Freuds Theorien: heute noch anerkannt?

Servus!

Jetzt sind Fachleute gefragt: habe mich ein kleinwenig mit Freuds Theorien und Denkansätzen befasst. Man hört davon ja viel, jetzt habe ich einen wenig tieferen Einblick. Und Einiges regt sehr zum Nachdenken und Schlüsse Ziehen an.

Für mich steht dabei allerdings zur Frage, wie anerkannt Freuds Gedankengänge und Annahmen heute noch sind. Der „Penisneid“ ist wohl sehr umstritten (was ich gut nachvollziehen kann); aber wie steht’s um andere Dinge?

Z.B. die Sublimierung von sexueller Triebenergie (verzeiht unmögliche Fachwort-Konstruktionen, hier spricht der Laie) in kulturell schaffende Energie, künstlerische Kraft usw.

Ein Gedanke von mir ist nämlich hierauf bezogen. Wäre kulturell schaffendes Tun nur durch die Sublimierung von sexueller Energie möglich, würde es bedeuten, privates Glück auch in der Arbeit zu finden. Dann könnte man beispielsweise auch Arbeitswut als Fliehen von privaten Problemen deuten und einen Versuch, mangelnde Notwendigkeiten mit etwas völlig Liebes-fremdem zu kompensieren. (Ließe sich so der sog. Workaholic erklären? Arbeitssucht, weil ihm die schaffende Tätigkeit das bringen soll, was eigentlich Sex und Liebe hervorrufen sollen?) Und Arbeitseifer ließe sich auch, losgelöst von parallelem Liebesglück jedenfalls, als etwas widernatürliches sehen; weil man eigentlich nur versucht, jenes Glück, was die Natur eigentlich in Sex und Liebe anbietet, durch Arbeit, Fleiß, Effizienz usw. zu empfinden.

Expertenkommentare und -belehrungen erwünscht. Vielen Dank :smile:!

Stefan

Hallo Stefan,

die Antwort auf Deine Frage, wie anerkannt Freuds Theorien sind, hängt davon ab, wen Du fragst. Ich für meinen Teil halte nicht viel von ihnen. Das hat diverse Gründe, die v.a. auf die mangelhafte Güte der Theorien hinauslaufen: logische Inkonsistenz, Ungenauigkeit und semantische Uneinheitlichkeit der Begriffe, fragliche Falsizifierbarkeit, teils mangelhafte, teils widersprüchliche und teils den Theorien widersprechende empirische Befunde zu den Theorien, um einiges zu nennen.

Einige Kritikpunkte habe ich hier näher ausgeführt:

http://people.freenet.de/oliverwalter/Psychotherapie…

Auch anhand meiner Zusammenfassung und meines Kommentars zu einem Spiegel-Artikel kannst Du den heutigen Stellenwert von Freuds Theorien abschätzen:

http://www.forumromanum.de/member/forum/forum.php?ac…

Insgesamt lautet mein Urteil: Mit Freuds Theorien ist heute kein Start mehr zu machen.

Grüße,

Oliver Walter

Hallo Stefan!

Ich meine, dass es sich bei Freuds Psychonalyse kein Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit ist. Demzufolge ist sie auch keine wissenschaftliche Theorie. Als solche spielt sie in der wissenschaftlichen Psychologie auch überhaupt keine Rolle. Das heißt jedoch nicht, das alle ihre Aussagen und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen falsch sind. Ich glaube sie hat die Psychologie durchaus beeinflusst.
Fest steht, dass sie in der Psychotherapie noch heute eine große praktische Bedeutung hat. Nur darin sehe ich ihre Berechtigung.

Falk

Hallo Stefan,

hast du schon auf deinen Wegen das Buch von Lew Wygotski „Psychologie der Kunst“ durchgearbeitet? (z.B. ISBN: 3891909497 Buch anschauen)

Gruß

Hallo Oliver,

vielen Dank für diese schnelle Antwort!

Ich habe mir deine Zusammenfassung vorgemerkt, und werde sie sicher in Kürze lesen.

Dein Standpunkt scheint ja (siehe Antwort oben) verbreitet zu sein.

Kommendes Jahr ist nicht nur Mozart- oder Schumann-Jahr, es ist auch Freud-Jahr. Ich dachte, so sind wir verwurstenden Künstler, daraus vielleicht was interessantes schöpfen zu können. Anzuspielen auf hundert Jahre alte Denkmodelle oder dergleichen. Leider :smile: erfordert das auch viel vorhergehende Arbeit, Einarbeitung, Lesen. Darum ist mir deine Antwort wie auch deine Hinweise sehr hilfreich.

