ich habe gerade eine Reportage auf N24 aus den USA gesehen, die sich mit Häftlingen in Einzelhaft beschäftigt. Natürlich liebt die USA den Hang zur Dramatik. Natürlich sind das möglicherweise Schwerverbrecher.
Ich würde gerne wissen wie ein Mensch eine solche Einzelhaft überstehen kann bzw. was sich im Gehirn verändert? Wie beschäftigt man sich selbst bzw. wie bekommt man neuen Mut? Für mich ist es fast selbstverständlich, dass man einen Drang zur Rebellion entwickelt. Ich glaube man versinkt in ein Programm des bloßen Überlebens. Erklären/Belügen sich diese Häftlinge vielleicht permanent selbst um einfach weiter zu kommen?
Bsp.:
5 Monate, ca. 5 Quadratmeter ohne TV, Dusche, Metalltoilette, kleines Fenster, Betonzelle.
1h Gang pro Tag - gefesselt
Man wird von 3 Wärtern „bedrängt“ - Handschellen, Fußfessel, Spuckmaske, Helm
Essen durch den Schlitz der Tür ohne jeglichen Kontakt (Augenkontakt, usw.)
es gibt Menschen, die diese Einsamkeit freiwillig auf sich nehmen, z.B. einige Mönche und Nonnen (christliche wie nichtchristliche).
Nun kannst Du einwerfen, sie tun es freiwillig, aber die Bewältigungsstrategien sind wohl die gleichen, egal ob freiwillig oder unfreiwillig.
27 der 58 Gefangenen haben 18 Jahre Haft in Tazmamart (1973 bis zu ihrer Befreiung 1991) überlebt - isoliert in winzigen, lichtlosen Zellen, mangelernährt, ohne medizinische Versorgung.
Ali Bourequat, Tazmamart: Dix-huit ans de solitude / In the
Moroccan King’s Secret Gardens
Aziz Binebine, der Tahar Ben Jelloun die Vorlage für dessen umstrittenen Roman Cette aveuglante absence de lumière / Das Schweigen des Lichts ISBN 3833300108 Buch anschauen lieferte
Rezension: http://www.zeit.de/2001/40/200140_l-jelloun.xml
Außerdem sei noch der Bericht von Christine Daure-Serfaty
erwähnt, Tazmamart: Une prison de la mort au Maroc.
Leider ist die Geschichte von Tazmamart in deutscher Sprache kaum dokumentiert.
es gibt Menschen, die diese Einsamkeit freiwillig auf sich
nehmen, z.B. einige Mönche und Nonnen (christliche wie
nichtchristliche).
Nun kannst Du einwerfen, sie tun es freiwillig, aber die
Bewältigungsstrategien sind wohl die gleichen, egal ob
freiwillig oder unfreiwillig.
Wenn du die Unterschiede zwischen freiwilliger Einsamkeit (um die es hier nicht geht) und Isolationshaft mit ihren Rahmenbedingungen als zu vernachlässigende Variable bei der Beurteilung ansiehst, ist das schon eine sehr kühne Behauptung, die du irgendwie stützen müsstest.
Es macht doch einen bzw. gleich mehrere entscheidende Unterschiede, ob ich mich frei bewegen kann über ein größere Fläche, den Zustand jederzeit beenden kann und unter Bedingungen lebe, die ich selber gestalten kann - oder auf 5 qm eingeschlossen bin, ggf. mit der Perspektive nie herauszukommen, 24 h unter Dauerbeobachtung, u.U. sogar bei 24 h Licht.
Das hat rein gar nichts mit dem heldenhaft verklärten, bewunderten Dasein des Eremiten zu tun. Und selbst für den gilt: Die Behauptung, dass man so etwas über Jahre problemlos übersteht, ist auch in dem Punkt höchst gewagt.
Zum Thema sei auch noch die Stammheimdokumentation nahe gelegt. U.a. an der sieht man übrigens, dass noch nicht einmal diejenigen, die Isolationshaft und ihre Bedingungen befürworten, behaupten, dass so etwas problemlos wegzustecken sei. Nur dass einige halt der Auffassung ist, dass dies dennoch verhältnismäßig akzeptabel ist.
