Hallo Michael
Die Frage, die sich für mich nun ergibt:
WIE erkenne ich, welche Biblischen Vorschriften heute noch
gelten!
Ist das nicht einfach kulturell bedingt?
Mit dieser Frage hat sich schon das Judentum in seiner ganzen Geschichte bis jetzt ständig und ununterbrochen beschäftigt. Ein Ergebnis sind beispielsweise die riesigen Kommentare des Talmud, wo immer wieder versucht wurde, das Gesetz mit dem persönlichen Leben in Übereinstimmung zu bringen. Oft sind dadurch auch ganz neue, noch detailliertere Gestze entstanden, die den Menschen mehr eingeschränkt als befreit haben.
Das Problem ist also nicht neu, betrifft nicht nur die Christen und war schon in biblischer Zeit aktuell (z. B. seit dem wachsenden Einfluss der griechischen Kultur).
Problematisch wird es dann, wenn man erkennt, dass ein Gebot in meinem heutigen Leben noch umsetzbar ist, aber unangenehme Konsequenzen haben könnte (Änderung des bisherigen Lebenswandels). Da ist es natürlich leicht zu sagen „das kann heute nicht mehr so gelten“ (das will ich Dir jetzt aber nicht unterstellen).
Ich meine, nach christlicher Überzeugung kann jeder der
göttlichen Einsicht zuteil werden.
Das ist richtig; dafür gibt es aber drei Voraussetzungen:
- Man muss die Bibel ganz und im Zusammenhang lesen und die größeren inneren Zusammenhänge ergründen, nicht nur einzelne Verse herausreißen und sagen „das passt heute so nicht mehr“.
- Wenn man eine persönliche Beziehung zu Gott hat, offenbart einem der heilige Geist, wie der Autor (Gott) die Dinge gemeint haben könnte.
- Seit Jesus Christus (der das Gesetz vollständig erfüllt hat) ist das Gesetz nicht mehr der Weg zu Gott, offenbart aber trotzdem noch Gottes Wertmaßstäbe. Das Gesetz zeigt also immer noch die Diskrepanz zwischen der Größe Gottes und der Sündhaftigkeit des Menschen.
Sollen da irgendwelche Bischöfe, Superintendenten und was auch
immer festlegen, was nun moralisch für mich gilt.
Nein - denn dann würden sie (genau wie manche jüdischen Schriftgelehrten) wieder ein neues Gesetz schaffen, das den Menschen nur einengt. Und dass die Christen laut Paulus nicht an das jüdische Gesetz gebunden sind, wurde schon erwähnt. Trotzdem hat sich Gott mit seinen Wertmaßstäben bis heute nicht verändert.
Ich frage
mich, wieso haben derartige Bibeldeuter eine tiefere Einsicht
in die göttlichen Pläne als meine Wenigkeit.
Wie gesagt: Die Bibel als Ganzes lesen, gute Kommentare zu Rate ziehen, beim „Chef“ (=Gott) selbst nachfragen… und trotzdem werden Fragen offen bleiben! Dieser Prozess dauert ein ganzes Leben lang.
das ist doch schlichte Esoterik, Die „Eingeweihten“ wissen
mehr als das Fußvolk…
Wenn man das Wort „Esoterik“ in seiner Grundbedeutung sieht, hast Du schon recht, aber mit Magie hat Bibelverständnis absolut nichts zu tun! Selbst wenn man eine persönliche Beziehung zu Gott nicht möchte, kann man mit rein intellektueller Beschäftigung (Bibel + Kommentare) schon recht weit kommen.
Oder…
Ist die göttliche Schrift etwa nicht göttlich?
Doch - sie ist von Gott inspiriert und von Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Kenntnissen, Persönlichkeiten usw. aufgeschrieben worden. Darum hat sie (zum Glück) keinen Einheitsbrei-Stil, sondern ist sehr vielfältig.
Nun aber mal ein paar praktische Beispiele aus dem Hörerbrief:
„Ich weiß, daß ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (Lev. 15:19-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich hab versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.“
–> Das ist doch offensichtlich, dass das einerseits der Hygiene dient und andererseits die Frau in diesen „anstrengenden“ Tagen vielleicht vor etwas aufdringlichen Männern schützen soll!?!
„Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. Exodus 35:2 stellt deutlich fest, daß er getötet werden muß. Allerdings: bin ich moralisch verpflichtet ihn eigenhändig zu töten?“
–> Erstens widerspricht das dem Gebot „Du sollst nicht töten“. Zweitens kann man aber den Nachbarn ja mal vorsichtig darauf ansprechen und ihm sagen, dass das nicht der Schöpferordnung Gottes entspricht und nebenbei seiner Gesundheit schadet. Mal sehen, wie er reagiert?!?
„Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, daß dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (Lev. 1:9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?“
–> Der Opferdienst war im AT nur den Priestern erlaubt und fand im innersten Vorhof des Tempels statt - weit weg von jedem Wohngebiet. Niemand hat verlangt, dies als Nicht-Priester in einem privaten Garten durchzuführen.
Der ganze Brief ist natürlich provokativ, zeigt aber, dass der Autor wahrscheinlich gar kein rechtes Interesse hat, sich mit Hilfe seines VERSTANDES mit der Thematik zu beschäftigen. Vielleicht müsste sich sein Leben ja ändern.
Herzliche Grüße
Alex