Buddhismus und Gewalt
http://www.trimondi.de/deba17.html
Zu den Zitaten hat Pendragon dankenswerterweise schon auf etwas neutralere Darstellungen verwiesen. Trotzdem scheint es mir notwendig, speziell zum Thema ‚Trimondi‘ noch etwas zu sagen - und generell zum Thema Buddhismus und Gewalt.
Das Ehepaar Röttgen versucht seit einigen Jahren, sich mit seinen Büchern auf marktschreierische Weise als Gallionsfiguren eines aktuellen Trends der abendländischen Buddhismusrezeption hochzustilisieren. Dieser Trend an sich ist mE durchaus begrüßenswert - in der Tat ist es an der Zeit, die westliche Sicht des Buddhismus zu überprüfen und das häufig romantisch verklärte Bild des „real existierenden Buddhismus“ kritisch zu hinterfragen.
Bedauerlich, dass das mit großem Medienrummel beworbene Buch „Der Schatten des Dalai Lama“ und das nachgeschobene Buch „Hitler-Buddha-Krishna“ einem solchen seriösen Anspruch bei weitem nicht gerecht wird. Da werden mit scheinbar aufklärerischer Attitüde hemmungslos vereinzelte Tatsachen mit Halb- und Unwahrheiten sowie mit teilweise haarsträubenden (wohl auch bewussten) Fehlinterpretationen vermengt. Die Bücher der sich selbst als „Sieger der drei Welten“ bezeichnenden Röttgens sind weit davon entfernt, wissenschaftlichem Anspruch auch nur entfernt gerecht zu werden. Es sind schlampig recherchierte, aus trüben Quellen schöpfende Pamphlete, die irgendwo im Graufeld esoterischer Verschwörungsliteratur anzusiedeln sind.
Um mir Schreibarbeit zu sparen, erlaube ich mir, auf diese kurze, mE voll zutreffende Kritik hinzuweisen: http://www.ciao.de/Der_Schatten_des_Dalai_Lama_Trimo…
In die selbe Kerbe schlägt übrigens die gewiss ideologisch unverdächtige Webseite der katholischen Arbeitsstelle „Neue religiöse Bewegungen in der Schweiz“ der Schweizer Bischofskonferenz: http://www.kath.ch/infosekten/text_detail.php?nemeid…
Wem tatsächlich an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema Buddhismus und Gewalt gelegen ist, dem sei Heft 11.2 (2003) der Zeitschrift für Religionswissenschaft (ISSN 0943-8610) empfohlen. Der recht instruktive einführende Artikel von Karénina Kollmar Paulenz und Inken Prohl ist hier zu finden: http://www.zfr-online.de/zfr-texte-kollmar.html und die Zusammenfassungen (abstracts) der einzelnen Artikel hier: http://www.zfr-online.de/zfr-abstract-2003d.html#gewalt
Um kurz aus dem einführenden Artikel zu zitieren:
„Ebenso wie in europäischen Gesellschaften stellt auch in asiatischen Gesellschaften die Religion lediglich eine von mehreren Optionen dar, Handlungen theoretisch zu begründen. Buddhistinnen und Buddhisten haben neben einer pazifistischen Rhetorik auch Argumentationsmuster entwickelt, derer sich einzelne Individuen wie auch Kollektive bedienen, um ihr, auf eine Fülle weiterer Faktoren zurückzuführendes, gewalttätiges Handeln im Bedarfsfall zu rechtfertigen.“
Anders gesagt - in buddhistisch geprägten Gesellschaften gab und gibt es Mechanismen der religiösen Rechtfertigung von Gewalt ebenso wie in christlichen, islamischen, jüdischen, hinduistischen usw. Trotzdem halte ich die Ausgangsthese dieses Threads für abwegig. Es ist nicht die jeweilige Religion, die „gefährlich“ ist. Gefährlich sind jene Menschen, die die jeweils vorherrschende Religion für ihre (in der Regel ausgesprochen ‚unreligiösen‘) Ziele instrumentalisieren und gefährlich sind jene unkritischen Menschen, die solchen Rattenfängern folgen. Dass Religionen missbraucht werden können, spricht nicht gegen Religion - sondern für einen vernünftigen Umgang mit ihnen.
Natürlich kann man darüber hinaus dann durchaus auch noch differenzieren. Man kann kann qualitativ differenzieren, also untersuchen, ob eine bestimmte Religion eher geeignet ist, Rechtfertigungen für Gewaltanwendung zu liefern als andere und wie hoch der jeweils dazu notwendige Aufwand an glattzüngiger Auslegung ist. Und man kann quantitativ diferenzieren, nämlich untersuchen, wie häufig und in welchem Umfang eine bestimmte Religion im Vergleich zu anderen schon dazu herhalten musste, Anwendung von Gewalt zu rechtfertigen. Beides steht natürlich in einem Zusammenhang. So oder so - ich denke, der Buddhismus schneidet bei beiden Kriterien im Vergleich zu anderen Religionen nicht schlecht ab. Trotzdem oder gerade deswegen bin ich an solchen Vergleichen nicht interessiert. Mich interessiert eher, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen, um sie künftig zu vermeiden.
Freundliche Grüße,
Ralf