Auf diese Weise komme ich sicher schon ein Stück weiter, dankeschön! :smile:

Stefan

Hallo Falk!

Vielen Dank für deine Antwort. Inwiefern eine „praktische Bedeutung“? Du stellst doch den Wert der Psychoanalyse in Frage, nicht?

Liebe Grüße,

Stefan

Hallo Stefan,

Dein Standpunkt scheint ja (siehe Antwort oben) verbreitet zu
sein.

Ja, ich würde sogar sagen, daß es die vorherrschende Meinung in der wissenschaftlichen Psychologie ist.

es ist auch Freud-Jahr. Ich dachte, so sind wir verwurstenden
Künstler, daraus vielleicht was interessantes schöpfen zu
können.

Die Kriterien, nach denen Kunst, Literatur und Musik Freuds Theorien bewerten, können andere sein als die Kriterien, nach denen die Psychologie es tut.

In diesem Zusammenhang: Eine Reihe von Schriftstellern war meiner Kenntnis nach von Freud beeinflußt (Thomas Mann?). Die Bedeutung der Werke dieser Autoren bleibt meiner Meinung nach auch dann erhalten, wenn Freuds Theorien uns heute nicht mehr brauchbar erscheinen. Will damit sagen: Ich lese und schätze diese Werke trotzdem. Aber auch: Weil Thomas Mann ein guter Schriftsteller war, muß Freud noch kein guter „Psychologe“ gewesen sein (er war Arzt, wenn auch wohl kein besonders guter).

Anzuspielen auf hundert Jahre alte Denkmodelle oder
dergleichen.

Die Frage ist: Garantiert Alter Qualität? Mozarts Werke z.B. sind nicht deshalb gut, weil sie alt sind.

Darum ist mir deine Antwort wie auch deine Hinweise sehr hilfreich.

Ich hoffe, daß sie Dir einen anderen Blick auf Freuds Werk eröffnen helfen. Denn auch unter dieser anderen Perspektive läßt sich viel von Freud lernen.

Grüße,

Oliver Walter

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Hi!

Danke für den Tipp. Nein, kenne ich nicht. Aber klingt nach hartem Brot :wink:. Lehrreich? Worum geht es da? Wie Künstler-Naturen gestrickt sind? :smile:

Liebe Grüße,

Stefan

Hallo Stefan,

Für mich steht dabei allerdings zur Frage, wie anerkannt
Freuds Gedankengänge und Annahmen heute noch sind.

die Frage ist falsch gestellt, denn natürlich sind die Theorien in Gänze so nicht mehr vertretbar. Auf der anderen Seite haben sie Anregungen gegeben, ohne die andere - auch gegensetzliche - Theorien undenkbar wären.

Das Entscheidende ist: Freud geht induktiv vor. Dass heißt: Er schließt von Einzelschicksalen, die er in eigener Praxis erlebte, auf generelle Ergebnisse. Das ist in einer Hinsicht natürlich falsch (im Sinne von „methodisch problematisch“), aber daraus folgt nicht, dass es nicht vielleicht doch einige Fälle geben könnte, in denen er Recht haben könnte.

Was ich sagen will: Freuds Theorien sind nicht wissenschaftlich im modernen Sinn, sondern sie wollten es sein, um bestimmte Erkenntnisse zu etablieren. Dass diese Erkenntnisse heute zum Teil nicht mehr global richtig sind, ist richtig, aber das rechtfertigt nicht, seine Vorgehensweise summa summarum zu diskreditieren.

In der Freudschen Vorgehensweise geht es aus heutiger Sicht nicht um Absicherung von Ergebnissen, sondern um Eruierung möglicher Problemquellen. Und in dieser Hinsicht hat die Freudsche Vorgehensweise ihren Wert nicht eingebüßt, sondern kann mir Stolz behaupten, wegweisend gewesen zu sein.

Die Anerkennuung Freudscher Theorien ist also keine wissenschaftliche Frage (im modernen Sinn), sondern eine Frage der Möglichkeit der Erkennung psychischer Phänomene.

Gruß

Bona

Hallo Oliver!

Die Frage ist: Garantiert Alter Qualität? Mozarts Werke z.B.
sind nicht deshalb gut, weil sie alt sind.

