Hallo Branden,
Ja, aber wir sehen es glaube ich aus zwei unterschiedlichen
Perspektiven kritisch: Du von der der Psychoanalyse, ich eher
von der des Marxismus her;
Das mag wohl sein; ich kenne mich in den Gedankengängen der
Psychoanalyse halt besser aus als in denen des Marxismus.
Das ist schon gut so, schlimm wäre es für Deine Patienten wenn es anders herum wäre 
da ich Fromms psychoanalytisches Gedankengut fast nur von
dessen Ablehnung bei Adorno her kenne, kann ich darüber
schlecht mitreden, weil ich mir nicht ganz im Klaren bin, wie
Fromm den Gegensatz von Sein und Haben auf die psychosexuelle
Entwicklung des Kindes bezieht (dies macht er ja in diesem
Buch glaube ich fast gar nicht, zumindest explizit nicht).
Nicht nur Adorno, auch Marcuse hat Fromms idealituschen
Cocktail aus Marxismus, Psychoanalyse, Christentum, Judentum
und abendländischer Ethik zuweilen als schwer verdaulich bzw.
das Gegenteil: zu leicht (gewogen und als zu leicht befunden)
kritisiert.
Das stimmt, wobei Marcuse immer den „Cocktail“ ablehnt, dabei zwar auf Fromms psychoanalytische Theorie eingehend (z.B. wenn er dessen Aufgabe des Todestriebes kritisiert), Adorno aber viel radikaler die ganze psychoanalytische Haltung Fromms massiv ablehnt („Neo-Analyse“).
Mir geht es ähnlich. Fromm ist zwar sympathisch und
interdisziplinär bis zu enem best. Grad, nervt aber zuweilen
dann doch mit seinen pastoralen Ansätzen.
Allerdings, jedoch muss man berücksichtigen, wann er „Haben oder Sein“ geschrieben hat, nämlich zu einer Zeit, zu der der ganze westliche Marxismus von der „Krise des Marxismus“ gesprochen hat; den Fromm der 30er Jahre finde ich gar nicht so schlimm.
Was mir natürlich klar ist, ist dass er die kapitalistische
Gesellschaftsform als „anale Fixierung“ betrachtet, also als
eine Form in der das Verhältnis von Sein und Haben „gestört“,
pervers, ist; eine Form, in der das Ich noch instabil i s t
und damit das Individuum noch ohne Vermittlung auf äußere und
innere Impulse reagiert. Ich denke also, dass bei Fromm die
Frage von Sein und Haben stark an der Frage der
Ich-Entwicklung anhängt.
Ja, bei der „analen Analyse“ (ähnlich wie W.Reich) kann ich
noch mitzuehen,
da habe ich bereits ein bißchen Probleme, weil ich denke, dass eine Gesellschaftsanalyse nicht unbedingt mit psychoanalytischen Begrifflichkeiten geschehen sollte; den Gewinn eines Freudomarxismus sehe ich eigentlich in einer Zusammenbringung von psychosexueller Entwicklungslogik und der Marxistischen Logik der Geschichtsentwicklung (wie dies Adorno noch einigermaßen gelungen ist), nicht aber darin, die eine unter die andere zu subsumieren.
mir fehlt aber wiegesagt das frühkindliche
Moment: Der Säugling kann noch nicht zwschen Sein und Haben
unterscheiden, so wie ihm ja auch anfangs nicht klar ist, ob
die Mutterbrust, die ihm Nahrung und orale Lust gewährt,
genauso zu ihm gehört, ein Teil von ihm ist wie z.B. sein
eigener Fuß oder seine Nase. Wo fängt mein ICH an…was ist
mein SEIN und was ist schon/noch HABEN ? wäre glechsam die
Frage.
Ich glaube nicht, dass er diese Wechselwirkung von Sein und
Haben übersieht, denke eher, dass er eine perverse
„Haben-Fixierung“ auf der analen Stufe des Kapitalismus denkt,
weil er zwischen zwei verschiedene Aspekten des Habens
unterscheidet (auf Seite 87):
Da sind wir ja wiegesagt d’accord (auch mit Fromm), aber das
Problem fängt ja eben schon früher an, VOR der analen Phase.
Das Defizit, das Loch, das orale Loch, das ich füllen möchte,
wdas, was mich zur depressiv akzentuierten Sichtweise bringt,
wenn ich oral fristriert worden bin usw. usf.
Das ist schon richtig was Du sagst, aber Du bist nicht auf die beiden Haben-Begriff eingegangen, die Fromm differenziert; es ist ja vollkommen richtig, dass das Kind erst im Laufe der Strukturentwicklung die Differenzierung von Haben und Sein erlernt.
Darauf setzt Fromm ja gerade; wenn er die kapitalistische Gesellschaft als „anal“, „habend“ begreift, dann sagt er doch, dass sie die Fähigkeit zu Differenzierung noch nicht ganz erworben hat; diese Differenzierung ist ja auch nicht eine einfache zwischen Sein und Haben, sondern die zwischen „funktionalem Haben“ und „charakterbedingtem Haben“;
Fromm meint also, wenn der gesellschaftliche Einflußfaktor weggenommen würde, dann würde letzteres Haben verschwinden (weil ja der Charakter einzig gesellschaftlich wäre), und bleiben würde dann lediglich das funktionale Haben, das in jeder „gesunden“ psychosexuellen Entwicklung vom Sein differenziert wird, das aber zugleich mit dem Sein eins ist.
Fromm will also ganz dezidiert nicht zurück zum Sein der „primitiven Gesellschaften“ (was praktisch wohl der oralen Phase entsprechen würde, das heißt dieses Sein ist noch eines, in dem Haben und Sein verschieden sind, aber eben noch nicht zwischen Haben und Sein unterschieden werden kann), sondern voraus zum Abschluss der Strukturbildung, wo gilt: „(funktionales) Haben und Sein“, statt „Haben oder Sein“, wie auf der kapitalistisch-analen Stufe.
So sagt er eben:
„Funktionales Haben gerät nicht in Konflikt mit dem Sein, wohl aber charakterbedingtes Haben“.
Ich hoffe, ich habe einigermaßen Deinen Einwand getroffen,weil ich sonst nicht wüsste, was Du meinst.
Viele Grüße
franz