Hallo!
Einschlägige Gesetze sind unverbindliche Empfehlungen und nach
Selbsteinschätzung jedes Verkehrsteilnehmers zu
interpretieren?
Ja, immer nach billiger Einschätzung durch einen sehr
erfahrenen und gewissenhaften Lenker in Abhängigkeit von
Wetter, Verkehrsaufkommen und Straßenzustand sowie zu
erwartender behördlicher Kontrollen.
Was würdest Du sagen, wenn Mitarbeiter in der
Qualitätskontrolle eines Unternehmens mit ihren einschlägigen
Regeln derart verfahren?
Was ist das für ein Vergleich?
Unglaublich…
Wie würdest Du es finden, wenn Dir ein Arzt ein Medikament
spritzt und dabei die Maximaldosierung beträchtlich
überschreitet, weil er mit keiner Kontrolle rechnet und er
sein Tun für vertretbar hält, obwohl es zahllose Fälle gab, in
denen Menschen daraufhin starben?
Was würdest Du zu einem kaufmännisch Verantwortlichen sagen,
der das HGB nach Gutdünken beachtet oder es eben bleiben läßt,
obwohl als Folge dieses Tuns das Unternehmen den Bach herunter
gehen könnte?
Was würdest Du sagen wenn ich behaupte, dass so gut wie keine alltägliche Handlung eines Menschen ohne einen gewissen Grad an Interpretation möglich ist?
Wenn ich bei meinem beruflichen Tun Sicherheitsvorschriften
mißachte, wird die Ignoranz zumeist keine Folgen haben, aber
das Risiko steigt. Tritt der Risikofall ein, habe ich ganz
schlechte Karten, den Vorfall zu überstehen. Tritt der
Risikofall ein und ein anderer Mensch kommt zu Schaden, müßte
ich mit gesiebter Luft rechnen. Existentielle Risiken
einzugehen, ist etwas für Spieler und Stümper.
…oder für Unternehmer.
Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Im Auto gehe ich keine überhöhten Risiken ein. Wie gesagt, ich wäge unter den o.g. Gesichtspunkten ab. So wie ich es auch in meinem beruflichen Alltag, um Deine zugegeben etwas eigenartigen, Beispiele aufzugeifen, tagtäglich machen muss.
Wer im beruflichen Bereich leichtfertig handelt und Regeln
mißachtet, ist ein untragbarer Pfuscher, aber kein brauchbarer
und zuverlässiger Fachmann. Ähnliches gilt, wenn man sich bei
seinem Tun blind darauf verläßt, daß alle anderen Beteiligten
fehlerfrei handeln und daß grundsätzlich nichts kaputt geht.
In den meisten Fällen mag das stimmen.
Ich arbeite als Wirtschaftler mit jahrelangem Background in technischer Projektierung auch recht sorgfältig, allerdings priorisiere ich gezwungenermassen stark.
Mein Berufsleben gründet sich auf ein ständiges Auf und Ab, auf die Notwendigkeit schneller Entscheidungen und oft auch mutiger, neuer Wege. Wer hier erst eine Doktorarbeit verfasst, ist abgehängt.
Dasselbe gilt für den Alltag im Verkehr. Schnelle Entscheidungen und Reaktionen sind nötig, um auf andere Verkehrsteilnehmer zu reagieren. Man möchte schnell ans Ziel kommen, dabei am Leben bleiben und andere wenig gefährden. Das möchte ich genauso, wie die meisten anderen. Nur ist mein Weg dahin nicht die stoische, gedankenlose Einhaltung schwachsinnigster Tempolimits bei stöndigem Blick auf die eigenen Rechte, sondern eine vorausschauende, zügige und faire Fahrweise.
Seltsamerweise gilt solches ansonsten nirgends tolerierbare
Verhalten bei einigen Zeitgenossen auf der Straße als
besonderes Können. Hat aber mit Können nichts zu tun, ist
vielmehr typisches Anfängerverhalten und Verhalten von Leuten,
die irgendwelche seltsamen Sachen auf der Straße ausleben und
von Physik nicht den Schatten einer Ahnung haben.