Du missverstehst mich. Um für eine Aufführung 2006 Freud aufzugreifen, muss ich nicht von einer fachwissemschaftlichen Qualitäts Freudscher Standpunkte überzeugt sein. Ich kann auch einfach Nutzen davon machen, weil ich den Zufall des Jahrestages ulkig finde :smile:. Oder sein Leben auf andere Ungereimheiten in der Welt beziehen. Oder Freuds plattitüden Weisheiten einfach so verwenden, völlig unkommentiert oder zu einem Skurrilitätenkabinett stilisiert.

Das Alter seiner Aussagen machen sie nicht besser, keine Frage. Und was die Fachfrage angeht lasse ich mich da mit dir auf keine Diskussion ein :smile:.

Nein, deine Hinweise waren in der Tat hilfreich. Muss mich ja schützen, einen dümmlichen Standpunkt zu beziehen. Also wissen, worauf ich mich mit dem Freud da einließe.

Liebe Grüße aus Schweden,

Stefan

Hallo Stefan!

Vielen Dank für deine Antwort. Inwiefern eine „praktische
Bedeutung“?

Praktische Bedeutung meine ich insofern, dass die psychoanalytische Psychotherapie auch heute noch Anwendung findet. Ich selbst halte auch von ihr wenig. Nichtsdestotrotz kann sie erfolgreich sein, auch ohne, dass die mit ihr verbundenen Theorien zutreffen. Das sie sich solange gehalten hat sehe ich als Indiz dafür, dass die psychoanalytische Therapie mitunter auch erfolgreich sein kann.

MfG,

Falk

Hallo Stefan,

Für mich steht dabei allerdings zur Frage, wie anerkannt
Freuds Gedankengänge und Annahmen heute noch sind.

Ein entscheidender Punkt ist erst mal: bei wem anerkannt?
In Bereich der Psychologie ist die Psychoanalyse sicherlich anerkannt (wenngleich nicht nur Dr. O. Walter sie gerne aberkennen würde), und ist neben der Verhaltenstherapie (eingeschlossen kognitiver Therapie) das einzige kassenzugelassene Psychotherapieverfahren in Deutschland.

Innerhalb der Psychoanalyse, deren Bandbreite heutzutage doch beträchtlich ist, ist Freud ganz sicher als der Gründer und Einheitsstifter dieses Paradigmas anerkannt (es ist durchaus Konsens, dass Freud viele Gedankengänge der heutigen Psychoanalyse bereits begonnen, die meisten aber noch nicht oder eben mangelhaft zu Ende geführt habe).

Ansonsten spielt er noch immer eine wichtige Rolle in den Literatur- und Kunstwissenschaften und auch in der Philosophie (jeweils vornehmlich vermittelt/weitergeführt durch Lacan und Derrida und deren Anhänger).

Überhaupt ist Weiterführung das entscheidende Stichwort: selbstverständlich hat sich die Wissenschaft (ob psychologische Psychoanalyse oder psychoanalytisch inspirierte Literaturwissenschaft oder Philosophie) weiter- und damit von Freud wegentwickelt, was aber nicht heißt, dass dieser dort nur noch eine fachhistorische Figur wäre.

Der
„Penisneid“ ist wohl sehr umstritten (was ich gut
nachvollziehen kann); aber wie steht’s um andere Dinge?

das was am ehesten von allen Weiterführungen abgelegt wurde, ist Freuds metapsychologischer Überbau (das heißt nicht, dass die Aussagen aus diesen Bereichen gänzlich getilgt worden wären, aber dass diese Aussagen entweder empirischer Überprüfbarkeit zugeführt worden sind oder im Zuge und in Nachfolge Levi-Strauss’ und Lacans einer allgemeinen Metaphysikkritik ausgesetzt wurden)

Z.B. die Sublimierung von sexueller Triebenergie (verzeiht
unmögliche Fachwort-Konstruktionen, hier spricht der Laie) in
kulturell schaffende Energie, künstlerische Kraft usw.

der dahintersteckende Energetismus-Gedanke, also dass Sexualenergie auf Reisen ginge und dann in Kulturleistung sich niederschlüge, ist wohl nirgendwo mehr haltbar.

In vielen Formen der Psychoanalyse ist Sublimierung noch immer als Abwehrmechanismus anerkannt, Lacan und seine Nachfolger verzichten auf den Begriff, weil er als Energetismus nicht haltbar, ohne energetische Annahme aber inhaltsleer sei.

