Psychoanalyse in a nutshell
Hi Zamioc
genau darum:
Oder ist das dann die Stelle wo die Psychologen sagen, daß es auch unbewußte Absichten gibt?
scheint mir, bist du die ganze Zeit herumgekreist? *lach*
zumindest bei dem interessanten Beispiel des Users „chancen verbauen“ (ich fände es sehr interessant, wenn er hier mitlesen würde! Und noch interessanter, wenn er sich dazu äußern würde, was ihr hier diskutiert!). Du scheinst den Verdacht zu haben, daß nicht alles, was uns bewegt, was wir tun, empfinden, erleben, rational, kausal, in wenn-dann-Zusammenhängen erklärbar ist …
Das geht mir genauso und daher will ich mal - angestoßen durch das Posting von Tobias - einen kurzen Abriss versuchen über eine Theorie, die sich damit beschäftigt.
Wenn man Verhalten nicht nur an der physikalisch-empirischen (nach bestimmten statistisch gefundenen Gesetzmäßigkeiten analysierbaren) Oberfläche betrachtet, auf der es durch Lernprozesse korrigierbar ist (falls Korrekturen aus irgendwelchen Gründen gewünscht werden), dann erscheinen auch paradox anmutende Handlungsweisen und unerklärliche eigene Empfindungen in einem anderen Licht.
Die Psychoanalyse - das wäre ein Beispiel für Alternativen, nach denen Tobias fragt - erweitert den Begriff der handelnden und erlebenden Person (Subjekt, Selbst) um den Begriff des unbewußten Handelns und Erlebens. Unbewußte Absichten, unbewußte Phantasien liegen einem Handeln, Erleben zugrunde, das rational (also nach Zielen und Anlässen befragt) nicht erklärbar, begründbar wäre. Aber weil diese Absichten nicht bewußt sind, können die daraus folgenden Handlungen auch nicht ohne weiteres verändert werden. Der Wille der Person wird so durch irgendwelche unbewußten Gedankengänge behindert - unbewußte Absichten, Phantasien haben die Handlungsautonomie übernommen. Irgendetwas „im“ Selbst entmündigt das bewußte Selbst, so, daß es sich widersprüchlich zu verhalten scheint.
So kann sich z.B. bei einer Borderline-Persönlichkeit die Beziehungsstruktur so ausdrücken „ich hasse dich! verlaß mich nicht!“ (daher auch der Titel eines bekannten Einführungsbuches darüber), oder, was dasselbe ist „ich will, daß du aus meinem Leben verschwindest, weil ich dich líebe!“ …
Das erscheint widersprüchlich, aber wenn man dann die unbewußten dazugehörigen Gedankengänge und Erlebensweisen erhellt hat, sieht man, daß diese wiederum gar nicht widersprüchlich sind, sondern daß diese Ausdrucksweise im höchsten Maße konsequent (allerdings nur für diese eine Person gültig) gedacht ist! Das (und das ist ja nur ein angedeutetes Beispiel), würde ich sagen, rechtfertigt das Konzept des „Unbewußten“.
Oder, um in deinem Beispiel mit den Konsequenzen zu bleiben: Ich verstehe nicht, warum ich immer wieder etwas tue, was Konsequenzen hat, die ich eigentlich gar nicht will. „Ich weiß nicht, wieso es mich antörnt, Kleinwagen von der Autobahn zu schießen“. Oder, wie busy schrieb „ich weiß nicht, warum ich meine Liebesbeziehung, meine beruflichen Chancen zerstöre“. Die Antwort wäre in der Denkweise der PsA, es gibt dennoch Gründe für dein Handeln, und Absichten, die durch genau dieses Handeln realisiert werden, aber vorerst weißt du selbst von diesen Absichten nichts - m.a.W. sie sind unbewußt.
Beim Prozeß der Erhellung der diesen Dingen unbewußt zugrundeliegenden Gedankengänge wird sich dann zeigen, daß Ausdrücke wie
„ich zerstöre meine Liebesbeziehung“ oder
„mir gelingt es nicht, in meiner Woihnung Ordnung zu halten“ oder
„ich leide darunter, daß ich beim Sex keine Lust empfinde“ oder
„ich versage bei prüfungen immer“ oder
„mir ist es peinlich, daß ich bei der geringsten Aufregung rot im Gesicht werde“
schlichtweg falsche Beschreibungen sind von dem, was da eigentlich passiert bzw in jemandem vorgeht. Es sind Selbst-Beschreibungen, die die unbewußten, also eigentlichen Gedankengänge kaschieren und das Bewußtsein so davor schützen, sich selbst zu durchschauen bei dem Spiel, das es mit sich selbst macht.
Die Psychoanalytische Therapietheorie geht nun davon aus, daß das Bewußtmachen (ich würde lieber sagen: das Bewußtwerdenlassen, aber darüber bin ich Streit mit den Analytikern) dieser unbewußten Motivationen das souverän handelnde Subjekt (oder Selbst) wieder vervollständigt, indem es die vormals „verdrängten“ Beweggründe dem Willen und dem rationalen Wissen um sich selbst wieder zufügt, die „abgespaltenen“ Motive („Selbstanteile“) wieder in die Handlungssouveränität übergibt.
Das ist allerdings noch nicht alles, wenn es darum geht, die Realität des Handelns (und Erlebens) zu korrigieren, denn die vormals unbewußten Inhalte, sind ja dadurch, daß sie jetzt gewußt werden, nicht verschwunden. Die PsA drückt das so aus: Die „Einsicht“ allein macht die Person zwar möglicherweise „heil“, aber die Person muß sich mit diesem nun erweiterten Wissen um sich selbst ja in ihrer Lebenswelt ganz neu orientieren.
Dieser Prozess, der „durcharbeiten“ in der Fachsprache heißt, wird leider oft aus der Therapie ausgeklammert. Die Therapie wird oft mit der „Einsicht“ als beendet aufgefaßt (und empfunden!!), wenn aber der Person (dem „Patienten“) die „Durcharbeitung“ nicht gelingt, dann weiß er zwar jetzt, „was mit ihm los ist“, aber seine Handlungsweise, Erlebensweise bleibt dieselbe wie vorher. Daher mag es kommen, daß manche Erhebungen von Therapieerfolgen die PsA relativ schlecht aussehen lassen.
Das wäre etwa eine Kurzbeschreibung, worum es in der PsA geht, allerdings ist das nur ein kleiner Spot, der keineswegs eine Eindruck von dem Gesamten wiedergeben kann, was man unter PsA versteht. Es gibt gan viele - auch kontroverse - Konzepte des „Unbewußten“ und vor allem, es gibt erhebliche Weiterentwicklungen seit den Anfängen bei Freud, Ferenci, Jung, Adler usw. Und das ganze dreht sich auch bei Weitem nicht bloß um den Begriff des Unbewußten …
Aber das soll mal reichen jetzt … gute Nacht
Grüße
Metapher