Göttlicher Wille

Hallo Michael.

Wenn es für Gott keine Zeit, kein vorher und kein nachher
gibt, dann gibt es für ihn auch keine Ungewissheit darüber,
wie sich ein konkreter Mensch in einer konkreten Situation
entscheiden wird, oder?

Doch, weil es verschiedene Möglichkeiten gibt und G’tt alle sieht. Die Entscheidung liegt aber bei uns und kommt nicht von G’tt, somit weiss er „vorher“ nicht wie wir uns entscheiden. Das Problem beim Verständnis ist hier die Kommunikation zwischen etwas Unendlichem und etwas Beschränktem. Das ist schon mathematisch kein einfaches Problem und hier erst recht nicht.

Die wahrgenommene Willensfreiheit des Menschen („Ich weiß noch
nicht was ich tun werde“) bedeutet dann nicht, dass für Gott
die Entscheidung einen „Neuigkeitswert“ hat; die Freiheit wäre
dann aus der göttlichen Perspektive aufgehoben.

Eben.

Deiner Visitenkarte entnehme ich, dass Du orthodoxer Jude
bist: könntest Du vielleicht mal erläutern, ob es im Judentum
auch diese Vorstellung der menschlichen Erbsünde gibt, wie sie
das Christentum kennt?

Nein, es gibt bei uns keine Erbsünde. Jeder Mensch wird frei von Sünde geboren und es liegt allein an ihm, was aus ihm wird.

Schalom,
Eli

Hallo Datafox.

und was löst die auswahl letztendlich aus? gott, wir selber,
oder ist es zufall?

Das kommt darauf an. Entweder wir oder auch durch das Eingreifen von G’tt. In den meisten Fällen ist es aber eine Mischung aus beidem, da wir uns gegenseitig beeinflussen.

oder glaubst du an mehrere parallelwelten?

Nun ja… *hüstel* Sicherlich nicht so wie in manchen pysikalischen Modellen, aber neben dieser Welt gibt es ja noch die Himmel und diese sind aus Sicht eines Pyhsikers schon als parallel anzusehen. Allerdings läuft dort nicht eine ähnliche Geschichte ab (worauf du ja hinaus wolltest).

Schalom,
Eli

Hallo Metapher,

mit einer Antwort bin ich hier spät dran, aber vielleicht siehst du sie noch?

Das ist natürlich exakt das Theodizeeproblem, um das es hier
im ganzen Thread geht. Joh. 1.3 bietet ja: " Alles wurde
durch ihn" … und „alles“ impliziert nicht nur das, was uns
als leidlos und angenehm erscheint … naja, das alte Lied.

Wenn ich hier lese, dass „Alles“ durch Gott wurde, denke ich in einem naiven Verständnis zunächst einmal an die Schöpfung. Das könnte sich hier auf die Schöpfung des kompletten Universums oder nur der Erde und ihr Umfeld beziehen. Das könnte sich auf ein fortwirkendes Wirken Gottes beziehen oder sogar darauf, dass er für alle Wirkungen im Universum verantwortlich ist.
Ich sehe hier einen gewissen Interpretationsraum.

Ich sehe keine andere Möglichkeit für einen Monotheismus, als
daß der Gott widersprüchlich gedacht werden muß (insofern
tiefgreifender als der Polytheismus).

Ich hoffe doch nicht, dass Gott widersprüchlich ist. (Dass mir Vieles mit meinem begrenzten Verstand widersprüchlich erscheint, ist eine andere Sache.

Gruß
Carlos

alles und jetzt
Hi Carlos

mit einer Antwort bin ich hier spät dran, aber vielleicht siehst du sie noch?

Ich weiß. Die spannenden Sachen kommen oft erst am unteren Rand … kurz bevor es in den Hades geht :smile:

Wenn ich hier lese, dass „Alles“ durch Gott wurde, denke ich
in einem naiven Verständnis zunächst einmal an die Schöpfung.

Klar, das ist ja gemeint vom Johannes-Autor … nur mit ein wenig andern Worten.

Das könnte sich hier auf die Schöpfung des kompletten
Universums oder nur der Erde und ihr Umfeld beziehen.

Das steht nicht da. Der Autor denkt sehr gründlich und konsequent.
Daher heißt es ja „und ohne ihn [hier übersetze ich wörtlicher: „außerhalb seiner“] wurde nichts, was wurde“. D.h.: was das „im Einzelnen“ ist, ist hier völlig wurscht, denn es ist alles Einzelne gemeint.

Das könnte sich auf ein fortwirkendes Wirken Gottes beziehen oder sogar darauf, dass er für alle Wirkungen im Universum verantwortlich ist.

Was heißt „oder sogar“? es ist ja dasselbe. „egeneto“ ist übrigens das grammatische Imperfekt, d.h. es ist nicht in der Vergangenheit abgeschlossen und die Tätigkeit reicht in die (in jede) Gegenwart - siehe Zitat unten.

Ich sehe hier einen gewissen Interpretationsraum.

Ja, ein Universum an Interpretationsraum, wie wir heute sagen würden, inclusive jede Gegenwart. Daß diese beim Joh.-Autor mitgedacht ist, zeigt die überaus häufige Verwendung des Worten „jetzt“. Wie z.B. in „die Zeit wird kommen und ist jetzt“ (4.23 u.a.) und „der Vater wirkt bis jetzt“ (5.17).

Ich sehe keine andere Möglichkeit für einen Monotheismus, als
daß der Gott widersprüchlich gedacht werden muß (insofern
tiefgreifender als der Polytheismus).

Ich hoffe doch nicht, dass Gott widersprüchlich ist.

Wenn er nicht widersprüchlich wäre, könnte er nicht ein absoluter Gott sein.

Gruß

Metapher

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Des Pudels Kern

Die spannenden Sachen kommen oft erst am unteren Rand … kurz bevor es in den Hades geht :smile:

Wenn er nicht widersprüchlich wäre, könnte er nicht ein absoluter Gott sein.

und schade, daß des Pudels Kern bei der ganzen Diskussion, die sich bisher nutzlos bloß im Kreise drehte, erst kurz vor Sonnenuntergang auftaucht

A.