Hallo,
Ich konnte mit Kindern noch nie was anfangen.
Das geht mehr Menschen - auch Frauen - so, als du vielleicht glauben magst. Man glaubt sich zwar häufig von lauter Kindernarren umgeben, die beim Anblick eines Säuglings in Verzückung geraten und begeistert mit kleinen Kindern spielen, aber sogar unter denen sind etliche, die ihre Begeisterung nur heucheln, weil die Umgebung es erwartet.
Man hat in unserer Gesellschaft gefälligst kinderlieb zu sein, und wenn man das nicht entsprechend demonstriert, läuft man Gefahr, als unsozial in die Ecke gestellt zu werden. Männern gesteht man - besonders bei kleinen Kindern - meist eine gewisse Distanz zu, aber Frauen müssen damit leben, dass man sie für genetisch entsprechend disponiert hält. Und wehe, sie sind es nicht.
Heißt: Deine Abneigung gegen Kinder ist erst mal ziemlich normal. Erwachsene haben durchaus das Recht, mit Kindern nichts anfangen zu können.
habe jetzt einen 9 Wochen alten Sohn. Ich mag ihn nicht, ernervt mich nur, mag ihn nicht um mich haben.
Und das ist wiederum absolut typisch für eine Wochenbettdepression (postpartale Depression). Meine Tochter hatte eine solche. Sie hat sechs Monate (der Durchschnitt liegt bei sieben Monaten) gebraucht, bis sie diese mit therapeutischer Hilfe überwinden konnte. Bei ihr waren die Vorzeichen übrigens umgekehrt: Sie war schon als Kind davon überzeugt, mindestens einmal vier Kinder (sie selbst hat 3 Geschwister) haben zu wollen und freute sich riesig aufs Muttersein.
Damit verbunden sind in der Regel zudem extreme Schuldgefühle, weil man sein Kind nicht richtig lieben kann. Meine Tochter ist daran schier verzweifelt. In deinem Fall könnte ich mir vorstellen, dass du aufgrund deiner fehlende Kinderbegeisterung im Vorfeld zusätzlich Schuldgefühle aufbaust, dass du überhaupt schwanger geworden bist, wo du es doch scheinbar hättest ahnen können.
Und ich halte es durchaus für möglich, dass genau diese Angst, dass du auch dein eigenes Kind nicht mögen könntest, einen gewissen Anteil an deinem jetzigen Zustand haben könnte.
Kann es sein, dass ich einfach Kinder nie mögen werde und mit ihm nie was anfangen kann
Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Du bist gerade ziemlich krank - und diese Krankheit ist heilbar.
Wichtig ist, dass du dir eine Therapieform suchst, bei der dein Kind miteinbezogen ist. Meine Tochter hat den ersten Therapieversuch ohne Kind nach 3 Wochen abgebrochen, weil sie nicht voran kam. Dann wurde sie mit ihrem Kind zusammen therapiert. Das sah so aus, dass sie viel mit ihm zusammen war, es aber zunächst nicht versorgen musste. Erst nach und nach wurde sie in die Versorgung einbezogen.
Sie fand diese Konfrontation erst ziemlich schrecklich, da sie eigentlich ihrem Kind am liebsten aus dem Weg gegangen wäre. Genau das sollte man aber nicht zulassen. Aber diese Therapie hat bei ihr zum Erfolg geführt und heute ist (auch und vor allem für sie selbst) nichts mehr von der Ablehnung zu spüren.
Deshalb: Sieh dich dringend nach einer Einrichtung um, wo du mit deinem Kind stationär aufgenommen werden kannst. Auch wenn das etwas ist, was du grade überhaupt nicht willst. Es ist wichtig, dass du es trotzdem tust. Je schneller du das tust, desto besser sind eure Chancen, dass es dir bald besser geht und dein Baby nichts vermissen muss.
Schöne Grüße,
Jule