Hallo Ramona!
Auf den ersten Blick lebt es sich als Mieter unkomplizierter. Man zahlt seine Miete und fertig. Einen Eindruck vom unbeschwerten Leben in fremdem Eigentum bekommst Du, wenn Du gelegentlich einen Blick ins Mietbrett wirfst. Ein paar gängige Kostproben:
Man streitet sich mit dem Hausmeister, der Verwaltung oder dem Eigentümer über die abgeplatzte Ecke im Treppenhaus und darüber, ob die durchgeführte Reinigung ausreichend ist, ob man Schuhe vor die Tür stellen darf, wo ein Kinderwagen stehen darf und wo nicht und ob die Briefkastenanlage mit Klappen knapp für Postkarten ausreichend ist. Letztlich bekommt der Mieter Bescheid, was er zu tun, zu lassen und zu dulden hat.
Im Wohnzimmer ist die Wand rund ums Fenster verschimmelt. Der Vermieter tut daraufhin kund, der Mieter müsse besser lüften. Daß Baupfusch vorliegt und die ganze Hütte auf einem baulichen und technischen Stand von annokrug ist, stört nur den Mieter, aber der hat gefälligst den Schnabel zu halten oder auszuziehen.
Du freust Dich täglich beim Blick aus dem Fenster an den Bäumen und den darin tobenden Eichhörnchen. Eines Tages kommst Du nach Hause und die Bäume sind weg. Statt dessen steht dort eine Reihe Mülleimerkästen aus Waschbeton. Als Mieter wirst Du nicht gefragt. Du hast hinzunehmen, was andere über Dein Lebensumfeld beschließen.
Du bekommst die Nebenkostenabrechnung und Dir tränen die Augen. Du zahlst für die Pflege von Anlagen, die Du gar nicht benutzen darfst. Weil die Installationen von Heimkehrern aus dem letzten Krieg geplant wurden, gibt es natürlich nur Verdunsterröhrchen an den Heizkörpern und eine einzige Wasseruhr für zig Mietungen im Keller. Als Mieter hast Du solche Zustände hinzunehmen und zu zahlen.
Als Mieter wird Dir beschieden, daß andere Leute Deine Wohnung besichtigen wollen, entweder turnusmäßig oder weil der Immobilieneigentümer verkaufen, umbauen oder was auch immer will. Und so latschen dann Leute durch Deine privateste Sphäre, die Du weder kennst, geschweige denn eingeladen hast.
Das soll als Schlaglicht reichen; die Liste läßt sich beliebig fortsetzen. Damit kein falscher Zungenschlag in die Sache kommt, betone ich, daß es mir nicht darum geht, auf böse Vermieter zu schimpfen. Aber die Interessen eines Vermieters und Eigentümers können eben ganz anders gelagert sein als die Interessen eines Mieters. Dabei endet der Einfluß des Mieters unmittelbar an der Oberfläche des Türblatts seiner Wohnung und selbst innerhalb seiner Wohnung nutzt er fremdes Eigentum, muß um Genehmigung nachsuchen, hat Rechtfertigungsbedarf, ist im Zweifel ersatzpflichtig sowie den Einflüssen von Leuten neben, über und unter ihm ausgesetzt.
Die Zahlung für die Nutzung fremden Eigentums läuft lebenslänglich, ohne daß der Mieter dabei Eigentum erwirbt. Er wird sein Leben lang Konsument kurzlebiger Güter sein, lebenslang für die Erträge anderer Leute zahlen, aber zu keinem Eigentum kommen, mit dem er selbst Erträge erwirtschaften kann, daß sich beleihen oder versilbern oder wenigstens ohne dauernde Zahllast nutzen läßt.
Aus den erwähnten Zusammenhängen ergibt sich für jeden einzelnen Betroffenen eine mehr oder minder stark empfundene Abhängigkeit. Ferner ergeben sich gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Probleme. Wir sind ein Volk überwiegend von Mietern, die darüber hinaus mehrheitlich über kein Eigentum an Produktionsmitteln und über kein geistiges Eigentum verfügen. Dabei bewirkt u. a. die Miete für Wohnraum eine stetige Umverteilung von Vermögen und Kaufkraft von unten nach oben. Eine Folge dieses Umstands sind Probleme bei der Altersversorgung. Wer aus dem Arbeitsprozeß herausfällt, wird ohne Eigentum, daß sich ohne größere Kosten nutzen läßt oder sogar Rendite bringt, zum Empfänger staatlich organisierter Umlage- und Versorgungssysteme.
Gruß
Wolfgang