Ein Gedanke von mir ist nämlich hierauf bezogen. Wäre
kulturell schaffendes Tun nur durch die Sublimierung von
sexueller Energie möglich, würde es bedeuten, privates Glück
auch in der Arbeit zu finden.

Den Gedanken finde ich nicht gerade sehr zwingend:

  1. Wenn ein Begriff wie Sublimierung überhaupt sinnvoll angewendet werden kann, dann nur als Entweder-Oder. Das heißt, entweder man stellt sich jede Kulturleistung als verbunden mit Sexualität vor, oder aben als unverbunden. Dein „nur“, also den Gedanken ein Teil des Kulturschaffens könne sublimiert sein, ein anderer nicht, lässt Freuds Theorie bzw. auch der Sublimierungsbegriff nicht zu.

  2. Wenn Du sagst, dass wenn Kulturschaffen immer sublimierte Sexualenergie voraussetzen würde, man in der Arbeit Glück (diesen Begriff lehnt Freud ab!) finden könnte, dann übersiehst du die Tatsache, dass Freud, und nach ihm noch stärker einige Vertreter des sog. Freudomarxismus, ein „Energiedifferential“ konzipieren zwischen unsublimierter (höher) und sublimierter Triebbefriedigung (niedriger).

Und viel mehr noch, dass unsere Arbeitswelt ganz sicher nicht an unseren „Triebbefriedigungssulimierungswünschen“ ausgerichtet ist, sondern an ökonomischer Rationalität.

Dann könnte man beispielsweise
auch Arbeitswut als Fliehen von privaten Problemen deuten
(Ließe sich so der sog.
Workaholic erklären?

das wird ja auch gemacht, und nicht nur in der Psychoanalyse;

Arbeitssucht, weil ihm die schaffende
Tätigkeit das bringen soll, was eigentlich Sex und Liebe
hervorrufen sollen?)

Das wiederum hat wahrscheinlich mit Freud und der Psychoanalyse wenig zu tun, weil zu beachten ist, dass der Freudsche Sexualitätsbegriff weit entfernt von der Umgangssprache ist (sich schon gar nicht auf Sex reduzieren lässt);
und auch der Liebes-Begriff hat nicht viel damit zu tun wie wir halt gerne verliebt sind;
gleichlautend mit der Umgangssprache ist gerade bei Freud in vielen Fällen alles andere als gleich.

Und Arbeitseifer ließe sich auch,
losgelöst von parallelem Liebesglück jedenfalls, als etwas
widernatürliches sehen; weil man eigentlich nur versucht,
jenes Glück, was die Natur eigentlich in Sex und Liebe
anbietet, durch Arbeit, Fleiß, Effizienz usw. zu empfinden.

sehr vulgarisierte Formen der freudomarxistischen Theorien von Reich und Fromm haben dies ähnlich gesehen; diese Sicht spielt allerdings heutzutage in wissenschaftlichen oder wissenschaftsnahen Diskursen keine Rolle mehr; übrigens war eine solche freudomarxistische Sicht eher von Marx (früher, humanistischer Marx vor 1845) als von Freud hergenommen.

Viele Grüße
franz

Hallo Stefan,

Um für eine Aufführung 2006 Freud
aufzugreifen, muss ich nicht von einer fachwissemschaftlichen
Qualitäts Freudscher Standpunkte überzeugt sein.

ja, das meinte ich u.a., als ich davon sprach, daß Kunst, Literatur und Musik bei der Bewertung Freuds andere Kriterien anwenden können als die wissenschaftliche Psychologie.

Beste Grüße,

Oliver Walter

Hallo Oliver

Insgesamt lautet mein Urteil: Mit Freuds Theorien ist heute
kein Start mehr zu machen.

Mit dieser hübschen kleinen Freudschen Fehlleistung zum Ende Deines Postings könnten wir uns ja auch mal befassen :wink:.
Du wolltest sicherlich sagen: „…ist heute kein Staat mehr zu machen.“ Aber irgendwie ist Dir statt „Staat“ dann eben „Start“ rausgerutscht, möglicherweise weil Du Dir in der Tiefe doch nicht so sicher bist, dass kein „Staat“ mehr zu machen sei mit der Psychoanalyse.
Ein „Start“ wäre in der Tat in der heutigen Oberflächen-geführten-Zeit mit der PA nicht mehr so leicht zu machen, das ist wohl wahr. Aber zum Glück braucht sie das nicht mehr, denn ihr Start begann ja schon vor über 100 Jahren.
Sie hat fraglos einen schweren Stand heutzutage, wo alles rasch verändert werden soll und alles „funktionieren“ soll. Es ist halt eine Zeit für die VT.
Gruß,
Branden

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Hallo Branden,

Du wolltest sicherlich sagen: „…ist heute kein Staat mehr zu
machen.“

nein, ich wollte tatsächlich das sagen, was ich schrieb.