Wenn du die Unterschiede zwischen freiwilliger Einsamkeit […] und Isolationshaft
wenn Du mich zitierst, dann solltest Du es korrekt tun.
Ich schrieb
das dürfte für jeden Menschen unterschiedlich zu beantworten sein. Es wird welche geben, die durchdrehen, andere werden es problemlos überstehen.
setzte also eine Spanne von Durchdrehen bis schadlos überstehen.
In keiner Weise behauptete ich, daß es der Normalfall wäre solche eine Extremsituation schadlos zu überstehen.
Es gibt ein Büchlein aus der Schweiz (das in D verboten ist) mit dem martialischen Titel ‚Kleinkrieg für jedermann‘ in dem u.a. auch Strategien vorgestellt werden, um solche Isolationsbedingungen zu überstehen.
Mir ist bekannt, daß viele Untergrundkämpfer diverser Richtungen solche und ähnliche Strategien üben, um gegen dieses Mittel der Folter gewappnet zu sein. Was natürlich bei längst nicht jedem funktionieren wird.
wenn Du mich zitierst, dann solltest Du es korrekt tun.
Richtig. Bleib doch mal bei dem, was du geschrieben hast. Du hast den Vergleich zur freiwillig gewählten Einsamkeit als Begründung gezogen. Und der war völlig daneben, weil entscheidende Faktoren dabei außer acht gelassen werden.
Es gibt ein Büchlein aus der Schweiz (das in D verboten ist)
mit dem martialischen Titel ‚Kleinkrieg für jedermann‘ in dem
u.a. auch Strategien vorgestellt werden, um solche Isolationsbedingungen zu überstehen.
Mir ist bekannt, daß viele Untergrundkämpfer diverser
Richtungen solche und ähnliche Strategien üben, um gegen
dieses Mittel der Folter gewappnet zu sein.
Merkst du was? Du bezeichnest etwas als Mittel der Folter , weist darauf hin, dass man erst intensiv üben muss, um überhaupt zu überstehen - und nennst diesen ganzen Vorgang „problemlos“?!
Das ist schon ein deutlicher Widerspruch in sich, es sei denn, du hast eine sehr eigenwillige Interpretation des Begriffs „problemlos“.
Im Übrigen kann man davon ausgehen, dass schon die Trainingseinheiten an sich, die auf so etwas vorbereiten sollen, einen Eingriff in die Persönlichkeit (wenn auch mehr oder weniger freiwillig herbeigeführt) darstellen.
bei Mönchen meinte ich nicht die ‚normalen‘ Mönche, da war ich unpräzise in der Formulierung.
Es gibt sog. Zellenmönchen (wie gesagt bei Christen wie anderen Weltanschauungen), die recht exakt die Bedingungen der Isolationshaft nutzen, als Mittel der (extremen) Kontemplation.
Ziemlich genau die gleichen Methoden der Bewältigung nutzen Partisanen/Soldaten und Co, um eine Isolationshaft zu überstehen.
Daß das nicht allen gelingt (Mönchen wie Partisanen) habe ich ja schon geschrieben.
Denen es aber gelingt, gelingt es schadfrei, mitunter sind die Personen sogar gestärkt aus dieser Sache herausgekommen.
Man sollte dabei nicht unerwähnt lassen, dass die Unterbringung von Häftlingen in Doppelzellen (wie es in Deutschland nicht unüblich ist) auch nicht unproblematisch ist. Die meisten Häftlinge leiden extrem unter der Situation, dass sie in jeder einzelnen Sekunde ihres Lebens direkt von jemandem beobachtet werden - noch dazu von jemandem, den sie sich nicht ausgesucht haben.
Joe Bausch beschreibt das sehr plastisch in seinem Buch „Knast“, das ich erst kürzlich gelesen habe.
