Hallo,
bei uns ist es gerade so weit, dass der Nachwuchs da ist, und wie es der dumme Zufall so will, wird es mit der eigentlich geplanten Aufgabenteilung nicht so funktioniere, wie wir es gedacht hatten. Nach einigen Jahren Homeoffice bot sich die Gelegenheit für mich mal wieder etwas Projektgeschäft zu machen und ich habe trotz erwartetem Nachwuchs aus diversen Gründen zugeschlagen.
Das heißt jetzt nicht, dass diese Geschichte höhere Priorität als der Kleine hätte, oder dass es jetzt auf Dauer so weiter gehen wird, aber klar, auch wir brauchen jetzt Unterstützung und überlegen uns eine Allroundkraft zu gönnen, die uns den nervigen Teil der Hausarbeit abnimmt und nach dem Ende des Mutterschutzes bei meiner Frau auch die Versorgung des Babys übernimmt, wenn wir beide mal gleichzeitig unterwegs sind. Natürlich werden wir versuchen sicherzustellen, dass möglichst oft einer von uns im Haus ist (wir haben beide zum Glück recht flexible Arbeitszeiten), sehen in der Fremdbetreuung aber überhaupt kein Problem, solange man eine geeignete Person hierfür findet und diese auch möglichst durchgängig als feste Bezugsperson für das Kind hat. Billig wird der Spaß sicher nicht, aber Priorität für das Baby heißt eben auch, dass man nicht einfach nur das Geld aus dem zweiten Job einkassiert, sondern es eben nutzbringend für den Kleinen verwendet.
Leider haben insbesondere in Deutschland immer noch viele Eltern und auch unbeteiligte Dritte Vorbehalte gegen eine solche Kinderbetreuung, und wir wurden schon nach Bekanntwerden der Schwangerschaft ständig mit sorgenvollen Mienen bedacht, wie wir denn das Leben mit einem Kind schaffen könnten (oft mit der klaren Aussage verbunden, dass doch wohl klar sei, dass ich meinen Job aufgeben würde - meine Frau steht mit ihrem Job in der Öffentlichkeit und viele Leute können offenbar nicht glauben, dass ich auch noch ein eigenes Berufsleben habe). Erstaunlich war dann die Reaktion von Besuch aus Schweden, der sich einfach nur vorbehaltlos mit uns freute. Darauf angesprochen heiß es dann, dass Familie doch die Karriere beider Eltern nicht ausschließe, sondern die Kinderbetreuung einfach eine Frage der Organisation sei (so wie wir dies auch immer schon gesehen haben). In Schweden wäre dies gar keine Frage, und niemand käme auf die Idee, deshalb Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden.
Und tatsächlich ist es so, dass offenbar sogar viele Gründe für entsprechende Modelle sprechen. Schaut man sich die Pisa-Studien an, so kommen die Top-Ergebnisse aus Ländern, in denen es Ganztagsschulen, Vorschulen und viel weniger gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern gibt. Auch die Selbstmord- und Depressionsraten bei Kindern und Jugendlichen sind in Ländern, in denen Fremdbetreuung an der Tagesordnung sind, eher gering. D.h. die Kinder scheinen sogar von solchen Modellen zu profitieren. Es scheint also doch nicht so zu sein, dass die Quantität der gemeinsam verbrachten Tageszeit entscheidend ist. Und ich kann mir schon vorstellen, dass alle Familienmitglieder davon positiv betroffen sind, wenn die Familie durch zwei Jobs wirtschaftlich gut gestellt ist, die Eltern ausgeglichener sind, weil sie auch noch beruflich gefordert sind, und dort Erfolgserlebnisse haben, und sich alle auf die gemeinsame Zeit freuen, die dann um so intensiver erlebt wird.
Das soll jetzt keine Aussage gegen Eltern sein, bei denen ein Elternteil fest ausschließlich für die Kinder da ist, oder die aufgrund der Arbeitsplatzsituation ohne fremde Betreuung auskommen. Wenn Familien damit glücklich sind, sollen sie es auch bleiben. Man sollte aber auch akzeptieren, dass es andere Möglichkeiten gibt, und diese offenbar durchaus auch ihre Vorteile haben und keinesfalls nur ein Notnagel für karrieregeile Eltern sind, die sich besser keine Kinder angeschafft hätten.
Also kein schlechtes Gewissen einreden lassen!
Gruß vom Wiz
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