Grüße,

Oliver Walter

4 „Gefällt mir“

nein, ich wollte tatsächlich das sagen, was ich schrieb.

Gut, Oliver, dann frage ich mich natürlich, was Dir bei dem Wort „Start“ in Beziehung zur Psychoanalyse, welche vor über 100 Jahren startete und sich immens weiterentwickelt hat in dieser Zeit, eigentlich vorschwebte.
Gruß,
Branden

Hallo Stefan,
auch wenn ich von allen bisher hier geposteten Beiträgen den von F.Ben Hechenrieder den ergiebisgsten und qualifiziertesten finde, möchte ich doch nicht versäumen, zu erwähnen, dass die phasenspezifische Entwicklung im Kindesalter und ihr Bezug zur Persönlichkeitsentstehung für mich nach wie vor der genialste von Freuds Entwürfen und Erkenntnissen darstellt.
Durch die Ergänzungen und parallel gewonnen Erkenntnisse der Säuglingsforschung ist hier ein wissenschaftlich kohärentes Bauwerk entstanden, das seinesgleichen sucht.
Gruß,
Branden

Hallo Stefan,

es würde mich freuen, wenn du das Buch liest. Es ist sehr gut geschrieben und wird dich ganz bestimmt weiter bringen.

Mir hat Wygotski vor vielen Jahren den Zugang zu Freud vermittelt und als Erster gezeigt, dass seine wissenschaftlichen (d.h. anerkannten) und hypothetischen (d.h. zum Nachdenken motivierende, wenn auch nicht in ihrer Pauschalisierung gültige) Gedanken auch heute aktuell und diskussionswürdig sind (was man von sehr wenigen Prof.Prof.Dr.Dr.Dr. sagen kann :smile:

Im Buch, soweit ich mich erinnere, geht es um die Prüfung der damals vorhandenen Theorien der Kunst und - speziell zu Freud - um die Anwendbarkeit seiner Theorie, u.a. mit ausführlichen kritischen Beispielen. Es wird eine goldene Mitte gefunden, ohne blind apologetisch oder unverschämt ablehnend zu werden. Da du dich als einen Musikstudenten hier vorstellst, gehe ich davon aus, dass dies Buch dich mehr weiterbringen wird als eine interne pseudowissenschaftliche Diskussion darüber, wer in der heutigen Wissenschaft bzw. bei sich zu Hause zu sagen hat.

Viele Grüße

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Hallo, Stefan,

Sie schreiben:

>Für mich steht dabei allerdings zur Frage, wie anerkannt
>Freuds Gedankengänge und Annahmen heute noch sind.

Sie waren noch nie allgemein anerkannt, sondern wurden immer nur von einem indoktrinierten Kreis „Eingeweihter“ geglaubt(!). Selbst die eingefleischtesten Jünger äußern sich sehr, sehr vorsichtig, wenn’s zum Schwur kommt, so z.B. MITSCHERLICH & VOGEL oder MITSCHERLICH & MUCK im 12-bändigen Handbuch der Psychologie Bd. II bezw. Bd. VII/I - beide Artikel stellen in diesem Handbuch Fremdkörper dar.

Im erstgenannten Artikel steht „postulieren“ oder „Postulat“ 24 mal,
„Gedanke“, „Annahme“ oder „Auffassung“ 21 mal, „Theorie“ im Sinne von „Lehrmeinung“ 30 mal, „Gesichtspunkt“ 12 mal, „Konzept“ oder gar - bei einem Mediziner: - „Konzeption“ 27 mal, „These“ oder mißbräuchlich verwendet „Hypothese“ 9 mal, „Spekulation“ 1 mal. Dagegen „Befund“, „Ergebnis“, „Beobachtung“ je 1 mal.

