Ich war neulich bei einem Seminar mit lauter gescheiten Leuten (und
ich mittendrin!). Das Ganze ging ueber Stunden und so konnte ich
reichlich studieren, dass praktisch niemand in der Lage ist, laenger
als eine Minute fehlerfrei zu sprechen. Ich bilde da keine Ausnahme.
Da werden munter zwei Hauptsaetze mit „weil“ verbunden, eine einfache
Bescheibung von Vergangenem wird in die Vorvergangenheit gelegt
(„dein Vortrag war sehr gut gewesen“), es wird „denn“ statt „dann“
gesagt, falsche Partzipien benutzt („ich wuchs in einem
wohlbehueteten Elternhaus auf“, statt, wie es eigentlich heissen
sollte „meine Kindheit war wohlbehuetet“), Saetze werden nicht
beendet, Genitivpraepositionen mit dem Dativ verknuepft u.s.w. u.s.f.
Das ganze Sammelsorium beliebter Fehler eben.
Warum ist das so?
Gibt es Sprachen, in denen das nicht so ist?
Ist menschliche Sprache von Natur aus zu komplex, um sie schnell und
fehlerfrei sprechen zu koennen, auch wenn man nicht speziell darauf
traeiniert ist?
Wuerden sich neue beliebte Fehler bilden, wenn alle gegenwaertigen
nicht mehr als Fehler angesehen wuerden?
Ist dies ein Ausdruck von Lebendigkeit von Sprache, sozusagen
Evolution zum Zugucken?
Das ganze Sammelsorium beliebter Fehler eben.
Warum ist das so?
Gibt es Sprachen, in denen das nicht so ist?
IMo ist das so, weil die deutsche Sprache schon sehr komplex und kompliziert ist. Wie wir alle aus der Fahrschule wissen, kann das menschliche Gehirn nur eine bestimmte Anzahl an Vorgängen gleichzeitig verarbeiten. Bei der Formulierung eines deutschen Satzes aber, musst Du gleichzeitig:
Über den Inhalt nachdenken (Was schon kompliziert genug sein kann!).
zu jedem Nomen die richtige Endung bilden, eventuell einen Artikel mit Endung dazu.
Dir überlegen ob Du einen Sachverhalt durch ein Kompositum oder lieber durch ein Umschreibung darstellen willst (Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän vs. Kapitän der …).
Zu jedem Verb de richtige Beugung wählen.
Die (im deutschen sehr flexible) Satzstellung auswählen.
Bei längeren Sätzen die richtigen Pronomen in richtiger Beugung einsetzen und im Kopf behalten für wen oder was dieses Pronomen steht, oft auch mit mehreren Entitäten parallel und über Satzgrenzen hinaus.
und noch einiges mehr.
Im Englischen hingegen mache ich weniger Fehler beim Sprechen, da:
Keine Beugung der Nomen (Ausnahme Genitiv-s)
Kaum Beugung der Verben (nur he/she/it und natürlich Vergangenheit, aber auch die meist regelmäßig, nicht wie im Deutschen)
Fehler beim Sprechen und Schreiben halte ich einerseits für menschlich, andererseits aber unbedingt für mangelnde Übung und fehlende Praxis in der Umsetzung unserer Regeln.
So ist mir passiert, dass mir eine französische Deutschlehrerin Regeln der deutschen Sprache beibrachte, die ich aufgrund von Scham seither immer schön anwende. Diese Französin sprach also besser Deutsch als ich, weil sie die Regeln beachtete.
Schlicht und einfach…
…nervös gewesen die Damen und Herren denke ich
Immerhin haben die ja sicherlich mit Masse vor Publikum (mehr oder weniger Fremden) gesprochen.
es gibt nur wenige Menschen, die gutes Deutsch schreiben können, aber noch weniger, die gutes Deutsch reden.
Ich kenne nur wenige Menschen, die in der Lage sind, Deinen Ansprüchen zu genügen, wenn die Rede nur lang genug ist und aus dem Stehgreif gehalten wird.
Aber nicht umsonst wird zwischen gesprochenem und geschriebenen Deutsch unterscheiden, bei letzterem wird dann üblicherweise ein strengerer Maßstab angelegt.
Wenns nicht allzu krude wird, kann ich es aber ertragen.
IMo ist das so, weil die deutsche Sprache schon sehr komplex
und kompliziert ist.
So kann man das nicht sehen, glaube ich. Denn in Wahrheit waehlst du
die richtigen grammatischen Formen nicht bewusst aus, sondern sie
entstehen automatisch. Die grammatische Form liegt im geistigen Teil
des Gehirns vor und wird nur noch mit Inhalt gefuellt. Grammatisch
falsche Saetze zu bilden, faellt schwerer als richtige (von den
genannten Fehlern abgesehen).
Im Englischen hingegen mache ich weniger Fehler beim Sprechen,
Ich weiss es natuerlich nicht, aber ich vermute, dass du im
Englischen auch viele Fehler machst. Du merkst es nur nicht. Die von
mir aufgezaehlten Fehler sind den Sprechern meistens nicht bewusst,
zumal sie sie ja meistens auch wiederholen.
büddebüdde, laß nächstesmal das „h“ weg, sonst kommst Du womöglich in die Dü’dorfer Liste.
