Fortsetzung 'Gefühle nicht wahrnehmen'

Hallo,
Ich hatte vor ein paar Wochen schonmal ne Anfrage hier reingestellt, damals sehr allgemein gehalten (/t/gefuehle-nicht-wahrnehmen/5314241

Ich hatte danach so ungefähr verstanden, woher meine Probleme wohl kommen und gehofft, dadurch besteht die Chance der Besserung, war aber nix.

Also, ich fange von vorn an und versuch mich kurz zu halten (mal sehn *g*).
Ich hatte vor 3 Jahren für 4 Monate einen Freund, zu dem ich eine seelische Verbindung gesprürt habe wie vorher zu keinem anderen Menschen. Ich war der Überzeugung, die Liebe meines Lebens gefunden zu haben.
Nach den 4 Monaten ist er gestorben. Ich hätte es vielleicht verhindern können, wenn ich richtig reagiert hätte, hab ich aber nicht.
Ich dachte damals, ich könnte ihn in mir weiterleben lassen. Das hat nicht funktioniert, stattdessen bin ich innerlich mit ihm gestorben.
Ein gewisses Gefühl der Zuneigung, Zusammengehörigkeit, Seelenverwandschaft habe ich heute immernoch, wenn ich an ihn denke.

Ich bin damals zu meinem Ex zurück (mit dem ich vorher zusammen gewesen war und der mich durchgehend mit seiner Mitleidsmasche belagerte), weil ich zu schwach war um ganz alleine sein zu können. Und dachte, dass ich mich eh nie wieder verlieben kann und folglich meine Existenz wenigstens noch dazu nutzen könnte, meinem Ex diesen Gefallen zu tun. Ich seh heute ein, dass das ein großer Fehler war, wohl mein größter bisher.

Was soll ich sagen, nachdem ich 1,5 Jahre durch das dunkle tiefe Loch gegangen bin (ich glaube, ich hab mich wirklich damit beschäftigt und wenig verdrängt), habe ich mich wieder verliebt. Und bin nach einigem Hinundher auch mit ihm zusammengekommen. Es ist meine einzige Chance, wieder glücklich zu werden.

Nun habe ich aber die im letzten Posting beschriebenen unschönen Phänomene. Oft fühle ich mich glücklich, aber es kommt auch viel zu oft vor, dass mir stattdessen schlecht wird (anfangs habe ich eher garnichts wirklich gespürt).
Ich kann nicht so genau einschätzen, warum.
Ist es schlechtes Gewissen gegenüber meinem verstorbenen Freund? Oder die Angst, wieder in das Loch zu fallen, wenn ich mich auf eine neue Beziehnung einlasse? (Man kann nur glücklich sein, wenn man auch unglücklich sein kann. Aber auch umgekehrt.)
Oder aber irgendwelche schlechten Assoziationen durch die mehr oder weniger ungewollte Beziehnung danach (die eigendlich eher freundschaftlichen Charakter hattte, aber ich wurde auch viel unter Druck gesetzt). Ich komm nicht dahinter.

Hat irgendjemand einen Vorschlag für mich? Oder ähnliche Erfahrungen?
[Zu dem sicher kommenden Vorschlag ‚Therapie‘: Beim Psychotherapeuten kriegt man hier keinen Termin, nicht ohne halbes Jahr Wartezeit. Und zum Psychater mich mit Medikamenten vollpumpen lassen will ich nicht.]

Viele Grüße,
Bolt.

Hallo Black Bolt,

danke für die Aufläsung der rätselhaften Anfrage aus dem ersten Posting. So wird doch einiges klarer.

Mir fällt an Deiner Schilderung folgendes auf:

Und dachte, dass ich mich eh nie
wieder verlieben kann und folglich meine Existenz wenigstens
noch dazu nutzen könnte, meinem Ex diesen Gefallen zu tun.

sowie

Und bin nach einigem Hinundher auch mit ihm
zusammengekommen. Es ist meine einzige Chance, wieder
glücklich zu werden.

