Hallo Carlos,
Ich denke hier liegt ein Mißverständnis zur Arbeitsweise des
Gehirns vor. Neuronale Netze funktionieren anders als
Computer. Eine geringe Menge von Neuronen (20-30) genügen bei
entsprechender Konditionierung eine scheinbar komplexe
Leistung zu vollbringen (z.B. ein Fahrzeug auf einem
gewundenen Straßenlauf zu führen).
Jene Anzahl an Neuronen reichen für kontrollierte Fortbewegung eines Regenwurmes, und einer Fliege reichen sie zum Fliegen. Diese Organismen scheinen jedoch, anders als Menschen in Nahtodeserlebnissen, nicht denken zu können.
Ein einfacher Neuronenverband kann nicht mehr hervorbringen als eine Konditionierung - also gerade mal die einfachste aller Nervensystemleistungen. Dies ergibt sich einfach aus den Grundlagen der Neurophysiologie. Der Neuronenverband ist vergleichbar mit (und kann simuliert werden durch) eine elektrische Verschaltung. Computer erreichen ohne weiteres das Leistungsniveau einfacher Organismen. Siehe Dein Beispiel, ein Auto auf einer Straße zu führen - Mercedes hat ja entsprechende Entwicklungen bereits geleistet.
Anders gesagt: In Deiner Argumentation müßten ja sowohl Wurm, Fliege als auch der Computer über ein Bewußtsein verfügen.
Du hast die Rolle des Gedächtnisses bei Nahtodeserlebnissen angesprochen. In der Tat weiß man vom Gedächtnis, daß es recht unzuverlässig ist. Man hat Menschen unmittelbar nach einschneidenden Lebensereignissen nach ihren Erinnerungen befragt und nochmals Jahre später, man stellte dabei fest, daß die Probanden ihre Erinnerungen meist erheblich verdreht hatten. Das Gleiche gilt für extrakorporale Erlebnisse durch Drogen. Anders jedoch bei Nahtodeserlebnissen: Hier waren die Berichte noch nach acht Jahren identisch mit den ursprünglichen Schilderungen (Lommel 2001). Dies spricht dafür, daß die Erlebnisverarbeitung bei solchen Ereignissen auf gänzlich anderen Ebenen erfolgt.
Interessant auch die Entwicklung der Patienten nach Nahtodeserlebnissen. Gemeinhin entwickeln sich Patienten nach „life events“ in ganz verschiedene Richtungen, je nach der individuellen Prädisposition. Eine Vorhersage ist nicht möglich, leider, man muß in der psychiatrisch-psychologischen Betreuung abwarten, welche Phänomene sich einstellen, d.h. man kann kaum präventiv tätig werden. Bei Nahtodeserlebnissen ist, und das wurde von vielen verschiedenen Gruppen untersucht, die Entwicklung überraschend einheitlich: Verlust von Todesangst, größere Wertschätzung von sozialer Nähe und des Lebens insgesamt, Öffnung für Spiritualität u.a.m. (Ring 1980, Blackmore 1993, Morse 1990, Roberts 1988, Groth-Marnat 1998)
Ich habe persönlich meine Probleme mit „Anektoden“, die sowas
berichten. (Als Jugentlicher war ich fasziniert von
Geschichten von Ufos und dem Bermuda-Dreieck. Heute weiss ich,
dass das Zeug, mit dem tausende von Büchern gefüllt wurden,
hauptsächlich Blödsinn war.)
Dies ist, da möchte ich Dir zustimmen, eine Frage der Verläßlichkeit der Quelle. Frank Meier hat weiter oben einen Link gepostet zu einem Artikel im „Lancet“, also dem wissenschaftlichen (und eben nicht: parawissenschaftlichen) Journal überhaupt. In jener Prospektivstudie von Lommel findet sich exemplarisch folgender Bericht (von mir ins Deutsche übersetzt):
Während der Pilotphase in einer unserer Kliniken berichtete eine Intensivpflegeschwester über ein extrakorporales Erlebnis bei einem reanimierten Patienten:
„Während der Nachtschicht wird ein 44jähriger, zyanotischer, komatöser Mann auf die Intensivstation eingeliefert. Er wurde ungefähr eine Stude zuvor von Spaziergängern auf einer Wiese entdeckt. Nach seiner Aufnahme wurde der Patient zunächst ohne Intubation beatmet, unter Herzmassage und Defibrillation [Elektroschock]. Als wir den Patienten intubieren [also einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre einführen] wollten, stellten wir fest, daß der Patient Gebißträger ist. Ich entfernte die Prothese und legte sie auf den Medikamentenwagen. Währenddessen führten wir die Wiederbelebung fort. Nach zirka eineinhalb Stunden hat der Patient wieder einen ausreichenden Herzrhythmus und Blutdruck, aber er ist immer noch komatös und muß beatmet werden.
