doch doch 
Hallo Oliver,
Die psychologische Praxis ist eine Wissenschaft? Das ist mir
neu.
ach, das ist doch wieder nur Rhetorik, du weißt genau, was ich meine: die in der therapeutischen Praxis umgesetzten Erkenntnisse und die verschiedenen über- bzw. untergeordneten Stufen der Theoriebildung und - umsetzung.
Ich betrachte die „materialistische“ Auffassung als die
Nullhypothese, gegen die alles andere getestet werden muß, das
behauptet, da sei noch etwas anderes. Das postulierte „da ist
noch mehr“ muß belegt werden, nicht die Nullhypothese.
Das sehe ich anders, denn dass die Dinge, die noch nicht geklärt sind, im Rahmen der Normalwissenschaft (T. S. Kuhn!) oder darüber hinaus innerhalb anderen Paradigmen zu klären seien, ist genau so eine Hypothese, wie die umgekehrte Behauptung, dass diese Dinge geklärt werden könnten. Wenn also, dann steht hier Hypothese gegen Hypothese.
Nun, und wie entscheidet man sich für oder gegen die eine oder die andere Hypothese, solange man keine Beweise hat? Indem man die jeweiligen Konsequenzen offenlegt und bewertet. Ich gestatte mir, diese Bewertung vorzunehmen, indem ich den Menschen ins Zentrum stelle. Das was den Menschen von anderem unterscheidet, ist die Form seiner Selbstbestimmung. Und daran, was den Menschen ausmacht, mache ich auch das fest, was man Menschenwürde nennt. Wer also mit direktiven Mitteln ohne Not in diesen Bereich vordringt, muss das rechtfertigen, also die vermeintliche Not darlegen.
Die Illusion bzw. das Gefühl der Freiheit, das ich auch habe und zu
bestreiten schwachsinnig wäre, rührt daher, daß die Bedingungen des
menschlichen Verhaltens dem Individuum in vielen Fällen nicht
bekannt sind.
Das ist auch nicht richtig (jedenfalls nicht beweisbar (und deshalb sollte es dir eigentlich suspekt sein). Die gerade in neuerer Zeit in der Neurophilosophie immer wieder vertretenen Thesen sind hübsch deterministisch und klingen überzeugend, halten aber dem wirklichen Nachbohren nicht stand. Daraus folgt, dass die deterministischen Theorien sämtlich darunter leiden, dass sie das, was sie zu beweisen suchen, „unbewusst“ schon immer voraussetzen (und also einen Zirkelschluss begehen).
Die determinierende Kräfte liegen v.a. in der
Vergangenheit (behavioristischer Standpunkt) oder im
Unbewußten (PA-Standpunkt).
Ich stimme zu, gebe aber eben zu bedenken, dass die „deterministischen Kräfte“ nicht allumfassend sind.
Damit will ich sagen, daß
Einsicht oft vorhanden ist, sie aber nicht ausreicht, wenn es
sich um eine psychische Störung handelt.
Dieser Argumentation liegt ein sehr schöner Zirkelschluss zugrunde: Es handelt sich um eine psychische Störung, weil die Einsicht nicht ausreicht, und die Einsicht reicht nicht aus, weil es sich um eine psychische Störung handelt.
Gerade deshalb schneiden Einsichtstherapien in ihrer Wirksamkeit
meines Erachtens schlechter ab als VT-Verfahren.
Diese statistischen Verfahren sagen aus meiner Sicht deshalb nichts aus, weil sie die Dunkelziffern (Rückfälle, Therapiewechsel, stilles Leiden etc.) nicht berücksichtigen.
Zur Wiederherstellung des Freiheitsgefühls begeben sie sich in
die Behandlung. Da erleben sie tatsächlich oft eine - meines
Erachtens notwendige - Beschränkung ihrer „Freiheit“
(stationäre Behandlung, Therapieregeln, Abstinenzregeln,
nachts wecken und ins Röhrchen pusten, „Hausaufgaben“ machen
usw.) Das gefällt vielen verständlicherweise nicht und sie
dürfen wieder gehen, wenn es ihnen nicht gefällt. Man zwingt
sich nicht zu bleiben (außer bei Selbst- und Fremdgefährdung).
Im Gegenteil: In Suchtkliniken werden sie gegen ihren Willen
entlassen, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Ich halte
dies alles bei Störungen für notwendig - aus theoretischer wie
praktischer Sicht. Bei Alkoholikern habe ich damit ja selbst
Erfahrungen gemacht.
