Hallo Adam,
so, jetzt hab ich mich durch den ganzen Thread gewühlt. Und nach dieser Lektüre will ich keine ganz klare „ja oder nein“-Antwort geben. Warum? Ganz einfach, weil wir es hier unabhängig von der Zeit und sogar der Person Lenins mit einer Tendenz der aktuellen Geschichtschreibung zu tun haben, die nicht dadurch besser wird, dass Sie sich der Mittel der Propaganda wie wir sie auch aus aktuellen Kriegen kennen, bedient.
Zunächst einmal das Spiel der Zahlen. Große Zahlen beeindrucken den Laser, erscheinen, ob richtig oder falsch auf dem Klappentext und auch in den Reviews. Deswegen ist ein jeder Populärhistoriker unabhängig von den Fakten gezwungen große Zahlen zu produzieren. Wenn es um Massenmord geht, dann steht da nicht, dass Lenin so und so viele seiner Gegner hat aus dem Weg räumen lassen. Dazu wird die Anzahl der Toten des 1.Weltkrieges addiert, eine mehr oder weniger großzügige Schätzung der Toten durch Hunger und Krankheit abgegeben und, sollte es noch nicht reichen, sogar die Zahl derer, die durch Altersschwäche starben draufgehauen (doppelt, weil wenn jemand mit 99 Jahren an Tuberkulose stirbt, kann man ihn ja als alt und als krank zählen).
Der nächste Schritt ist, dass man die Toten, die auf das Konto der Gegner und Nachfolger dessen gehen, den man gerne als den großen Massenmörder darstellen will, auch noch drauf haut. So kommen solche Zahlen zustande. Sie sind schlicht und ergreifend falsch. Manches Mal völlig unrealistisch (in einem anderen Zusammenhang war ja die Goldmenge im Templerschatz auch schon dreimal so hoch wie die Gesamtmenge des seit der Antike geförderten Goldes, Im 30jährigen Krieg starb die ganze Weltbevölkerung zweimal, usw). Was Russland betrifft, so reden wir geschätzt von etwa 48-50 Mio Einwohnern 1917, eher weniger. 13 Mio getötet hätten mit Sicherheit dafür gesorgt, dass dieses Land sich nie wieder so erholt hätte, wie es sich ja dann erholte. Alleine schon aus diesem Grund halte ich die Zahl für unrealistisch.
Der andere Punkt, den man sehen sollte ist, dass es eigentlich irrelevant ist. Ob 100, 1000 oder 10 Mio, es ist Mord. Lenin ist verantwortlich für viele Tote, auch wenn wir die Anzahl bestenfalls schätzen können. Wenn man versucht darzustellen, dass einer „der schlimmste“ Massenmörder war, dann hat das etwas von Top Ten und gleichzeitig von Verharmlosung derer, die es in den Zahlenspielchen nicht auf Platz 1 geschafft haben. Wieder ein Beispiel aus einem anderen Zusammenhang. Saddam Hussein hat gerade mal 50-100000 bei den Kurden geschafft. Das macht ihn verglichen mit einem Hitler, einem Stalin einem Lenin zum Waisenknaben. Seine Opfer sahen es trotzdem anders. Man kann also einen Massenmörder nicht einfach nach der theoretisch berechneten Anzahl seiner Opfer in eine Rangliste stellen. Dann würde ein Hitler wahrscheinlich nicht mal in den Top Ten vertreten sein, vor allem nicht, wenn man solche Zahlen glaubt. Dann wären Mao-Tse-Tung, Kim Il-Sung, Lenin, Kim Il-Jong, Hirohito, Lenin, Stalin, Kemal Atatürk (mit 9 Mio Armeniern in einem Jahr eine Spitzenleistung), Papst Urban II und Boris Jelzin die Spitzen leute. Boris Jelzin zwar nur, weil während siener Zeit als Präsident die Bevölkerung der russischen Förderation um etwa 1/2 Mio abnahm, aber so sind die Regeln der Zahlenspiele.
Und noch eine weitere Anmerkung. Da hab ich mal wieder was gelesen, es war ein Bürgerkrieg und die Einmischung von außen war illegal. Weswegen man eine große Anzahl der Toten auf andere Konten buchen müsste. Das ist natürlich wieder die Theorie des Wegsehens. Aber denken wir mal nach. Wenn die Einmischung damals geklappt hätte, hätte es den Russen 80 Jahre Diktatus sparen können, der Welt vierzig Jahre Klaten Krieg immer an der Grenze der nuklearen Katastrophe und vor allem (als ein gutes Beispiel für die Widersinnigkeit des konsequenten Wegsehens) es hätte nie eine Beschnew-Doktrin gegeben, nie die Toten des 17.Juni. Bevor man also solche Argumentationsspiele betriebt, sollte man vielleicht auch mal darüber nachdenken, was die Alternativen waren.
Gruß
Peter B.
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