Hallo Mathias!
Einschlägige Gesetze sind unverbindliche Empfehlungen und nach
Selbsteinschätzung jedes Verkehrsteilnehmers zu
interpretieren?
Ja, immer nach billiger Einschätzung durch einen sehr
erfahrenen und gewissenhaften Lenker in Abhängigkeit von
Wetter, Verkehrsaufkommen und Straßenzustand sowie zu
erwartender behördlicher Kontrollen.
Was würdest Du sagen, wenn Mitarbeiter in der Qualitätskontrolle eines Unternehmens mit ihren einschlägigen Regeln derart verfahren?
Wie würdest Du es finden, wenn Dir ein Arzt ein Medikament spritzt und dabei die Maximaldosierung beträchtlich überschreitet, weil er mit keiner Kontrolle rechnet und er sein Tun für vertretbar hält, obwohl es zahllose Fälle gab, in denen Menschen daraufhin starben?
Was würdest Du zu einem kaufmännisch Verantwortlichen sagen, der das HGB nach Gutdünken beachtet oder es eben bleiben läßt, obwohl als Folge dieses Tuns das Unternehmen den Bach herunter gehen könnte?
Wenn ich bei meinem beruflichen Tun Sicherheitsvorschriften mißachte, wird die Ignoranz zumeist keine Folgen haben, aber das Risiko steigt. Tritt der Risikofall ein, habe ich ganz schlechte Karten, den Vorfall zu überstehen. Tritt der Risikofall ein und ein anderer Mensch kommt zu Schaden, müßte ich mit gesiebter Luft rechnen. Existentielle Risiken einzugehen, ist etwas für Spieler und Stümper.
Wer im beruflichen Bereich leichtfertig handelt und Regeln mißachtet, ist ein untragbarer Pfuscher, aber kein brauchbarer und zuverlässiger Fachmann. Ähnliches gilt, wenn man sich bei seinem Tun blind darauf verläßt, daß alle anderen Beteiligten fehlerfrei handeln und daß grundsätzlich nichts kaputt geht. Seltsamerweise gilt solches ansonsten nirgends tolerierbare Verhalten bei einigen Zeitgenossen auf der Straße als besonderes Können. Hat aber mit Können nichts zu tun, ist vielmehr typisches Anfängerverhalten und Verhalten von Leuten, die irgendwelche seltsamen Sachen auf der Straße ausleben und von Physik nicht den Schatten einer Ahnung haben.
Fehlende Redundanz in der Sicherheit ist überall Irrsinn, weil jeder Fehler zur Katastrophe führt. Von der Technik erwartet man bei sicherheitsrelevanten Teilen Redundanz. Lebenswichtige Verschraubungen sind mehrfach gesichert und lebenswichtige Systeme mehrfach vorhanden. Das alles kannst Du in der Pfeife rauchen, sobald Menschen am Werk sind, die sich selbst und die ganze Technik so an die Grenzen fahren, daß jeder auftretende Fehler das Aus bedeutet. Die meisten Unfälle kommen auf diese Weise zustande. Einer hat gepennt und der andere war zu schnell … man muß bremsen, gleichzeitig ausweichen, ein bißchen zu viel kinetische Energie und das Fahrzeug macht sich selbständig, völlig unabhängig davon, wer am Steuer sitzt und was er dort treibt. Bei einem Gespann gilt das in besonderer Weise. Da hast Du hinten nur eine strunzdumme Auflaufbremse und in der Mitte des Zugs ein um 180° frei drehbares Gelenk. Kontrolle in Grenzsituationen bei hoher Geschwindigkeit? Vergiß es einfach!
Ich weiß übrigens, wovon ich rede. Bis vor ein paar Jahren war ich ein dauernd Getriebener, lebte auch so und war auch so unterwegs. Zum Erstaunen des Reifenhändlers bestand ich bei meinem Tandemachser immer auf sorgsam ausgewuchteten Hochgeschwindigkeitsreifen. Selbständig, nie Zeit, die Woche hatte 100 Stunden, von der Messe Münschen bis Hamburg mit dem schweren Gespann in 6 Stunden… 30 Jahre und weit über eine Million Kilometer am Steuer, mir konnte ja gar nichts passieren. Mit weniger als 25 l/100 km kam ich mit dem Benz beim besten Willen nicht von A nach B. Die Fahrweise war sehr digital, Leerlauf oder gib ihm Saures. Komischerweise ging das jahrzehntelang gut. Es gab hin und wieder Bußgelder, aber nichts, was mich irgendwie kratzte. Aber um das Jahr 2000 herum ging es Schlag auf Schlag. Auf der A7 in einem Abschnitt mit 100-Begrenzung war ich auf der linken Spur unterwegs und vor mir so ein Schleicher. Auf die Pelle gerückt, Lichthupe - der Penner verdrückte sich nach rechts und ich mit Vollgas weiter. Daß es sich beim Penner um ein ziviles Polizeiauto mit richtig Wumm unter der Haube handelte, das mich dann verfolgte, bekam ich erst ein paar Kilometer später mit… innerhalb kurzer Zeit wurde ich noch mehrmals mit jeweils heftiger Geschwindigkeitsüberschreitung erwischt und mußte als Wiederholungstäter zu Fuß gehen.
Das war der erste Schuß vor den Bug. Als ich den Führerschein zurück bekam, machte ich in alter Manier weiter. Kurz darauf hatte ich einen Arbeitsunfall. Beim innerbetrieblichen Transport einer Drehbank geriet ich in der Hektik zwischen die tonnenschwere Maschine und eine verdammt stabile Wand. Weit über ein Jahr lang mußte ich froh sein, mir selbst den Hintern abwischen zu können. Dabei lernt man Erfolgserlebnisse zu schätzen, kommt zum Nachdenken über die eigene Lebensweise und bemerkt, daß das Verhalten am Steuer ein Spiegel der Lebensweise ist. Die Veränderungen im Detail führen hier zu weit, aber als es mir wieder möglich wurde, mich ans Steuer zu setzen, war u. a. Schluß damit, die Terminplanung mit dem Gasfuß zu gestalten. Ich springe längst nicht mehr über jedes von irgendwelchen sich furchtbar wichtig nehmenden Leuten hingehaltene Stöckchen, lebe und fahre seitdem sowas von entspannt und der wichtigste Griff ist der Druck auf den Tempomaten. Wenn da 80 steht, fahr ich 80 und in der Ortschaft wirklich nur 50. Es funktioniert bestens, Fahrzeiten verlängern sich nicht wirklich entscheidend, Blitzer und zivile Polizeiautos interessieren mich nicht mehr und das Punktekonto in Flensburg ist blütenweiß. Das einzige Gerät, das stärker als je zuvor beansprucht wird, ist mein Fahrrad.
Gruß
Wolfgang