Das ist ein sehr eingeschränkter Freiheitsbegriff, der die Entscheidungsfreiheit verabsolutiert. Bei unserer Kontroverse geht es nicht um das „Kann ich machen, was ich will“, sondern um das „Kann ich wollen, was ich will“ (Schopenhauer). Im Übrigen ist das Beispiel Alkohol nicht besonders gut, weil hier die körperliche Sucht meiner Kenntnis nach überwiegt - jedenfalls in schweren Fällen.
Das heißt nicht, dass die PA nicht auch direktiv vorginge, sie tut ::das in der Tat,
Genau.
aber doch wesentlich behutsamer.
Wie gesagt könnte das ein Grund für ihre deutlich geringere
Wirksamkeit sein.
Die Wirksamkeit ist nicht unbedingt - wie oben angedeutet - messbar. Die Statistiken weisen nur einen ganz geringen Teil der tatsächlich auftretenden Fälle auf, nämlich gerade die, die statistisch erfassbar sind. Im Prinzip ist das wieder ein Zirkelschluss.
Die Frage ist ja nicht, ob man formt, sondern
wie man formt. Dass der Mensch eine Maschine
ist, ist unbestritten,
O.k. Deiner Auffassung nach nicht. Schön, daß wir das geklärt
haben, denn es gibt hier ja Personen, die diese Sichtweise
ablehnen, und ich zählte Dich - berechtigt oder nicht - dazu.
Nochmal: Der Mensch ist auch eine Maschine.
aber die Behauptung, dass er nur eine Maschine ist, geht zu ::weit.
„Geht zu weit“ empfinde ich nicht als Argument.
Ok, das war salopp formuliert, aber ich denke, inzwischen ist meine Sichtweise klargestellt, oder? Es handelt sich um eine unberechtigte Reduktion.
Habe ich irgendwo gesagt, dass ich das beweisen kann oder
will?
Wenn Du es nicht beweisen oder belegen willst, dann schätze
ich solche Aussagen wie „Die Sichtweise ist falsch, ja ein
methodischer Fehler“ oder „Das geht zu weit“ nicht besonders
hoch ein. Dann ist es nur eine Meinung.
Belegen schon, beweisen nicht. Letzteres deshalb nicht, weil wir es nicht beweisen können (zumindest solange das Rüstzeug dafür nicht vorhanden ist). Methodische Grundsätze können überhaupt nicht bewiesen werden, denn wenn sie bewiesen werden könnten, wären sie keine Grundsätze. Der methodische Fehler liegt ja in der Einäugigkeit.
Kannst Du akzeptieren, daß das eine Sichtweise ist, die man
haben kann und die nicht ehrenrührig ist, auch wenn Du sie
nicht teilst?
Diese Ansicht ist aus meiner Sicht natürlich nicht ehrenrührig, aber ich halte sie für falsch, weil sie fundamentale logische Grundsätze verletzt. Sie arbeitet mit Zirkelschlüssen, Verabsolutierungen und anderen Dingen, die sie in meinen Augen diskreditiert. Dass Erfolge aufzuweisen sind, bestreite ich nicht, wohl aber dass diese Erfolge messbar sind. Statistik eignet sich für den messbaren Teil. Dort mag sie stimmen, aber eben auch nur dort.
Kuriert werden Symptome, aber keine Ursachen
Das ist jetzt wieder eine zu belegende Behauptung, gegen die
ich die folgende Behauptung setze:
„Das Symptom ist die Krankheit.“
Du weißt, daß das kommen würde, oder? 
Jaja, ich hatte es befürchtet, du bestätigst mein Vorurteil, dass die gängige Psychologie die Menschen normalisieren möchte, bevor überhaupt die Menschen festlegen können, was überhaupt für sie der Begriff „normal“ bedeutet. Ich setze gegen diese Normalisierung die Individualisierung. „Störung“ ist etwas sehr Individuelles; die Krankheitskataloge sind zwar wichtig, aber keineswegs unfehlbar (aber auch darüber sollten wir nicht schon wieder streiten).
„Das Symptom und seine Bedingungen machen die Krankheit aus.“
Wenn man das so allgemein formuliert, klingt es sogar richtig, weil man den Begriff der „Bedingungen“ ja beliebig dehnen kann. Aber ob die Grenzziehung dann nicht doch eher problematischer wird?
Herzliche Grüße
Thomas Miller