Aus dem zweiten Artikel ein wörtliches Zitat, Klammern von mir:

„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt herrscht allgemein Übereinstimmung darüber, daß die Psychoanalyse den Anforderungen an eine ‚exakte‘ Wissenschaft nicht genügt (!), ihre Theorie“ (richtig: Lehrmeinung) „scheint (!) das Potential für eine systematische Form … zu enthalten, doch kann sie eine solche Form noch nicht verwirklichen(!). Sieht man vom Problem der wissenschaftlichen Fassung und der Nachweisbarkeit ab (ein winziger Schönheitsfehler!), so bleibt die Tatsache bestehen, daß die psychoanalytische Theorie nach Umfang, Detailliertheit und klinischem Erklärungswert von keiner anderen psychologischen Theorie der Gegenwart übertroffen wird.“

Der letzte Satz stimmt! Niemand außer FREUD hat gewagt, eine Theorie aufzustellen, die auf derart tönernen Füßen steht.

Sehr aufschlußreich ist auch die Arbeit von Christof T. ESCHENRÖDER: „Hier irrte Freud. Zur Kritik der psychoanalytischen Theorie und Praxis.“ 1984. Oder ein m.W. unveröffentl. MS von B. FITTKAU et al.: „Psychoanalyse - kapitalistisch? - autoritär? - unkritisch?“ 1969. Letzteres MS, ein Pamphlet, zirkulierte im Hamburger Psychologischen Institut.

Es lohnt wirklich nicht, sich den Kopf über FREUDs Spekulationen zu zerbrechen. Wenn die Psychoanalyse als Therapie (statt als sogenannte Theorie) wirkt, so spricht dies keineswegs für die Geltung der zugrundeliegenden „Annahmen“, sondern für die Wirksamkeit der spezifischen sozialen Interaktion: Glaube versetzt Berge! Handauflegen und Gesundbeten hilft ja auch hin und wieder.

Auf einem anderen Blatt steht, daß FREUD viele Anregungen gab und der experimentellen Psychologie einen tüchtigen Schubs gab (z.B. der Motivationsforschung von LEWIN bis HECKHAUSEN).

mfg
Prof. Klaus Schneider

Freuds Theorien: heute noch anerkannt? Nein
Hallo Stefan,

seit Jahrzehnten haben die psychoanalytischen und -dynamischen Hypothesen außer für die Psychoanalytiker selber keine Bedeutung mehr.

Innerhalb der Psychologie besitzt die Psychoanalyse ob von Freud oder seinen Anhängern, psychodynamischen Konkurrenten oder Nachfolgern nur noch eine historische Bedeutung bei der Betrachtung verschiedener Theorien zur Persönlichkeit - dabei zeichnet sich die psychoanalytische Theorie durch die Annahme verschiedener Entwicklungsstufen aus, die allerdings im Rahmen der Psychologie und Medizin als unbewiesene Hypothesen gelten. Weiter sind die psychoanalytischen Annahmen sich vielfach selbst widersprechend, unwissenschaftlich und so aufgebaut, dass sie selbstimmunisierende Aussagen machen. Aus diesem Grunde wird eine psychoanalytische Betrachtungsweise im Psychologiestudium nicht gelehrt bzw. nur aus den genannten Betrachtungsgründen historisch eingeordnet.

Innerhalb der Psychotherapie zeichnet sich die Psychoanalyse neben den evidenzbasierten Methoden der Varhaltenstherapie ebenfalls nur noch aus historischen Gründen als ein von den Krankenkkassen bezahltes Therapieschema aus. In der Zukunft werden diese Verfahren deshalb vermutlich nicht mehr von den Kostenträgern finanziert werden und weichen schließlich Verfahren, die objektive Behandlungserfolge nachweisen können. Eine derartige Entwicklung zeigt sich bereits in der Annahme, dass die psychoanalytische bzw. psychodynamische Behandlung bei einigen Störungsgruppen (z.B. Angsstörungen) als Kunstfehler gewertet wird.

Die psychoanalytischen Hypothesen - ich schreibe hier bewusst von Hypothesen und nicht von Theorien - finden vermutlich nur noch dort eine Fortdauer, wo sie nicht mehr in therapeutischen behandlungsfeldern auftauchen. Sie werden sicherlich von den Psychoanalytikern als bewunderte philosophische Richtung weitergetragen werden, verlieren aber im Zuge der psychotherapeutischen und psychologischen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Relevanz für die tatsächliche Behandlung von psychischen Störungen.

Viele Grüße,
Sam

Dipl.-Psych. in der Therapieevaluation

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