Der " Stegreif" (= „Steg-Reif“) kommt vom althochdeutschen „stegareif“ („Steigbügel“) aus „steigen“ und „Reif“ (im Sinne von „Strick“ [vermutlich eine Riemenschlinge am Sattel]).
„Aus dem Stegreif“ macht man etwas, wenn man es erledigt „ohne vom Pferd abzusteigen“.
Gudrun kam mir zuvor, weil ich erst spät vom Unterricht zurückkam.
Denkt dir, just heute habe ich meinen Schüler eine Test vorgelegt, dessen letzte Frage lautete;
Frage 10 von 10:
Welche Schreibweise ist richtig:
Präsentationen hält Manfred Müller aus dem …
a. Stehgreif
b. Stegreif
c. Steegreif
Keiner - in Zahlen: 0, 00 % - wusste die korrekte Schreibung!
Hallole,
meine Frau ist Skretärin und kann sehr gut Steno. Sie musste früher oft zu einem Vorstandschef zum Diktat. Ihr fiel auf, dass dieser Mann Briefe von oben bis unten so gut wie flüssig diktierte und die Sätze fertig ausformuliert waren. (Er ging während des Diktats im Zimmer auf und ab).
Das können sicher nur wenige. Aber so viele Vorstandchefs gibt es ja auch nicht. Ich sehe hier einen Zusammenhang zwischen Talent, Intelligenz und klarem Gedanken.
ich bin Polin und schreibe hier eigentlich zum ersten Male, was ich jetzt sagen wollte - Hochachtung! Nicht viele kennen ihre eigene Sprache so gut, dass sie gleich Fehler erkennen können, geschweige denn, sie wissen was Gvon enitiv oder Dativ! Zwietens ist meine eigene Sprache so kompliziert, dass ich mir manchmal denke, in der deutschen Sprache ist alles eifach, klar, geregelt uns schön
Manchmal muss ich auch staunen als Ausländerin, die in Duetschlabd nie gewohnt hat, was man aus so schon geregelter Sprache machen kann… Sprachenentwicklung ist gut, aber bei so KLAREN Regeln sollte man ja eigentlich keine Zweifeln haben, oder?
ganz am Rande und vorab: Gescheit – weil du das an exponierter Stelle erwähntest – ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit guter Beherrschung oder Interesse am gekonnten Einsatz von Sprache. Wer z. B. ein Fach studiert, in dem komplexe Situationen in einer anderen „Sprache“ (Quellcodes, Formeln, juristische/medizinische Termini, …) beschrieben werden müssen, wird womöglich feststellen, dass unsere Alltagssprache für die verbleibenden Situationen bei weitem zu präzise ist. Wie mir nicht wenige Studenten aus ebensolchen Fachbereichen berichten, führt die mangelnde Praxis in „gehobener“ Schrift und Rede ziemlich schnell zu Substanzverlusten, die sich offenbaren, wenn’s doch mal drauf ankommt.
Das von dir beschriebene Phänomen halte ich für rein pragmatisch erklärbar: Es ist kein Erfordernis einer Seminar-Diskussion bzw. der allermeisten Sprechsituationen überhaupt, sich in geschliffenen, fehlerfreien Sätzen auszudrücken. Korrekt zu sprechen bedeutet für jeden Sprecher eine mehr oder minder große Anstrengung, aus der hier aber kein praktischer Nutzen entsteht bzw. eher ein inhaltlicher bzw. dynamischer Schwund. Verständliche Sätze zu bilden, deren Inhalt sich gerade erst in unserem Kopf zusammenbraut, ist schon komplex genug. Warum also sollte ein Sprecher mehr Energie als notwendig auf die Tätigkeit des Sprechens verwenden? Die Sprache in den meisten Uni-Diskussionen hat meines Erachtens keine ästhetische Funktion.
Interessant wäre eine systematische Untersuchung, welche grammatischen Regeln am häufigsten gebrochen werden oder welche Phone bzw. Merkmale am schnellsten wegfallen. Ich kenne zum Beispiel fast niemanden, der „ist“ als [ɪst] ausspricht. Jeder sagt [ɪs]. Das „t“ in [ɪst] stellt – im Gegensatz zu dem [t] in [bɪst] – im Deutschen eine redundante Information dar. Es ist auch „doppelt gemoppelt“, dass ich einen Nebensatz sowohl mit der Konjunktion „weil“ als auch mit geändertem Satzbau kennzeichne, was zu Sätzen wie „Er hat es nicht gewusst, weil er war gestern nicht in der Vorlesung.“ führt. Nicht schlimm, aber interessant. Würde mich wundern, wenn wir die ersten wären, die sich damit beschäftigen.
Auf die vielfältigen Fragen soll hier inhaltlich nicht eingegangen werden, sie wären mögliche Gegenstände mehrerer Forschungsarbeiten.
