Floskeln im Journalismus

Hallo,
Max Gold oder der „sprachliche Herrenreiter“ (FAZ) Wolf Schneider sezieren ja mit Vorliebe sprachliche Floskeln, abgegriffene und stereotype Formulierungen von Journalisten. (Das soll keine Journalistenschelte werden; wir wissen alle, dass der Zeitdruck, aber auch die Erwartungshaltung einiger Leser dazu nötigen, auf gut abgehangenes Sprachmatieral zurückzugreifen). Welche Floskeln findet ihr besonders nervig oder schief und könnt sie einfach nicht mehr hören?
Ich mache den Anfang. Der Klassiker der Katastrophen-Berichterstattung: Nach den Überlebenden wird nicht „intensiv“ oder „gewissenhaft“ gesucht, sondern immer und ausnahmslos fieberhaft. (Wie effizient eine Suche im Fieberwahn ausfällt, können wir uns ja lebhaft vorstellen).

Ich freue mich auf eure Perlen!
André

Hallo André,

Welche Floskeln findet ihr besonders nervig
oder schief und könnt sie einfach nicht mehr hören?

wenn Verletzte geborgen werden, krieg ich immer einen Koller, denn Bergen ist das Einbringen von Toten und Material, Retten liegt vor, wenn Verletzte aus dem Gefahrenbereich gebracht und versorgt werden (das ist in irgend einer DIN sogar geregelt).

Gandalf

Verletzte auf der Bahre…
Moin,

für mich sind die „Verletzten auf der Bahre“ immer ein Graus: Sterben die Ärmsten gerade oder weiss der Berichterstatter nicht, ob sie verletzt oder tot sind?

Gruß vom Wolf

P.S.: Die „Bahre“ wird für Tote verwendet (s. auch den Begriff „aufgebahrt“). Verletzte transportiert man auf einer „Trage“…

Auch hallo,

zwei, die mich momentan besonders nerven, sind „ergebnisoffene Diskussion“ und „vollinhaltliche Zustimmung“.

Gruß Kubi

Hallo

…es kam jede Hilfe zu spaet
haben…mitgehen lassen (fuer ‚stehlen‘ auf den idiotischen
Radiosendern hier in MeckPom)
sintflutartige Regenfaelle

Gruss, Tychi

Hallo!

mitgehen lassen

auch: mitgehen heißen

gibt es schon bei Grimmelshausen!

Gruß Fritz

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Hi Andre,

das Neueste aus dem Wetterbericht: Unwetterartige Gewitter.

Gruß Ralf

Geradezu inflationär wird seit ein, zwei Jahren alles „gefühlt“. Gefühlte Temperatur, gefühlter Wahlsieg, gefühlte Wechselstimmung…
Grauenhaft, vor allem weil die Schreiber wohl daran glauben, etwas ganz Oiginelles zu basteln…
Gruß
andré

tödlich verletzt

für mich sind die „Verletzten auf der Bahre“ immer ein Graus:
Sterben die Ärmsten gerade oder weiss der Berichterstatter
nicht, ob sie verletzt oder tot sind?

Für mich ist
„Die Insassen des Fahrzeugs wurden tödlich verletzt“
so ein Graus.
Oder (noch grausliger):
„Der Fahrer hat sich bei dem Unfall tödlich verletzt.“

Gruß Gudrun

Geld wird heute grundsätzlich:

in Kassen von xy gespült!

Fritz

Verunfallte Sprache

Der Klassiker der Katastrophen-Berichterstattung: Nach den
Überlebenden wird nicht „intensiv“ oder „gewissenhaft“ gesucht,
sondern immer und ausnahmslos fieberhaft.

Hallo,

Gebäude, Häuserblocks und ganze Dörfer fallen beim Erdbeben grundsätzlich zusammen „wie Kartenhäuser“. Masten oberirdischer Leitungen knicken „wie Strohhalme“, und Lastwagen schleudert der Wirbelsturm durch die Luft „wie Spielzeugautos“.