Ergänzung: Aziz Binebine [frz]
Aziz Binebine, auf dessen Erinnerungen an Tazmamart Tahar Ben Jellouns Roman Cette aveuglante absence de lumière / Das Schweigen des Lichts ISBN 3833300108 Buch anschauen basiert, hat 2009 seine eigene Version dieser Erinnerungen veröffentlicht, Tazmamort - dix-huit ans dans le bagne de Hassan II ISBN 2207260585 Buch anschauen
_18 ans dans une cellule de 2m sur 3, sans lumière, sans ciel, sans soleil, sans soins, sans protection, avec le minimum de nourriture. C’était leur quotidien. Comment survivre comment tenir?
La foi, la culture, l’imaginaire. Je lisais énormément et j’étais un conteur. Lorsque nous sommes arrivés j’étais un des premiers à prendre conscience de ce qui nous attendait. J’ai donc pris l’initiative de raconter des histoires. Dans ma jeunesse j’avais beaucoup lu; j’ai eu la chance – et le temps – de me remémorer mes lectures et des les restituer à mes camarades ce qui faisait une petite fenêtre ouverte sur l’extérieur. Je préparais mes narrations, je les mettais en scène dans ma tête; cela me prenait des heures… et cela chaque jour pendant toutes ces années. Je m’évadais, j’étais ailleurs avec Balzac, Victor Hugo, Stendhal, Tolstoï, Dostoïevski; j’étais avec eux, pas dans la cellule._
Laut Binebine war es für ihn in der völligen Isolation, ohne jede äußere Anregung oder Ansprache, unter zudem extremen physischen Bedingungen überlebenswichtig, den Geist klar und beweglich zu halten.
Hallo,
ich möchte mich erstmal für die vielen Kommentare bedanken, die mir sehr wohl Anstöße gaben.
Leider bekam ich keine Benachrichtigung von WerWeissWas.
Gerade au @Diana
Ich glaube ich weiß selbst nicht was ich von dieser Antwort konkret erwarte, ich lebte (war beruflich tätig) mehrere Jahre in Indien und fand dort viele neue Erkenntnisse.
Ein Leben im Ashram wäre nichts für mich!
Ich erkenne mich selbst aber auch als Mensch der leicht mal sagt „weshalb lässt du das mit dir machen“.
Ich bin ein kleiner „Revoluzer“ und würde mir nie etwas antun was mir nicht wirklich gefällt, oder ordentlich erklärt wird.
Ich kam/ und komme wirklich mit sehr schwierigen Situationen zurecht und kann mir die so bauen wie ich möchte.(im Kopf)
Ein Strafmaß alá 5 Monate Isolationshaft wäre für mich persönlich eines der „krassesten“ Dinge überhaupt. Natürlich kenne ich Menschen die anfingen Schritte zu zählen oder Steine auf dem Boden immer zu verschieben usw usw.
Ich frage mich einfach wie man sich da beschäftigt oder wo man den Mut/Kraft her nimmt.
Ich will es mal anders formulieren:
Werde ich allein ausgesetzt habe ich keine Probleme über mehrere Tage selbst unter bitterster Not durchzukommen, ich bin Management gewöhnt und kann Leute sehr gut motivieren.
Wäre ich aber ohne jegliche Ansprache in einem „Käfig“ fühlte ich mich wie ein kleines Kind und weiß nicht wie ich da Kraft schöpfen könnte.
Ich bin der Motivator - nicht der Leidende!
Wird es langweilig hab ich echt Probleme mich zu motivieren
Ich verstehe deshalb auch die Aggression oder das gewisse Unrechtsempfinden der Insassen, die Revelion.
Es gibt ein Büchlein aus der Schweiz (das in D verboten ist)
mit dem martialischen Titel ‚Kleinkrieg für jedermann‘ in dem
u.a. auch Strategien vorgestellt werden, um solche
Isolationsbedingungen zu überstehen.
Handelt es sich hierbei womöglich um den folgenden Artikel?:
ISBN 3-9521096-1-4 Buch anschauen Totaler Widerstand Band 1 Kleinkriegsanleitung für jedermann
???
Grüße
Tomm
P.S. Der Artikel kann bei Amazon nicht angesehen werden