Menschen sprechen aus unterschiedlichen Gründen nicht nach der Sprachnorm. Bemerkenswerter ist schon, dass manche Menschen auch schreibend gegen die Regeln verstoßen, obwohl sie da die Möglichkeit der Korrektur hätten. Der Satz „…es wird „denn“ statt „dann“ gesagt, falsche Partzipien benutzt…“ ist jedenfalls syntaktisch inkorrekt, (es müsste heißen: „falsche Partizipien werden benutzt…“, und „Sammelsorium“ statt „Sammelsurium“ wird sich bestimmt nicht so schnell einbürgern. Ich lese den Fehler jedenfalls zum ersten Mal.
Eine ortografisch fehlerhafte Unsitte ist die Schreibung der Umlaute durch angehängtes „e“.
Die Schreibung „oe“ statt „ö“ usw. entstand als Notbehelf im 19.Jhd., weil auf den ersten, aus England importierten, Schreibmaschinen die Umlaute ebenso fehlten wie das „ß“. Die Unsitte schien schon ausgerottet, greift aber paradoxerweise gerade im Computer-gestützten Schriftverkehr wieder um sich. Man kann sie nicht genug bekämpfen, denn die Leserlichkeit leidet darunter, eigentlich das oberste Ziel der Text-Verfassung („schaeusslich“ ist schäußlich).
Fröhliche Grüße (nicht: Froehliche Gruesse!)
Die Schreibung „oe“ statt „ö“ usw. entstand als Notbehelf im
19.Jhd., weil auf den ersten, aus England importierten,
Schreibmaschinen die Umlaute ebenso fehlten wie das „ß“. Die
Unsitte schien schon ausgerottet, greift aber paradoxerweise
gerade im Computer-gestützten Schriftverkehr wieder um sich.
Man kann sie nicht genug bekämpfen, denn die Leserlichkeit
leidet darunter, eigentlich das oberste Ziel der
Text-Verfassung („schaeusslich“ ist schäußlich).
hm, du hast ja recht, aber es gibt eben auch Leute die keine deutsche Tastatur haben. Klar kann man das heutzutage umstellen aber dann stimmt die Tastenbelegung nicht mehr und macht einen wahnsinnig. Deswegen muss ich leider auch schreiben:
a) sehr hässlich, übel, kaum erträglich in seiner Wirkung auf die Sinne: -e Häuser; eine -e Gegend; ein -er (äußerst unsympathischer) Kerl; das Kleid sieht s. aus; b) [durch Gemeinheit, Rohheit] Abscheu, Entsetzen erregend: ein -es Verbrechen; ein -er Anblick; eine s. verstümmelte Leiche.
(ugs.) a) im höchsten Grade unangenehm: -e Schmerzen; b) auf unangenehme Weise, in äußerstem Maße: es tat s. weh.
Eine ortografisch fehlerhafte Unsitte ist die Schreibung der
Umlaute durch angehängtes „e“.
Die Schreibung „oe“ statt „ö“ usw. entstand als Notbehelf im
19.Jhd.
und eine Rueckkehr zur urspruenglichen Schreibung, denn die Umlautpuenktchen sind rudimentaere Reste eines ueber den Grundvokal geschriebenen "e"s.
Das von dir beschriebene Phänomen halte ich für rein
pragmatisch erklärbar: Es ist kein Erfordernis einer
Seminar-Diskussion bzw. der allermeisten Sprechsituationen
überhaupt, sich in geschliffenen, fehlerfreien Sätzen
auszudrücken. Korrekt zu sprechen bedeutet für jeden Sprecher
eine mehr oder minder große Anstrengung, aus der hier aber
kein praktischer Nutzen entsteht bzw. eher ein inhaltlicher
bzw. dynamischer Schwund. Verständliche Sätze zu bilden, deren
Inhalt sich gerade erst in unserem Kopf zusammenbraut, ist
schon komplex genug. Warum also sollte ein Sprecher mehr
Energie als notwendig auf die Tätigkeit des Sprechens
verwenden? Die Sprache in den meisten Uni-Diskussionen hat
meines Erachtens keine ästhetische Funktion.
Die Frage ist dann aber doch: Warum ist es energetisch guenstiger zu
sagen „das war gut gewesen“ als „das ist gut gewesen“? Am
guenstigsten waere doch „das war gut“. Auch ist „denn“ nicht leichter
zu sprechen als „dann“. Ich mache diesen Fehler nie (glaube ich),
ohne dass ich jemals haette darauf achten muessen ihn zu vermeiden.
(Wir hatten diese Dikussion schon einmal. Damals zeigte Fritz, dass
die Unterscheidung „dann/denn“ erst recht neu in der deutschen
Sprache sei, was aber natuerlich nicht erklaeren kann, weshalb so
viele sie heute ignorieren.)
Was ich sagen will: Die falschen Saetze sind ebenso komplex wie die
richtigen. Warum legt sich dann die falsche Grammatik als Form im
Sprechzentrum ab und nicht die richtige?