Theologie & Religionswissenschaft
Hi lehitraot
unterschiede zwischen theologie und religionswissenschaft
eigentlich meinte ich die Unterschiede zwischen „konfessionsgebundenem Religionsunterricht“ und „Vergleichende Religionswissenschaft“ als Unterrichtsfach. Aber vielleicht läuft es auf dasselbe hinaus.
Der Ausdruck Theologie ist zwar im weiteren Sinne auch auf alle Religionen anwendbar, in denen Gottesbegriffe eine Rolle spielen - so kann man durchaus von einer archaischen griechischen oder ägyptischen Theologie sprechen.
Aber der Terminus ist im eigentlichen Sinne eine Sache der europäischen Wissenschafts- und Universitätsgeschichte. Er ist aus der Verflechtung hervorgegangen zwischen christlichen Glaubensinhalten einerseits und andererseits aus der griechischen Philosophie entwickelten Kriterien und Methoden rationalen Denkens (Bweisbarkeit, Widerlegbarkeit, Reproduzierbarkeit von Aussagen, Existenz- und Seinsbegriffe, Verstandesbegriffe). Die Anfänge liegen etwa (nach der Vorarbeit des Philo) bei Klemens und Origenes in Alexandria im 2. Jhdt.
Die verzweigten Aufgabenstellungen der (christlichen) Theologie hat Lobkowicz in dem von Thomas Miller angegeben Link http://www.philosophy.ru/iphras/library/deupaper/LOB…
relativ kompakt dargestellt, wenn ich auch nicht alle seine Ausführungen teile, insbesondere nicht die über Religionswissenschaft und die über die Möglichkeiten des „rationalen“ Dialogs der christl. Theologie mit anderen Ideologien.
Die Unterscheidungen in Thomas’ anderen Links zwischen Theologie und Religionswissenschaft, insbesondere die Versuche, den Begriff Religion zu fassen, sind für mich Beispiele mißglückter laienhafter Versuche.
Religionswissenschaft betrachtet ganz generell Religion als ein kulturelles Phänomen und ist somit gleichsam eine empirische Wissenschaft. Ihre Fragestellungen sind sehr eng mit Archäologie, Geschichte (besonders Vor- und Frühgeschichte), aber auch mit Religionsphilosophie gekoppelt. Sie untersucht in allen Kulturen und ihrer Geschichte die Kultformen, Ritualformen (Ritualtheorie), die Mythenbildung (Mythologie), Vorstellungen über nichtmaterielle Wesen wie „Götter“, „Dämonen“ (Dämonologie) und über deren Wechselwirkungen mit der Lebenswelt. Aber vor allem auch deren geschichtliche Entwicklungen und deren Ähnlichkeiten und historische Zusammenhänge mit anderene Kulten, weshalb sie auch „Vergleichende Rel.Wiss.“ genannt wird.
Daß sie natürlich immerwieder auch ihre generellen Forschungsobjekte hinterfragen muß, das hat sie einerseits mit allen empirischen Wissenschaften gemeinsam, andererseits mündet sie damit in zentrale Fragen ein, die wiederum auch Sache der Religionsphilophie sind (die ebenfalls nicht ohne Empirie auskommt): Wann soll man etwas „Religion“ nennen? Was ist und wie entsteht ein Mythos? Welche Rolle spielen Mythen? Wozu werden Rituale gebraucht? Was wird jeweils und „Göttern“ usw. verstanden? Wie versteht sich der Einzelne in der Gesellschaft und wie die Gesellschaft in ihrer Geschichte? usw.
Historische Beispiele für charakteristische klassische theologische Fragen - das sind also solche, die die christliche Religion bereits voraussetzen und nur innerhalb dieser Sinn machen:
- „cur deus homo“ (warum wurde Gott Mensch), eine Untersuchung des scholastischen Philosophen Anselm v. Canterbury
- Die Entwicklung des Begriffs der Trinität ist eine theologische Arbeit gewesen, die sich über mehrere Jahrhundert hinzog
- Was hat man genau unter Auferstehung „von den Toten“, Auferstehung „im Fleisch“ zu verstehen?
- Welche Existenzform haben immaterielle Wesen, wie z.B. Engel?
- wie hat man genau die Beziehung von Brot und Wein (das jeweil real im „Mess“-Ritual vorhanden ist) mit Fleisch und Blut Christi zu verstehen? Symbolisch (aber was ist ein Symbol?)?Existenzumformung, Materieumformung, Wesenverwandlung, Substanzverwandlung (aber was ist „Existenz“, „Materie“, „Wesen“, „Substanz“)?
An solchen Fragen und tausenden anderer, die einem heutigen Nichtchristen vielleicht absurd erscheinen mögen, kann man andeutungweise vielleicht ahnen, welche Rolle sie für den Fortschritt der Wissenschaft gespielt haben. Wesentliche Grundbestimmungen von Materiebegriffen z.B., Erkenntnistheoretische Fragen, Kriterien für Existenz, die Unterscheidung zwischen Gedachtem und empirisch Erfahrenem (überhaupt Fragen der Empirie), Begriffe der Realität usw., alle diese Problemstellungen haben ihre Pubertätszeit in der Theologie des 2. bis 13. Jhdts durchgemacht, bis dann endlich (besonders in Paris im 13. Jhdt)die Frage ausdiskutiert wurde (ergebnis ist bekannt), ob auch außerhalb des Klerus(nämlich in der Philosophie) ein Weg zur „Wahrheit“ möglich sei. Damit wurde dann endlich klar, daß die theologische und die philosophische Rede von „Wahrheit“ nicht dasselbe meinen…
Es ist vorerst nicht allein eine Machtfrage des Klerus gewesen, ob nur er über Kriterien der Wahrheit verfüge, sondern die gesamte Geistesgeschichte war noch nicht soweit, diese Frage entscheiden zu können: Der Begriff des autonom denkenden Individuums (im Ansatz bei Augustinus) kam erst mit Descartes in die Welt.
Beispiele für klassische religionswissenschaftliche Untersuchungen und Ergebnisse wären z.B.
- die Entdeckung, daß alle religiösen Erscheinungen die (im anderen Posting schon erwähnte) Unterscheidung/Grenz zwischen dem Sakralen (Fanen) und dem „Pro-Fanen“ machen und das sowohl Mythen als auch Rituale ihr Wesen im Umgang mit dieser Grenze und Grenzüberschreitung haben
- die Entdeckung, daß in allen Kulturen die Begegnung mit dem Sakralen (vom Profanen aus gesehen) von der Ambivalenz des Fascinosum & Tremendum (des Erhabenen und das Schrecklichen)bestimmt sind
- daß es z.B. eine sehr enge Beziehung zwischen Kosmogonischen Mythen und allen Ritualformen gibt und daß sich darin ein spezieller mythologischer Begriff der Zeit (und der Geschichte)niederschlägt, der sich vom Begriff der historischen Zeit unterscheidet
- daß z.B. in den überaus zahlreichen Kosmogonischen Mythen aller Kulturen eine strukturelle Verwandtschaft zu finden ist, die es erlaubt, von einer Logik des Mythos zu sprechen
(Über diese 4 Themen habe ich selbst eine zeitlang gearbeitet und es gibt auch eine zusammenfassende Publikation darüber *g*)
Sorry, daß es vielleicht zu lang war, aber kürzer hätte es noch weniger Sinn gemacht. Ich hoffe, daß es Deine Frage einigermaßen befriedigend beantwortet.
Grüße
Metapher