Hallo,
Der Vorwurf der ‚Sünde‘ ist doch nicht an den Glauben gebunden? Oder irre ich mich da?
Doch, da irrst du. Der Begriff der Sünde (der bei den Christen
ursprünglich weniger irreführend „Verfehlung“ hieß) bezieht
sich ausschließlich auf „göttliche“ Gebote, die daher
selbstverständlich nur für die Anhänger des betreffenden
Kultes gelten. Er ist daher auch bei gegebener Handlung nur
anwendbar auf jemanden, der diesem Kult angehört.
Mir ist klar, daß Du einen religionshistorischen Zugang bevorzugst, von daher ist auch klar, daß Du hier zwar nicht unrecht haben mußt, man paulinische Theologie historisch-kritisch aber auch anders interpretieren kann. Aber darum geht es mir nicht. Es wurde hier ja mal - ursprünglich - mit dem Umgang von Gläubigen mit der Frage nach Gottes Gerechtigkeit gefragt. Nun ja, es ist zumindest verkürzt, eine „Religion“ nur nach ihren Ursprüngen hin zu fragen und ihre Geschichte zu ignorieren. Daher zumindest auf die Frage nach der Sünde eine Antwort aus der heutigen Theologie, ev.-luth.
Tatsächlich gibt es aber Religionen, deren Anhängern es
erlaubt ist, auch die Handlung von Menschen moralisch zu
bewerten, die ihr nicht angehören.
Wir landen bei einer Definitionsfrage. Wenn ich Dich richtig verstehe, ist der Begriff der Sünde mit einer moralischen Vorstellung verbunden. Sicherlich entspricht das einem Sprachgebrauch, aber theologisch halte ich das für arg verkürzt.
Daß der Mensch ein Sünder ist, ist für die christliche Theologie eine Art anthropologischer Grundkonstante (Erbsünde). Erst recht, wenn man schon den Zeugungsakt als eigentlich sündig ansieht, bei dem man dann darüber nachdenkt, wie denn nun die Erbsünde übertragen wird.
Worum es mir aber geht, ist Luthers simul iustus et peccator. Der Mensch ist gerecht vor/durch Gott (da gerecht gesprochen) und zugleich Sünder. Nach lutherischer Theologie ist er Sünder, weil er nicht Gott ist, er ist prinzipiell in Sündenverstrickung. Die meisten Menschen können mit den Begriffen von Sünde und Schuld selten so umgehen, daß sie sich nicht vehement dagegen wehren. Aber den Satz „ich bin ja nicht Gott“ können selbst Atheisten sagen, und damit sagen sie letztlich nur „ich bin halt Sünder“. Ein solches Verständnis von Sünde müßte eigentlich auch moralische WErturteile über andere ausschließen (Wer von Euch ohne Sünde ist…).
Auch dies trägt zu den erheblichen Konflikten zwischen
staatlichen und religiösen Gestzesnormen bei, die pendragon
gerade erwähnt hat.
Das ist leider wahr.
Das bezeiht sich - um Mißverständnissen vorzubeugen -
keineswegs nur auf die christlichen Bekenntnisse.
Klar, ich habe trotzdem von einem solchen aus gewantwort.
Und falls jemand so weit liest, der sich eigentlich für die Theodizee-Frage interessiert: Die kann ich nicht beantworten:wink:
Grüße,
Taju