Mehr Demokratie wagen!
Hallo Martin,
Dröge? Da habe ich schon ganz andere Sachen verdauen müssen :o))). Na ja, ich habe mal wieder in unzulässiger Weise Utopie, Satire und Ironie vermischt und bin heilfroh, daß Du das jeweils an den richtigen Stellen gemerkt hast. Ich werde mich aber nicht bessern.
Erst mal zu Punkt 6: Das war ein ironischer Seitenhieb auf BdS und PDS. Ich habe mir das säuerliche Gesicht der BdS-Oberen vorgestellt, daß sie ausführendes Organ einer PDS-Forderung sein sollen. Ich habe mir auch das versteinerte Gesicht der PDS-Oberen vorgestellt, wenn ihre Forderung durch einen Verein verwirklicht wird, auf den sie noch nicht einmal ansatzweise Einfluß haben. Wenn ich meine Phantasie schweifen lasse, komme ich auf noch viel verwegenere Einfälle, wer die Abgeordnetendiäten kontrollieren solle: Wie wäre es denn mit dem Zufallsprinzip wie beim Mikrozensus: Irgendwann bekommt ein ganz normaler Bürger einen Brief ins Haus: „Sehr geehrter Herr/Frau XYZ. Durch ein nach dem Zufallsprinzip ausgestaltetes Auswahlverfahren sind Sie dazu ernannt worden, die neuerliche Erhöhung der Diäten zu genehmigen. In den nächsten Tagen geht Ihnen hierzu das Informationsmaterial in Form von 12 Aktenordnern unfrei zu. Bitte beachten Sie, daß es sich um ein Ehrenamt handelt, dessen Ausübung Sie nur unter den Voraussetzungen des § 67 des Bundesdiätengenehmigungsgesetzes (BDGG) ablehnen dürfen. Als Entschädigung für Ihren Aufwand ist nach § 123 BDGG ein Betrag von 3,27 Euro vorgesehen. Mit freundlichen Grüßen. i.A. Der Bundesbeauftragte für das Diätenwesen“.
Du wirst gemerkt haben, daß ich ein großer Fan von „direkter“ Demokratie bin, also der Möglichkeit, staatliche Entscheidungen direkt durch Abstimmungen und nicht indirekt durch die Ernennung von Abgeordneten herbeizuführen. Und da gibt es natürlich ein Schlüsselerlebnis: Vor etwa 20 Jahren habe ich im Schweizer Fernsehen die Volksabstimmung über ein so dröges Thema wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer um ein Prozent verfolgt. Bei den Diskussionen darüber habe ich sehr sehr viel über Volkswirtschaft und Marktsteuerung gelernt. Es war nötig, die Zusammenhänge verständlich zu erläutern, um die Schweizer dazu bewegen, einer Steuererhöhung zuzustimmen. Die Erhöhung wurde dann mehrheitlich angenommen. Die Diskussionen über das Thema waren ziemlich kontrovers und kenntnisreich. Etwa zur gleichen Zeit legte Loriot einem FDP-Abgeordneten (sinngemäß) in den Mund: „Die FDP sagt zu dieser Frage ein klares, deutliches und unumkehrbares Vielleicht“. Ich halte Volksabstimmungen für ein gutes Mittel, der galoppierenden Volksverdummung Einhalt zu gebieten.
„Klappt nicht“, sagst Du. Klappt nur dann nicht, wenn man den Wunsch hat, daß eine Volksabstimmungen zu einer Blockierung der Regierungspolitik führt. Wer den Haushalt nicht kapiert, soll mit „ja“ stimmen, oder mit „nein“, wenn er die Regierung sowieso für Banditen hält. Bei so einer Frage wie Haushalt ist die maximale Wahlbeteiligung bei vielleicht 20 Prozent. Davon sind die Hälfte Leute, deren demokratisches Selbstverständnis es verbietet, eine Wahl zu schwänzen. Diese werden wohl überwiegend mit „Ja“ stimmen. Bei der anderen Hälfte tummeln sich diejenigen, die sich die Köpfe darüber eingeschlagen haben, ob man es der Regierung zeigen soll oder nicht. Ergebnis: 75% Zustimmung. Wenn man es allerdings der Regierung zeigen will, dann muß sie gefälligst den Haushalt nachbessern. Ist der US-Regierung neulich nicht so etwas ganz ohne Volksabstimmung passiert? Eine Volksabstimmung ist aber auf jeden Fall ein Barometer. So war die Volksabstimmung in der Schweiz zu einem Atomkraftwerk (ist - glaub ich - auch schon wieder zehn Jahre her) so knapp ausgefallen, daß die Schweizer Regierung auf einen forcierten Ausbau der Atomkraft verzichtet hat.
Apropos „klappt nicht“. Man könnte es doch einmal im Kleinen versuchen, z.B. auf Gemeindeebene. Dazu müßten allerdings Grundgesetz und Landesverfassungen grünes Licht geben, sonst wird es von den Verfassungsgerichten gestoppt (ist schon geschehen). Die bisherigen Erfahrungen mit Volksabstimmungen in Ländern und Gemeinden sprechen nicht dafür, daß sich das Volk für extreme Gruppen mißbrauchen läßt. Auch die beiden großen Volksabstimmungen in der Weimarer Republik sprechen nicht dafür. Aber die große Grundsatzentscheidung, ob man mehr Demokratie wagen soll, ist noch nicht gefallen.
Du meine Güte, mit 12 Aktenordnern bombardiert zu werden, das lasse ich mit mir nur „aus humanitären Gründen“ geschehen
)). Frag mal nach einer Wahl, ob jemand das Programm und das Wahlprogramm der Partei gelesen (geschweige denn bekommen) hat, die er gewählt hat. Aber es gibt ja neuerdings das Internet. Übrigens stimmt jeder Verein über den „Haushalt“, also die Vereinskasse ab, sind die etwa klüger?
Schönes Wochenende
ralph