Das stimmt leider allzu oft.
Auf mich trifft das jedoch weniger zu.
Fehlende Redundanz in der Sicherheit ist überall Irrsinn, weil
jeder Fehler zur Katastrophe führt.
„Redundanz in der Sicherheit“?
Das würde bedeuten, zu dem normalen Sicherheitsverhalten immer noch einmal das doppelte „draufzulegen“.
Das kann ich nicht behaupten, zu tun.
Von der Technik erwartet
man bei sicherheitsrelevanten Teilen Redundanz. Lebenswichtige
Verschraubungen sind mehrfach gesichert und lebenswichtige
Systeme mehrfach vorhanden.
Wir können diesbzgl. mal mein Auto ansehen. Da ist recht wenig an Sicherheitseinrichtungen „redundant“, also „eigentlich überflüssig“.
Das alles kannst Du in der Pfeife
rauchen, sobald Menschen am Werk sind, die sich selbst und die
ganze Technik so an die Grenzen fahren, daß jeder auftretende
Fehler das Aus bedeutet.
Das ist mit einem modernen, gewarteten Wagen bei einigermassen vernünftiger Fahrweise heute kaum noch möglich. Klar, irgendwelche Blinde schaffen es immer wieder. Aber ich fahre normalerweise mit dem nötigen Quäntchen Reserve.
Die meisten Unfälle kommen auf diese
Weise zustande. Einer hat gepennt und der andere war zu
schnell … man muß bremsen, gleichzeitig ausweichen, ein
bißchen zu viel kinetische Energie und das Fahrzeug macht sich
selbständig, völlig unabhängig davon, wer am Steuer sitzt und
was er dort treibt. Bei einem Gespann gilt das in besonderer
Weise. Da hast Du hinten nur eine strunzdumme Auflaufbremse
und in der Mitte des Zugs ein um 180° frei drehbares Gelenk.
Kontrolle in Grenzsituationen bei hoher Geschwindigkeit?
Vergiß es einfach!
Einverstanden.
Deshalb nicht schneller als 120.
In Frankreich darf dieses Gespann übrigens mit 110 Km/h bewegt werden.
Das in diesem Thread angeführte „zu schnell“ gründet somit wohl zumeist auf Unwissenheit, mangelnde Erfahrung mit der Materie oder einfach Suche nach einem Argument „gegen mich“.
Ich weiß übrigens, wovon ich rede. Bis vor ein paar Jahren war
ich ein dauernd Getriebener, lebte auch so und war auch so
unterwegs. Zum Erstaunen des Reifenhändlers bestand ich bei
meinem Tandemachser immer auf sorgsam ausgewuchteten
Hochgeschwindigkeitsreifen. Selbständig, nie Zeit, die Woche
hatte 100 Stunden, von der Messe Münschen bis Hamburg mit dem
schweren Gespann in 6 Stunden… 30 Jahre und weit über eine
Million Kilometer am Steuer, mir konnte ja gar nichts
passieren. Mit weniger als 25 l/100 km kam ich mit dem Benz
beim besten Willen nicht von A nach B. Die Fahrweise war sehr
digital, Leerlauf oder gib ihm Saures. Komischerweise ging das
jahrzehntelang gut.
Klar. Weil Du offenbar Ahnung vom Fahren hast.
Ich komme bei dem Mercedes mit 8-11 Litern Diesel / 100 Km aus, brauche ca. alle 100 Tkm neue Bremsscheiben, alle 40-50 Tkm neue Bremsbeläge und bin letztens von München nach Hamburg in 5 Stunden gefahren. Der Schlüssel ist die vorausschauende Fahrweise und das Meiden von Zeiten, zu denen Privatkutscher und Rentner unterwegs sind.
Wäre ich der agressive Raser, als der ich hier hingestellt werde, würde ich mehr Sprit und Material benötigen.
