendwann „Die kleine Hexe“ kennengelernt, erfuhr dann
irgendwo von Hexenverbrennungen und war ganz fertig für einige
Wochen, und jetzt könnte ich ihr eigentlich direkt sagen das
die Kirche die sie grade so toll findet genau der Antrieb
hinter den Hexenverbrennungen war. Denn in der Schule sagen
sie ihr das sicher nicht.
Das sollte man ihr natürlich.
Aber wenn Du Dich nicht mit dem großen Antijudaisten Erasmus (und gegen ihn war Luther „harmlos“) nur deswegen auf eine Stufe stellen lassen willst, weil Du Dich zu humanistischen Werten bekennst, sondern bei aller historischer Kontinuität auch für Dich einfordern willst, dass Du aus Geschichte lernen kannst, warum nicht auch anderen Menschen / Institutionen.
Ich erwarte an einer staatlichen Schule (und sei das Land noch
so CDU-regiert und bayern-fixiert) einen objektiven,
naturwissenschaftlichen Unterricht und einen Ethik-Unterricht
frei von Religion. Ich bin Atheist, mir sind trotzdem die
Grundzüge des (evangelischen) Christentums bekannt,
Nach Deinen bisherigen Äußerungen sind Dir diese Grundzüge gänzlich unbekannt.
Grüße
Taju