Hallo Stefan,
Für mich steht dabei allerdings zur Frage, wie anerkannt
Freuds Gedankengänge und Annahmen heute noch sind.
Ein entscheidender Punkt ist erst mal: bei wem anerkannt?
In Bereich der Psychologie ist die Psychoanalyse sicherlich anerkannt (wenngleich nicht nur Dr. O. Walter sie gerne aberkennen würde), und ist neben der Verhaltenstherapie (eingeschlossen kognitiver Therapie) das einzige kassenzugelassene Psychotherapieverfahren in Deutschland.
Innerhalb der Psychoanalyse, deren Bandbreite heutzutage doch beträchtlich ist, ist Freud ganz sicher als der Gründer und Einheitsstifter dieses Paradigmas anerkannt (es ist durchaus Konsens, dass Freud viele Gedankengänge der heutigen Psychoanalyse bereits begonnen, die meisten aber noch nicht oder eben mangelhaft zu Ende geführt habe).
Ansonsten spielt er noch immer eine wichtige Rolle in den Literatur- und Kunstwissenschaften und auch in der Philosophie (jeweils vornehmlich vermittelt/weitergeführt durch Lacan und Derrida und deren Anhänger).
Überhaupt ist Weiterführung das entscheidende Stichwort: selbstverständlich hat sich die Wissenschaft (ob psychologische Psychoanalyse oder psychoanalytisch inspirierte Literaturwissenschaft oder Philosophie) weiter- und damit von Freud wegentwickelt, was aber nicht heißt, dass dieser dort nur noch eine fachhistorische Figur wäre.
Der
„Penisneid“ ist wohl sehr umstritten (was ich gut
nachvollziehen kann); aber wie steht’s um andere Dinge?
das was am ehesten von allen Weiterführungen abgelegt wurde, ist Freuds metapsychologischer Überbau (das heißt nicht, dass die Aussagen aus diesen Bereichen gänzlich getilgt worden wären, aber dass diese Aussagen entweder empirischer Überprüfbarkeit zugeführt worden sind oder im Zuge und in Nachfolge Levi-Strauss’ und Lacans einer allgemeinen Metaphysikkritik ausgesetzt wurden)
Z.B. die Sublimierung von sexueller Triebenergie (verzeiht
unmögliche Fachwort-Konstruktionen, hier spricht der Laie) in
kulturell schaffende Energie, künstlerische Kraft usw.
der dahintersteckende Energetismus-Gedanke, also dass Sexualenergie auf Reisen ginge und dann in Kulturleistung sich niederschlüge, ist wohl nirgendwo mehr haltbar.
In vielen Formen der Psychoanalyse ist Sublimierung noch immer als Abwehrmechanismus anerkannt, Lacan und seine Nachfolger verzichten auf den Begriff, weil er als Energetismus nicht haltbar, ohne energetische Annahme aber inhaltsleer sei.
Ein Gedanke von mir ist nämlich hierauf bezogen. Wäre
kulturell schaffendes Tun nur durch die Sublimierung von
sexueller Energie möglich, würde es bedeuten, privates Glück
auch in der Arbeit zu finden.
Den Gedanken finde ich nicht gerade sehr zwingend:
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Wenn ein Begriff wie Sublimierung überhaupt sinnvoll angewendet werden kann, dann nur als Entweder-Oder. Das heißt, entweder man stellt sich jede Kulturleistung als verbunden mit Sexualität vor, oder aben als unverbunden. Dein „nur“, also den Gedanken ein Teil des Kulturschaffens könne sublimiert sein, ein anderer nicht, lässt Freuds Theorie bzw. auch der Sublimierungsbegriff nicht zu.
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Wenn Du sagst, dass wenn Kulturschaffen immer sublimierte Sexualenergie voraussetzen würde, man in der Arbeit Glück (diesen Begriff lehnt Freud ab!) finden könnte, dann übersiehst du die Tatsache, dass Freud, und nach ihm noch stärker einige Vertreter des sog. Freudomarxismus, ein „Energiedifferential“ konzipieren zwischen unsublimierter (höher) und sublimierter Triebbefriedigung (niedriger).
Und viel mehr noch, dass unsere Arbeitswelt ganz sicher nicht an unseren „Triebbefriedigungssulimierungswünschen“ ausgerichtet ist, sondern an ökonomischer Rationalität.
Dann könnte man beispielsweise
auch Arbeitswut als Fliehen von privaten Problemen deuten
(Ließe sich so der sog.
Workaholic erklären?
das wird ja auch gemacht, und nicht nur in der Psychoanalyse;
Arbeitssucht, weil ihm die schaffende
Tätigkeit das bringen soll, was eigentlich Sex und Liebe
hervorrufen sollen?)
Das wiederum hat wahrscheinlich mit Freud und der Psychoanalyse wenig zu tun, weil zu beachten ist, dass der Freudsche Sexualitätsbegriff weit entfernt von der Umgangssprache ist (sich schon gar nicht auf Sex reduzieren lässt);
und auch der Liebes-Begriff hat nicht viel damit zu tun wie wir halt gerne verliebt sind;
gleichlautend mit der Umgangssprache ist gerade bei Freud in vielen Fällen alles andere als gleich.
Und Arbeitseifer ließe sich auch,
losgelöst von parallelem Liebesglück jedenfalls, als etwas
widernatürliches sehen; weil man eigentlich nur versucht,
jenes Glück, was die Natur eigentlich in Sex und Liebe
anbietet, durch Arbeit, Fleiß, Effizienz usw. zu empfinden.
sehr vulgarisierte Formen der freudomarxistischen Theorien von Reich und Fromm haben dies ähnlich gesehen; diese Sicht spielt allerdings heutzutage in wissenschaftlichen oder wissenschaftsnahen Diskursen keine Rolle mehr; übrigens war eine solche freudomarxistische Sicht eher von Marx (früher, humanistischer Marx vor 1845) als von Freud hergenommen.
Viele Grüße
franz