Es gab hin und wieder Bußgelder, aber
nichts, was mich irgendwie kratzte. Aber um das Jahr 2000
herum ging es Schlag auf Schlag. Auf der A7 in einem Abschnitt
mit 100-Begrenzung war ich auf der linken Spur unterwegs und
vor mir so ein Schleicher. Auf die Pelle gerückt, Lichthupe -
der Penner verdrückte sich nach rechts und ich mit Vollgas
weiter. Daß es sich beim Penner um ein ziviles Polizeiauto mit
richtig Wumm unter der Haube handelte, das mich dann
verfolgte, bekam ich erst ein paar Kilometer später mit…
innerhalb kurzer Zeit wurde ich noch mehrmals mit jeweils
heftiger Geschwindigkeitsüberschreitung erwischt und mußte als
Wiederholungstäter zu Fuß gehen.
Shit happens. War das der schwarze E 320 CDI Limo…?
Ich ging auch schon ab und an zu Fuß. Das war zu den zeiten, als ein Satz Bremsscheiben 20 TKm hielt und einmal pro Jahr die Motorhaube lackiert werden musste (Steinschläge…).
Heute fahre ich deutlich friedlicher und kompensiere nicht mehr über die Lichthupe, sondern über Kraftausdrücke und gute Musik…
Das war der erste Schuß vor den Bug. Als ich den Führerschein
zurück bekam, machte ich in alter Manier weiter. Kurz darauf
hatte ich einen Arbeitsunfall. Beim innerbetrieblichen
Transport einer Drehbank geriet ich in der Hektik zwischen die
tonnenschwere Maschine und eine verdammt stabile Wand. Weit
über ein Jahr lang mußte ich froh sein, mir selbst den Hintern
abwischen zu können. Dabei lernt man Erfolgserlebnisse zu
schätzen, kommt zum Nachdenken über die eigene Lebensweise und
bemerkt, daß das Verhalten am Steuer ein Spiegel der
Lebensweise ist.
Danke dass Du so ehrlich darüber schreibst.
Mich hat auch erst ein schwerer Unfall eines Kollegen zu mehr Gelassenheit und Respekt vor den anderen motiviert. Allerdings bin ich dadurch auch nicht zum Schleicher und Behinderer geworden. Zügig fahren geht auch ohne gleich ein Raser zu sein.
Die Veränderungen im Detail führen hier zu
weit, aber als es mir wieder möglich wurde, mich ans Steuer zu
setzen, war u. a. Schluß damit, die Terminplanung mit dem
Gasfuß zu gestalten. Ich springe längst nicht mehr über jedes
von irgendwelchen sich furchtbar wichtig nehmenden Leuten
hingehaltene Stöckchen, lebe und fahre seitdem sowas von
entspannt und der wichtigste Griff ist der Druck auf den
Tempomaten. Wenn da 80 steht, fahr ich 80 und in der Ortschaft
wirklich nur 50. Es funktioniert bestens, Fahrzeiten
verlängern sich nicht wirklich entscheidend, Blitzer und
zivile Polizeiautos interessieren mich nicht mehr und das
Punktekonto in Flensburg ist blütenweiß. Das einzige Gerät,
das stärker als je zuvor beansprucht wird, ist mein Fahrrad.
Bestens.
Ich fahre hier bei mir auch viel mit dem rad, am Wochenende wird der Wagen zumeist gar nicht bewegt. Seit vielen Jahren gehe ich nur noch mit dem Taxi aus, ansonsten fahre ich mit dem Oldie, mit meiner LG oder S-Bahn.
Aber 50 in der Stadt - no way! Das sind Regeln von 1950 und auf größeren Straßen nicht mehr up-to-date. Ich fahre da lieber nach Gefühl, auch wenn das einigen hier nicht passt. Meine drei Strafzettel im Jahr (im Schnitt der letzten 4 Jahre zweimal Parken, einmal Speed) bezahle ich eben und ansonsten schwimme ich zügig mit.
Wenn Du mal in München bist, nehme ich Dich gerne mal im Auto mit und wir gehen zusammen essen, wenn Du Lust hast. Über das Thema Existenzgründung könnten wir uns sicherlich sehr interessant austauschen. Und ich denke nicht, dass Du bleich vor Angst aus meinem Auto flüchten wirst…
Grüße,
Mathias