Hallo Martin,
(merkwürdigerweise ist dein Posting mir zweimal gemeldet worden. Nach dem ersten Mal stand hier mehrere Minuten aber nichts.)
Ich habe ungenau formuliert. Es muss heißen: „Gäbe es den Tod
nicht, könnten wir den Sinn unseres Wachstums nicht einsehen.“
Meinst Du das dann in dem folgenden Sinne: wir werden
erwachsen, indem wir uns fragen:
Hält es wirklich auch stand vor dem Tod , was ich tue
und denke?"
nein, das meinte ich eigentlich nicht (Ich rede jetzt als „Ich“, meine aber immer die Art, wie ich Heidegger verstehe.), denn so würde es bedeuten, dass man sich vor dem Tode rechtfertigen müsse. Das ist aber nicht gemeint, sondern eher ist der Tod ein Grund, etwas eher heute als morgen zu tun oder zu bedenken (und daran zu wachsen!), denn wenn es keinen Tod gäbe, würden wir unsere Entwicklung im Extremfall ewig aufschieben können, und faktisch fände keine Entwicklung mehr statt; nach dem Motto: Was ich heute nicht lerne, lerne ich eben morgen! Also spornt der Tod zum Lernen an, und zwar dadurch, dass er uns eine (zeitliche) Grenze setzt, ab der wir eben nicht(s) mehr lernen können. Auf die Spitze getrieben könnte man (falsch, aber zur Verdeutlichung vielleicht erlaubt) formulieren: Wir hätten nach dem Tod dann das Gefühl, unser Potential nicht ausgeschöpft zu haben. (Achtung: Das war nur so eine Art Gleichnis als Erklärungsversuch!)
Habe nun ohje! doch noch einige Verständnisfragen zu Deinem
posting und zu Heidegger…
Das ist kein Wunder und auch nicht ungewöhnlich, weil er so schwierige Formulierungen und Wortneuschöpfungen gebraucht.
er schreibt:
Der Tod ist eine Weise zu sein, die das Dasein übernimmt,
sobald es ist."
Der Tod wird also als eine Weise des Daseins verstanden…
Heidegger nennt das ein „Existential“, das ist also eine Weise zu sein, die zum Wesen des Menschen (den er „Dasein“ nennt) gehört.
aber in der leidenschaftlichen, von den Illusionen des
Man gelösten, faktischen, ihrer selbst gewissen und sich
ängstenden F r e i h e i t z u m T o d e .
Wenn Heidegger den Tod als eine „Weise des Daseins“ auffäßt,
wieso schreibt er dann von einer „sich ängstenden
Freiheit“??
meint er damit eine Angst…
- vor dem eigenen Gewissen?
(einem strafenden Gefühl? einer Art Übergewissen d.h. „Gott“?)
- vor dem „Nichts“?
oder
- vor einer anderen, angsteinflössenden Macht??
Ist Heideggers Denken in diesem 1.Fall nicht doch vom
Christentum („strafender“ Gott, Gewissen) „beeinflußt“??**
Ja, das ist richtig. Heidegger hat anfangs Theologie studiert und sogar über Duns Scotus habilitiert, allerdings über philosophische Fragestellungen.
wenn 2) zutrifft:
Wieso sollten wir Angst vor dem Nichts haben, wenn der Tod
nach Heidegger nur eine Weise des Daseins ist?
Diese Frage trifft nun wirklich den Kern der Überlegungen Heideggers zu diesem Thema. Deshalb weiß ich nicht, ob ich in einem kurzen Posting das wirklich verständlich machen kann. Aber Nachfragen ist ja immer möglich.
Ich versuche es:
In „Sein und Zeit“ hat Heidegger dieses Problem im § 40 mit dem Titel „Die Grundbefindlichkeit der Angst als eine ausgezeichnete Erschlossenheit des Daseins“ (das allerdings sehr schwer zu verstehen ist, insbesondere wenn man die §§ 1-39 nicht gelesen hat) dargelegt.
