Frage des Gebrauchs der Sprache
Hallo,
nachdem Jule und viele andere dir die Basics erklärt haben zu deiner Frage
Warum wird so etwas erst nach ganz vielen Jahren erzählt ?
und Janina einen Kommentar schrieb, den ich Satz für Satz unterstreichen möchte, hier noch ein paar Zusätze.
in der Bekanntschaft eine Frau, Mitte 30, die erst jetzt erzählt
Hier drängt sich wirklich die Frage auf, ob diese Frau in einen Kreis geraten ist, in dem dieses kürzliche Outing als „Weißte schon das Neuesete?“ herumgetragen wird. Hoffen wir, daß es anders ist. Denn sonst wäre genau soetwas ebenfalls einer der Gründe, weshalb eine Frau mit solchem Hintergrund sich nicht darüber äußert.
Es gibt außer dem „Schweigen“, das hier im Wesentlichen erklärt und begründet wurde, noch einen anderen Grund, weshalb genannte Erfahrungen erst viele Jahre, manchmal Jahrzehnte später erst zur Sprache kommen.
Es gibt eine (unwillkürliche) Reaktion auf traumatische Situationen, zu der die Psyche prinzipiell fähig ist und die (ganz oberflächlich betrachtet!) eine gewisse Ähnlichkeit mit „Vergessen“ hat (den Fachbegriff dazu erwähne ich hier aus Gründen erst gar nicht).
Diese Reaktion ist eine Bewältigungsstrategie, die es einem Betroffenen möglich macht, eben manchmal über Jahre so zu leben „als wäre nicht passiert“. Auch eine - wie du zu sagen bevorzugst - „normale“ Sexualität ist dann möglich. Aber auch das ist nur oberflächlich betrachtet. Es ist nur so, daß (für solche Wahrnehmungen zu unsensiblen) Partnern nichts auffällt und auch die Betroffenen selbst sich ggf. Symptome ganz anders „erklären“.
Irgendwann kann dann aber ein Ereignis diesen Schutzmechanismus aufbrechen. Zu diesen Ereignissen kann, neben vielen anderen, manchmal auch ein neuer Partner zählen, zu dem ein besonderes Vertrauensverhältnis entwickelt wird. Dann können sich die, dem Bewußtsein gar nicht zugänglichen, „Sicherheitsriegel“ öffnen. Das zeigt sich dann im Öffnen der Erinnerung einerseits (mit allen Konsequenzen), und andererseits in der Bereitschaft zum Outen - allerdings ausschließlich(!) dieser Vertrauensperson gegenüber.
Was passiert, wenn dieses Vertrauen dann aber gebrochen wird (siehe oben), brauche ich sicher nicht auszumalen. Deine Äußerung
Ihr Freund bekommt langsam einen dicken Hals.
weist auf zweierlei Weise in eine Richtung, die, sehr diplomatisch gesagt, der Frau nicht gut tun wird.
Zurück zur Frage. Natürlich kann und muss man nicht jedem auf
die Nase binden, dass man missbraucht wurde. Aber spätestens,
wenn es Richtung Verlobung geht, würde ich mit offenen Karten spielen.
„Auf die Nase binden“, „mit offenen Karten spielen“, „dicken Hals“ … deine Frage läßt sich auch ganz einfach beantworten: „Weil die Folgen solcher Erfahrungen eine ganz andere Kategorie von Problemen darstellt als ein verheimlichtes Pickel auf dem Hintern, oder ein gebrochener Arm, oder - um in der den Zitaten entgegenkommenden Sprache zu sprechen - eine kaputte Zylinderkopfdichtung“
Gruß
Metapher