Erst nach mehr als einer Woche sehe ich den Patienten zum zweiten Mal, welcher in der Zwischenzeit auf die kadiologische Station verlegt wurde. Ich verteile die Medikamente. In diesem Moment sieht er mich und sagt: „Oh, diese Schwester weiß, wo mein Gebiß ist“. Ich bin sehr überrascht. Er fährt fort: „Ja, genau sie waren da, als man mich eingeleifert hat, und sie haben mir mein Gebiß aus dem Mund genommen und legten es auf den kleinen Wagen mit den vielen Flaschen darauf, und den Schubladen darunter, und da haben sie sie hingelegt.“ Ich war sehr erstaunt weil der Patient in dieser Phase tief komatös und unter Reanimaton war. Als ich den Patienten weiter befragte, erzählte er mir, er habe sich selbst im Bett liegen sehen, er konnte beobachten, wie sich Ärzte und Schwestern um ihn bemühten, und er konnte bis ins Detail unseren kleinen Schockraum beschreiben als auch das Aussehen der an der Reanimation beteiligten Personen. Er hatte während dieser Zeit große Angst, daß wir unsere Wiederbelebungsbemühungen einstellen würden, und in der Tat waren wir in unseren Diskussionen während der Wiederbelebung sehr pessimistisch bezüglich den Erfolgsaussichten. Der Patient berichtete, daß er verzwiefelt und erfolglos uns klarmachen wollte, daß er immer noch da war und wir die Wiederbelebung unbedingt fortsetzen sollten. Seine Erlebnisse haben ihn zutiefst beeindruckt, er berichtet, nun keine Angst mehr vor dem Sterben zu haben. Vier Wochen später verläßt er das Krankenhaus als gesunder Mann.“
Könnte der Patient vielleicht doch nicht ganz bewußtlos gewesen sein? Hat er vielleicht durch seine halbgeschlossenen Augen die Vorgänge beobachtet? Wenn ja, dann sollten in blinden Patienten solche Ereignisse nicht eintreten. Jedoch haben diese sehr wohl Nahodeserlebnise (Ring K, Cooper S: „Mindsight - near-death an out-of-body-experiences in the blind“, Palo Alto 1999).
Ich glaube nicht an die Existenz einer Seele und kenne auch
keine zwingende Argumente, die deren Existenz belegen.
An die Seele kann man glauben. Wissen muß man jedoch, daß das Bewußtsein nicht an ein funktionierendes Gehirn gebunden ist.
Nocheinmal möchte ich hier Lommel zitieren:
„In Ermangelung einer anderen Erklärung für Nahtodeserlebnisse muß das bisherige (noch nie bewiesene) Konzept, Bewußtsein und Erinnerung seien im Gehirn verankert, revidiert werden [Bem.: Allein schon so ein Satz in einem Journal wie dem Lancet ist eine wissenschaftliche Revolution…]. Wie könnte ein klares Bewußtsein, subjektiv wahrgenommen außerhalb des eigenen Körpers, existieren in einer Phase des klinischen Todes mit flachem EEG?“
Der Originalartikel von Lommel ist nach Registrierung auf http://www.thelancet.com erhältlich. Ich habe ihn hier als .pdf vorliegen (falls jemand Interesse hat).
Im Moment laufen Studien, in welchen einfache, geometrische Objekte im Raum plaziert werden, so, daß sie nur von oben gesehen werden können. Natürlich ist keiner der beteiligten Personen im voraus bekannt, was für Objekte das sind. Dies dürfte dann letzte Zweifel beseitigen.
frohe Festtage!
Oliver