"Jahrhundert"fluten und -stürme ereignen sich mittlerweile alle drei Monate, „Feuerwalzen rollen“ über die Wälder hinweg und Brände lodern nicht, sondern sie pflegen zu „wüten“. Nachdem sie fertig gewütet haben, hinterlassen sie nicht etwa Verwüstungen, sondern mindestens „schwere“, wenn nicht gar „schwerste Verwüstungen“. Hat jemand schon mal leichte Verwüstungen gesehen?

Opfer der Katastrophen sind i.d.R. „unschuldige Frauen und Kinder“. Unschuldige Männer scheint es jedenfalls nicht zu geben, sie sind per se schuldig. Verletzte Personen werden gerne mal „teilweise schwer verletzt“. Anschließend gibt man ihnen den Rest, indem sie „evakuiert“ werden. Wie aufbasbare Gummipuppen.

Besonders grauslig ist der „Unfall mit einem Toten“. Unfälle mit Motorrädern, mit Rehen, Heißluftballons oder Fußgängern kennen wir - aber „mit Toten“? Schlimm, das.

Fast ebenso furchtbar ist das „Busunglück mit 13 Schwerverletzten“. Nun sind diese Leute schon schwer verletzt, und dann rast auch noch ein Bus in sie hinein…

Die „humanitäre Katastrophe“ darf am Schluß nicht fehlen. Eine Wohltätigkeits-Katastrophe? Verstehen wir darunter eine Benefiz-Gala mit Dieter, Naddel und Co.?

Alle Beispiele - wie noch manch anderes der in diesem Artikelbaum genannten - aus Bastian Sicks „Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod“. http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3462034480/028…. Ein wunderbares Buch, aber das weiß ja hier jeder.

Gruß,
Andreas

leicht offtopic
Hallo

Ist euch schonmal aufgefallen, dass Leute, die eigentlich wenig
eloquent sind und sich hauptsaechlich der Sprache einfach gestrickter
Leute bedienen, manchmal einen extremen Stilbruch begehen, indem sie
ploetzlich in schlimmes Beamtendeutsch verfallen.
Z.B. machte mal ein Busfahrer die Durchsage „Bier und Knabberkram
kann bei mir kaeuflich erworben werden.“

Ha ha, Tychi

Hallo, Tychi,

darf ich an der Stelle noch einmal meinen Oberkracher zitieren:

„Er hat zum Nachteil der Mädchen sexuell an ihnen gehandelt!“

Ein Polizeisprecher über einen Sexualstraftäter.

Gruß Fritz

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Der „erdrutschartige“ Sieg von Parteien…
Ursprünglich wurde „erdrutschartig“ im Zshg. mit großen Verlusten benutzt, das konnte man ja vielleicht noch halbwegs gelten lassen. Jetzt wird es aber auch immer im Zshg. mit überragenden Zugewinnen benutzt - das paßt ja nun gar nicht.

Auch: das Evakuieren von Menschen…
Man evakuiert Orte, nicht Menschen, oder?

Man liest so viele hirnlose Journalistenphrasen, bei denen man weiß: der hat überhaupt nict darüber nachgedacht, was er da für Formulierungen verwendet, daß Deine Frage eine ständige Rubrik sein müßte. So auf Abfrage fallen einem die besten Sachen gar nicht ein…

Ciao, Wotan

Hallo Gandalf,

wenn Verletzte geborgen werden, krieg ich immer einen Koller,
denn Bergen ist das Einbringen von Toten und Material, Retten
liegt vor, wenn Verletzte aus dem Gefahrenbereich gebracht und
versorgt werden (das ist in irgend einer DIN sogar geregelt).

