Hallo Ralf, Hallo Feldmarschall,
da wird von Euch beiden doch tatsächlich in Erwägung gezogen, dass man notfalls 100.000 Mann oder alle deutschen Truppen in einen Kolonialkrieg geschickt hätte, um auf alle Fälle zu gewinnen.
Das ist völlig absurd. Nehmen wir wieder das Beispiel Herero- und Hottentottenkrieg. Deutschland war nicht einmal in der Lage, die ca. 20.000 Soldaten, die von 1903 - 1908 insgesamt (nie gleichzeitig!) im Einsatz waren, ausreichend zu versorgen. Lest Euch doch mal die zeitgenössischen Berichte durch! Da ist die Rede von gekürzten Rationen, Verwundeten die mangels Betten in den Feldlazaretten auf dem Boden schlafen mussten, Soldaten welche sich mangels Stiefeln Felle um die Füße wickelten, Soldaten welche Hüte trugen, die man von den Hottentotten erbeutet hatte, da keine eigenen vorhanden waren, Soldaten welche mangels ausreichender Wasserversorgung aus verseuchten Dreckpfützen trinken mussten usw. Im Januar 1906 meldete Hauptmann v. Erckert dem Hauptquartier: „… der Gesundheitszustand der Männer ist schlecht, die Ausrüstung ist in schlechtem Zustand, es mangelt an dem notwendigsten, Tag für Tag gehen Tiere ein“. Zu diesem Zeitpunkt war die Schutztruppe mangels Versorgung zu einer offensiven Kampfführung überhaupt nicht mehr in der Lage, wie selbst der Große Generalstab in seinen amtlichen Werken zugeben muss. Dabei waren zu diesem Zeitpunkt keine 10.000 Mann in Südwestafrika stationiert. Tatsächlich wäre eine weitaus größere Truppenzahl notwendig gewesen, um den Krieg erfolgreich führen zu können. Aus den einschlägigen Werken des Großen Generalstabes (die Euch aber offensichtlich nicht bekannt sind) geht hervor, dass die Versorgung einer größeren Zahl an Truppen in den Kampfgebieten zu den damaligen Gegebenheiten gar nicht möglich war.
Da soll mir doch mal einer von Euch erklären, wie z. B. eine 100.000 Mann starke Truppe in Deutsch-Südwestafrika hätte versorgt werden sollen. Wo hätte denn u. a. das Trinkwasser für 100.000 Mann mit mind. 150.000 Reit- und Zugtieren herkommen sollen? Völlig unmöglich! Und das ist nicht schnell daher gesagt, sondern basiert auf jahrelangen gründlichen Recherchen. Anderen Forumteilnehmern empfehle ich ähnliche Bemühungen, bevor sie sich zu Wort melden.
Und hier noch eine Anmerkung zu der Aussage des Feldmarschalls:
Man hätte notfalls vielleicht auch noch versuchen
können, alle deutschen Truppen auf Südwestafrika zu
konzentrieren und das ganze Volk auszurotten, aber das konnte
überhaupt nicht von Interesse sein.
Auch hier scheint es ein wenig an militärischem Fachwissen zu mangeln. Der Chef des deutschen Generalstabes v. Schlieffen teilte dem Reichskanzler v. Bülow im Dezember 1904 mit, dass es militärisch unmöglich sei, das Volk der Hereros zu vernichten. Statt dessen solle doch versucht werden, die Hereros mittels einer Proklamation zur Übergabe zu veranlassen. Was dann ja auch später geschah. Im Gegensatz zum Feldmarschall war sich v. Schlieffen darüber klar, dass man eben nicht notfalls vielleicht auch noch versuchen konnte, alle deutschen Truppen nach Südwestafrika zu schicken.
Im Reichstag gab es angesichts des sich in die Länge ziehenden Krieges, der Schwierigkeiten vor Ort, der hohen Verluste und der immensen Kosten sogar Forderungen zu einem einseitigen Waffenstillstand seitens der SPD. Ein solcher Waffenstillstand hätte faktisch nichts anderes bedeutet, als tatsächlich ein Stück des deutschen Schutzgebietes den „Wilden“ zu überlassen, unter einer pro-forma deutschen Oberherrschaft, um nach außen hin halbwegs das Gesicht zu wahren. Also war eine Lösung des Konflikts, die Ralfs Ansicht nach für Europäer nicht akzeptabel gewesen wäre, für eine der damals wie heute führenden deutschen Parteien sehr wohl akzeptabel. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich für die Forderung der SPD in der deutschen Öffentlichkeit keine Mehrheit fand, wie die „Hottentottenwahlen“ zeigten.
Zusammengefasst lässt sich folgendes sagen: Eure Ausführungen über die angeblichen militärischen Möglichkeiten der Kolonialmächte zeigen neben mangelndem Fachwissen jene eurozentrische Denkweise, welche Brigitte Lau in ihrem Aufsatz „Ungewisse Gewissheiten“ zurecht kritisiert: „… sie (die Deutschen) zu Übermenschen römischen Ausmaßes zu machen, die unerschrocken mit todbringenden Armeen in gänzlich fremden Gebieten operierten.“ … „Die Herero und Nama scheinen in der Rolle der Opfer hilflos gegen solche Übermenschen. Europäische Gelehrte und Politiker haben sich Afrikaner seit Beginn der Kolonisation in solchen Rollen vorgestellt und tun dies anscheinend bis zum heutigen Tag. Die Fallstricke solch eurozentrischer Darstellungen, die nur der afrikanischen Sache zu dienen scheinen, in Wirklichkeit aber die totale Überlegenheit der Kolonisatoren geltend machen (Man vergleiche hierzu Ralfs Äußerung: Das „Wie“ war dabei nicht so dramatisch, da die kolonisierten Völker nichts hatten, was sie der modernen europäischen Militärtechnik entgegen setzen konnten), wurden von vielen afrikanischen Gelehrten in unabhängigen Ländern Afrikas aufgezeigt und analysiert.“
Im übrigen bleibt es bei meinen ursprünglichen Feststellungen: Die Bezeichnung „einheimische Hilfstruppen“ für reguläre Einheiten ist falsch, zeugt von wenig Fachkenntnis und führt bei Lesern des Forums zu Irritationen. Genauso falsch ist die Behauptung über die kolonisierten Völker, welche der modernen europäischen Militärtechnik nichts entgegen setzen konnten.
Gruß, Heike