Mal ein bisschen was Wissenschaftliches …
Hallo Anwar,
wie gefährlich ein Hund ist/sein kann, lässt sich weder an Größe noch an Rasse festmachen. Auch wenn die Landeshundeverordnungen aus unterschiedlichen Gründen in diese Richtung gehen, sind sich Experten eigentlich einig, dass dieser Ansatz so nicht funktioniert.
Meiner Ansicht nach entsteht durch diese Simplifizierung sogar noch eine größere Gefahr, nämlich die, die wahren Gründen zu ignorieren und somit weiteren Vorfällen erst recht Tür und Tor zu öffnen.
Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen ist Fachtierärztin für Verhaltens- und Tierschutzkunde und arbeitet seit 27 Jahren verhaltensbiologisch und interdisziplinär über Wölfe und Hunde und deren Beziehung zum Menschen.
In „Hundepsychologie. Sozialverhalten und Wesen. Emotionen und Individualität, 4. völlig neu bearbeitete, erheblich erweiterte und neu bebilderte Auflage Stuttgart 2004“ schreibt sie u.a.:
„Die beste Prophylaxe in bezug auf „gefährliche Hunde“ ist eine hundegerechte Sozialisation an Artgenossen und Menschen (Kinder und alte Menschen) sowie eine ebensolche Habituation (Gewöhnung an Umweltreize). Sozial sichere und umweltsichere Hunde zeigen kaum eine schnelle Eskalation aggressiver Kommunikation. Unsichere Hunde jedoch beißen, weil sie vermeintlich „alles zu verlieren haben“, sie beißen aus Angst.“ (S. 432)
„Aus Sicht der Ethologie gibt es keine „Kampfhunderassen“ oder „gefährliche Rassen“, da es naturwissenschaftlich unsinnig ist, einer Hunderasse à priori, somit ohne Berücksichtigung der Verzahnung von genetisch bedingten Handlungsbereitschaften und den obligatorischen Lernvorgängen, eine „gesteigerte Gefährlichkeit“ zuzuschreiben. Zudem ist Gefährlichkeit ein abstrakter Begriff, der nicht mit Aggressivität gleichzusetzen ist, was oft geschieht. Eine sachgerechte Definition „gefährlicher Hunde“ muss die Voraussetzung sein, um die Aufgabe des Schutzes der Bevölkerung vor diesen effizient durchzusetzen.“ (S. 433)
„Rasselisten sind als verordnete Verstöße gegen höherrangiges Recht, das geltende Tierschutzrecht, zu sehen. Für bestehende Probleme in der Hundehaltung „greifen“ sie nicht. Indes bereiten sie etlichen Hundehaltern unendliches Leid und große Probleme durch Verlust des Tieres bzw. soziale Ausgrenzung. Und sie führen zu Verhaltensfehlentwicklungen bei den betroffenen Hunden, da sie Hunden bestimmter Rassezugehörigkeit ein ausgeprägt restriktives Leben zumuten. Auch der sozial sichere, „stressresistente“ Hund kann einem Leben mit ständigem Leinenzwang und Maulkorbzwang keine Coping-Strategien entgegensetzen - und nimmt Schaden. Indes gibt es „Mensch-Hund-Beziehungen“, die Indikatoren einer potenziellen Gefährdung aufweisen, die über das „Restrisiko“ der Haltung eines Hundes hinausgehen. Hunde entsprechender oder ähnlicher Rassezugehörigkeit deshalb (wo ist die Kausalität?) zunehmende Haltungsrestriktionen zu unterwerfen oder sie gar zu verbieten, sie „aussterben“ lasen zu wollen, ist keine Lösung.
Es geht in aller Regel um bestimmte Mensch-Hund-Beziehungen. Problematische Entwicklungen derselben Hunde verschwinden bei anderen Hundehaltern sofort, wie in etlichen Fällen zu belegen war. […]
Die Beziehungsschiene Mensch-Hund ist von ganz entscheidender Bedeutung. Denn Hunde kooperieren und konkurrieren mit ganz bestimmten Menschen in besonderer Weise. Das ist canidentypisch. Ein Ausgleich dieser häufig ambivalenten Situationen wird von bestimmten Menschen nicht verstanden oder so manipuliert, dass sich inadäquates Aggressionsverhalten ihres Hundes entwickeln muss. Außerdem ist die Stimmungsübertragung Mensch-Hund nicht zu vernachlässigen.
Der Ansatz bei bestimmten Haltern, das Erkennen von Gefahrenmomenten am Beziehungsgeflecht Mensch(en)-Hund wird zu oft unterschätzt bzw. es unterbleibt ganz.
Es sind, wie auch wissenschaftliche Erhebungen belegen, individuelle Hund-Mensch-Beziehungen, die den ersteren zur Gefährdung seiner Umwelt werden lassen [Lockwood 1986].
Es gibt keine Belege für gefährliche Hunderassen: Weder nach Beißvorfällen noch wissenschaftlichen Erkenntnissen (ethologisch, tierzüchterisch, molekulargenetisch) folgen diese Benennungen seriösen, nachvollziehbaren Kriterien. Es gibt gefährliche Hunde_individuen>.“ (S. 434f)
„Es sei betont, dass natürlich nicht alle Hunderassen gleich sind in ihrer Verhaltenssteuerung, sie werden natürlich nicht als Tabula rasa geboren, ihr Verhaltensinventar wie z.B. bestimmte Reaktionsnormen können indes sehr unterschiedlich und durchaus rassekennzeichnend sein, sind also durchaus genetisch determiniert, entwickeln sich jedoch in ständiger, fein differenzierter Wechselwirkung mit allen Reizen des hundlichen Umfelds. Und so kommt es zu unterschiedlichen Verhaltensausprägungen bei Tieren einer Rasse. Dieses gilt gerade für Aggressionsverhalten.“ ((S. 435f)
„Der Begriff „gefährlicher Hund“ ist rasseneutral für Individuen über stimmte Merkmale zu bestimmen: der Situation nicht angemessenes Aggressionsverhalten, Angriffe und ungehemmtes Beißen (ohne Beißhemmung) von Sozialpartnern (Artgenosse, Mensch) u.a. Tierarten.
Hund und Mensch bilden stets ein „Beziehungsgespann“: jede Hundezucht wie Hundeentwicklung wird vom Menschen entscheidend beeinflusst, der überwiegend ursächlich verantwortlich ist für gestörte Beziehungen zum Tier. Es sind die Züchter (Massenzuchten!) und Besitzer bzw. das gesamte soziale Umfeld, das Hunde gefährlich werden lässt.
Analysen der Genesen von schweren Beißvorfällen weisen auf soziologische Probleme, das Bedürfnis von Menschen, über den Missbrauch von Hunden zu imponieren, Angst einzuflößen und ihr Ego aufzuwerten. Die „Aggressionszüchtungen“, in der Regel Kreuzungen (sog. „Hinterhof-Züchtungen“), sind als Symptom gesellschaftlicher Probleme zu werten.“ (S.436)
„Wir müssen, entfernt von emotionalen „Lösungsansätzen im Schnellverfahren“, zu objektiven Fakten, zu einer objektiven Darstellung der Gefährdung durch Hunde und deren Ursachengefüge finden.
Der Schlüssel liegt im Verständnis der Entwicklung des schrecklichen Geschehens.“ (S.445)
Auswahl der Textstellen durch mich, hoffentlich ohne durch die Auslassungen etwas verfälscht zu haben.
Grüße,
Christiane_