Eben! DIN-Fachsprache von Rettern und kein lebendiges Deutsch! Man kann in einem
Artikel schließlich nicht drei Mal hintereinander retten und Retter schreiben;
dagegen fühle ich mich ganz schön geborgen, wenn mich einer aus einem
zusammengestürzten Haus gezogen und in eine wärmende Decke gepackt hat …
Dass das in Euren Berichten retten heißen muss, ist ja was anderes. Ich lass es
ja auch gelten, wenn ein Kollege in einer Mietrechtsgeschichte vom Hausbesitzer
schreibt, obwohl juristisch der Hausbesitzer der Mieter ist und der, der
eigentlich gemeint war, der Hauseigentümer).
Gruß
Bolo

Hi Fritz,

„Er hat zum Nachteil der Mädchen sexuell an ihnen gehandelt!“

Ein Polizeisprecher über einen Sexualstraftäter.

das ist der typische Polizist als Rechtsgelehrter. Das geht immer daneben.
Polizisten meinen immer, sie seien so eine Art Richter und sollten die Situation
rechtlich beurteilen. Da kommt dann sowas raus – bei den Juristen wird im Prozess
etwas so dargestellt: Räuberische Erpressung z. N. v. Rudolf Böhler (stand so
auch in meiner Akte). Genauso erfinden sie immer Straftatbestände, die es nicht
gibt (Mundraub, Einbruchdiebstahl usw.) und verzwexeln Tatbestand und
Sachverhalt.

Gruß
Bolo

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Hallo alle,

viel Schrott wird von den Kollegen auch von Politikern übernommen. Ich kann die
unsägliche Kanzlerfloskel „ich habe deutlich gemacht“ nicht mehr hören! Kann er
nicht einfach was nur sagen? Zur Not vielleicht noch betonen? Nein, er ist so
wichtig, dass er anderen immer was deutlich macht (sonst würden sie’s ja nicht
verstehen oder nicht ernst nehmen). Solche Floskeln werden dann Mode und
kritiklos einverleibt.
Aber ich habe nicht vergessen, wie hektisch es im Tagesjournalismus zugeht. Da
muss man denen schon was nachsehen. Aber man kann sich ja auch nach einiger Zeit
wieder was anderes angwöhnen …

Gruß
Bolo2L

Hallo, Bolo,

prima, dass du das ansprichst!

viel Schrott wird von den Kollegen auch von Politikern übernommen.

Das ist nun gerade der Grund, wenn ich hier immer wieder auf solche Sprachvergewaltigungen hinweise - sehr zum Unwillen Alexanders -, denn wenn es diese Leuchten vorsingen, gröhlt bald die ganze Bande mit.

Solche Floskeln werden dann Mode und kritiklos einverleibt.

Ebent! :wink:

In seinem neuen Buch

Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit ISBN 3-455-09495-3 Buch anschauen beschäftigt sich Dieter E. Zimmer auch mit diesem Phänomen.

Ein Buch das ich wärmstens empfehlen kann, obwohl ich erst zwei Essays daraus gelesen habe; und das in die hiesige Liste der „Empfohlenen Bücher“ aufgenommen werden sollte. *hintMODhint*

Nur eine Kostprobe. Was meint ihr bedeutet der Satz:

„Permission-Marketing ist eine spezielle Form des Direktmarketings und des One-to-One-Marketings, welches die Mass-Customization mit dem Customer Relationship Mangment (CRM) kombiniert.“ ?

Gruß Fritz

Hab auch noch was, was mich seit langem anödet:
Egal, welch martialisches Großverbrechen auf dieser Erde auch geschieht, seien es Selbstmordattentat, Kriegserklärungen oder das Verhungernlassen hunderttausender Menschen in Afrika, immer gibt es Politiker oder Gremien, die das dann „auf´s Schärfste verurteilen“ und natürlich Journalisten, die dieses Stroh als brisante Meldung verbreiten.

Hi Fritz,
danke für den Buchtipp, dem werde ich nachgehen. (Was macht Zimmer eigentlich heute - außer Bücher schreiben? Als Journalist tritt er ja nicht mehr in Erscheinung.)
Ich finde jedoch, dass sich der Beispielsatz nicht zur Sprachkritik eignet. Es handelt sich um einen klaren Fall von Fachsprache: Marketing-Denglisch. Niemand käme auf die Idee, Medizinern ihr Medizinerlatein vorzuhalten. Die Sprache richtet sich an Eingeweihte, die das PR-Rotwelsch verstehen sollten. Wenn wir Nicht-Fachleute den nicht verstehen, ist das kein Grund, ihn als Sprachverhunzung zu verdammen.
Gruß
André