Du scheinst zu denken, dass Dein Leben keinen Wert mehr zu haben scheint, bzw. dass Du nach Deinem verstorbenen Freund keine Chance mehr auf eine neue Liebe hast.

Kann es sein, dass Du Dich mit diesem Gedanken viel zu sehr unter Druck setzt? Und kann es sein, dass Du vor lauter Angst, alleine zu sein, Kompromisse eingehst, die Du eigentlich nicht garnicht willst?

Beimir entsteht der Eindruck, dass Du noch nicht wirklich über den Verlust und den Tod Deiner großen Liebe hinweg bist - auch wenn Du Dich damit lange auseinandergesetzt hast.
Vielleicht solltest Du besser eine zeitlang alleine leben - oder zumindest Dich selbst besser kennenlernen. Nur so wirst Du erkennen, dass Du keine Angst vor dem Alleinsein haben musst und wirst lernen, welche Bedürfnisse Du wirklich hast (denn die können sich nicht wirklich entwickeln, wenn Du immer Angst haben musst, die letzte Chance auf Liebe - also Deinen jetzigen Partner - möglicherweise damit zu verkraulen).

Als Sofortmaßnahme würde ich Dir eine Familienaufstellung empfehlen. Darin kannst Du beispielsweise noch einmal Deine Gefühle (und auch Deine Schuldgefühle) gegenüber Deinem verstorbenen Freund aufarbeiten. Außerdem kannst Du Dir dabei klarer werden darüber, warum Du keine Gefühle wahrnehmen kannst, bzw meinst, mitgestorben zu sein…

Die Wartezeiten dafür sind nicht allzu lang. Und auch wenn man von einer Familienaufstellung nicht überzeugt ist (sie kann so oder so durchgeführt werden und es gibt einige Kritiker), so ist sie doch m.M. nach ein gutes Mittel, um sich seiner eigenen Gefühle/Gedanken bewusster zu werden. Oftmals ein wichtiger Anstoss, um ein Problem auch mal von einer anderen Seite aus angehen zu können.

Liebe Grüße
Stefanie

Liebe Stefanie,
Danke für deine Gedanken. Vieles davon trifft es, manches will ich wohl auch nicht so richtig wahr haben.

Du scheinst zu denken, dass Dein Leben keinen Wert mehr zu
haben scheint, bzw. dass Du nach Deinem verstorbenen Freund
keine Chance mehr auf eine neue Liebe hast.

Ja. Nicht SO eine. Und: Die Übelkeit tritt auf, wenn ich mir versuche zu sagen, dass es anders ist. Oder dass ich die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen sollte.
Ich hoffe ja, dass ich in der *Akzeptanz* der Vergangenheit Ruhe für die neue Liebe finden kann. Irgendwie so. Kann das funktionieren?
Wenn was klar ist, dann, dass mein damaliger Freund gewollt hätte, dass ich wieder glücklich werde. Drum passt meine Reaktion so garnicht, irgendwie.

Kann es sein, dass Du Dich mit diesem Gedanken viel zu sehr
unter Druck setzt? Und kann es sein, dass Du vor lauter Angst,
alleine zu sein, Kompromisse eingehst, die Du eigentlich nicht
garnicht willst?

Naja, das nicht unbedingt, glaub ich. Ich hatte mich damit abgefunden allein zu sein, und mich nach der Depri-Phase auch zu einer ganz guten Zufriedenheit hinentwickelt (Kleinigkeiten genießen eben). Ich kann auch keine „Kompromisse“ sehen - es gibt nichts handfestes, was mich an meiner jetzigen Situation stören würde.

Vielleicht solltest Du besser eine zeitlang alleine leben -
oder zumindest Dich selbst besser kennenlernen.

Nunja, um letzteres komme ich wohl schlecht drumrum. Ich arbeite dran *g*

Was die Familienaufstellung angeht - netter Gedanke zwar, aber ich habs schonmal probiert (mit nem anderen Problem) und war nicht wirklich überzeugt (ich glaube, es war auch keine sonderlich professionelle Variante, wenn auch bei meiner damaligen Psychotherapeutin…)

Danke nochmal.
Viele Grüße,
Bolt.