Hallo Wolfgang,
Danke für den Hinweis, daß das vielmehr Globkes Hilfspersonal,
mithin also eine Kommandoaktion oder eine Verschwörung war.
Diese Schlussfolgerung scheint mir ziemlich krude, ich würde sie so nicht ziehen. Auch wenn es in Deutschland spätestens seit November 1938 eine unselige Tradition „organisierten Volkszornes“ gab, kann man keineswegs daraus schließen, dass jedesmal, wenn eine Plebs aus gemeinsamen Beweggründen handelt, dahinter eine Kommandoaktion vermutet werden müsse.
Hilfspersonal für die seit Praktizierung des „Huckepackverfahrens“ in dramatisch hoher Zahl (mehr als vor 1945) in Amt und Würden nicht nur in Ministerien, sondern vor allem in der Judikative befindlichen Parteigenossen war die genannte Plebs auch ohne Verschwörung und Kommandosache.
Und zwar in einem zentralen Inhalt nationalsozialistischer Politik: Der Bekämpfung des Rechts auf freie Meinungsäußerung in Wort und Bild - ja ganz recht, auch für Walt Disney. Natürlich auch für Trotzkij, Hitler, de Sade, Hendrix, Lennon, Preußler, Wieland, Mann, Tucholsky, Kisch, Ossietzky, Kästner, Helvetius, von Schirach, Löns etc. pp.
Dass dieses Grundrecht (auch gewalttätige) Feinde nicht nur in den Reihen der Nationalsozialisten hat, ist klar.
Welche schlimmen Folgen hatte das übrigens?
Die gewaltsamen Aktionen der sechziger Jahre, außer den Verbrennungen von „Schund und Schmutz“ durch die treuen Verehrer von Heidi und Prinz Eisenherz gabs ja auch üble Anschläge auf Aufführungen von Bergmans „Schweigen“ und Hochhuths „Stellvertreter“, blieben glücklicherweise ohne unmittelbare Folgen. Die Zeit war schon nicht mehr danach, Minirock und Pille schimmerten bereits am Horizont und damit erstmals seit 1933 wieder eine Chance, persönliche Freiheit am eigenen Leib zu erfahren.
Dass es aber auf die lange Sicht nicht gelungen ist, derartige gewaltsame Anschläge auf Grundrechte so zu diskreditieren, dass sie außer Schande des Täters nichts bewirken, zeigt die traurige Entwicklung in den neunzehnhundertachtziger und neunziger Jahren - ich habe bewusst in die oben genannte Reihe von Autoren Otfried Preußler aufgenommen, dessen „Kleine Hexe“ nach dem Wunsch irgendeines Hausfrauenzirkels wegen „Förderung des Satanismus“ auf den Index hätte gesetzt werden sollen; diese Initiative war zeitnah mit und aus dem selben Geist geboren wie Alice Schwarzers „PorNo“-Kampagne, ohne dass man Schwarzer deswegen als Kopf einer Verschwörung beargwöhnen müsste.
Damit haben wir uns jetzt aber schon weit von der Geschichte weg hin zu Politik einerseits und Ethik andererseits bewegt. Ich lass es dabei bewenden, allenfalls noch ein Literaturhinweis für die Jüngeren - um sich einfach mal ein Bild machen zu können, vor welchem zeitgeschichtlichen Hintergrund die „Schund und Schmutz“-Kampagnen stattgefunden haben: Eckhard Siepmann, „Bikini - Kalter Krieg und Capri Sonne“. Zeugnisse, Beiträge, Bilder zu Westdeutschland in den fünfziger Jahren. Das Buch ist leider bloß noch antiquarisch zu kriegen.
Schöne Grüße
MM