Dieser Paragraph und der folgende (eigentlich von § 39 (35?) bis mindestens zu § 44) versuchen folgendes zu zeigen:
Der Mensch flüchtet sich in die Scheinwelt des „Man“ (der Allgemeinheit), weil er in dieser Anonymität sich nicht mit sich selbst und seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten auseinandersetzen muss. Dadurch verliert er seine „Eigentlichkeit“ (Dieser Begriff ist von Adorno harrt angegriffen worden.). „Eigentlich“ ist der Mensch, wenn er sich um seine Möglichkeiten kümmert, sich „um sich selbst sorgt“. Diese „Sorge“ ermöglicht dem Menschen überhaupt erst eine „Freiheit für das eigene Sein-Können“, dass heißt: Nur dadurch, dass der Mensch dem „Man“ entflieht, hat er die Möglichkeit, sich selbst (und seinen Möglichkeiten) gerecht zu werden.
Zitat:
„Das Wovor der Angst ist das In-der-Welt-sein als solches. … Das Wovor der Angst ist kein innerweltliches Seiendes. … Das Wovor der Angst ist völlig unbestimmt. … das Wovor der Angst ist die Welt als solche. Die völlige Unbedeutsamkeit, die sich im Nichts und Nirgends bekundet, bedeutet nicht Weltabwesenheit, sondern besagt, daß das innerweltlich Seiende an ihm selbst so belanglos ist, daß auf dem Grunde dieser Unbedeutsamkeit des Innerweltlichen die Welt in ihrer Weltlichkeit einzig noch aufdrängt. … wovor die Angst sich ängstet, ist das In-der-Welt-sein selbst.“
Und jetzt kommt es:
„Das Sichängsten erschließt ursprünglich und direkt die Welt als Welt. … Mit dem Worum des Sich-ängstens erschließt daher die Angst das Dasein als Möglichsein und zwar als das, das es einzig von ihm selbst her als vereinzeltes in der Vereinzelung sein kann.“
Mit meinen Worten:
Wir haben Angst davor, nicht bedeutsam zu sein (wofür auch immer). Also haben wir Angst (unbestimmte Angst, denn bestimmte heißt „Furcht“) vor dem Nichts. Dieses Nichts aber ist der Tod (jedenfalls in einer gewissen Sicht). Um nun Bedeutsamkeit erlangen zu können, müssen wir uns dieser Grenze bewusst sein, und wissen, dass „Bedeutung“ etwas Innerweltliches ist, denn nur dann können wir die Bedeutung dessen, was wir „Bedeutung“ nennen, überhaupt erst ermessen. Insofern ist die „Angst“ als „Existential“ eine „ausgezeichnete Erschlossenheit“ des „Daseins“ (des Menschen). Die Angst zeigt uns unsere Grenzen auf, über die hinweg wir nicht denken können.
Jetzt zurück zu deiner Frage:
Wieso sollten wir Angst vor dem Nichts haben, wenn der Tod
nach Heidegger nur eine Weise des Daseins ist?
Es ist die Freiheit, „man selbst“ als vereinzeltes Subjekt zu sein oder in der Anonymität des „Man“ unterzugehen, die uns (nach Heidegger) eigentlich erst zu denkenden (vernünftigen) Menschen macht. Und diese Freiheit ängstigt, weil sie keinen Halt bietet. Niemand ist da, der mich in meiner Angst auffängt. Ich muss mit dieser Angst, die ich notgedrungen habe, wenn ich vereinzelt bin, selbst umgehen. Ich muss - sozusagen - den Sprung in das „Nichts“ (in die Vereinzelung) wagen, um frei und selbstbestimmt leben zu können. Und das heißt: Ich muss mir meines Todes und meiner Endlichkeit bewusst werden, aber nicht nur einfach bewusst, sondern ich muss meine Endlichkeit als „Bedingung meiner Rationalität“ akzeptieren (Wenn ich tot bin, kann ich mich nicht mehr ändern bzw. entwickeln.).
Das aber erzeugt wiederum eine Angst, mit der es schwer ist umzugehen. In der Angst habe ich also nicht Angst vor dem Tode (höchstens „Furcht“ vor dem Tode), sondern ich habe Angst vor meiner eigenen Angst - und kann ihr dennoch nicht entgehen, weil sie für mich als vernünftiges Wesen notwendig ist, das heißt, notwendig gedacht werden muss.
Soweit - so gut (oder schlecht) … Es ist 23 Uhr 30. Ich kann nicht mehr.
Habe ich es einigermaßen verständlich erläutern können?
Erstmal alles Gute
Thomas Miller