Lösung(sversuch)
Hallo!
Partizipien richten sich generell nach den zu Grunde liegenden Verbindungen mit Verben (dies sagt § 36 des amtlichen Regelwerks). Dies gilt auch für Substantivierungen. So kommen Substantivierungen wie z. B. „die allein Stehende“, „der schwer Behinderte“ zu Stande (auch wenn Letzteres nicht im Duden steht, ist es nicht [generell] falsch).
Nach diesem Muster kommt man nun zu den „gefangen Genommenen“, da die Zusammensetzung „gefangen genommen“, die zu Grunde liegende Verbindung mit dem Verb „gefangen nehmen“ heißt.
Auseinander geschrieben wird die Zusammensetzung mit dem Verb, da der erste Teil der „Zusammensetzung“ ein Partizip ist. Nach dem amtlichen Regelwerk werden „Zusammensetzungen“ mit einem Partizip als erstem Bestandteil immer getrennt geschrieben (wie auch in „getrennt schreiben“).
Bei Substantivierungen ist jedoch generell die Zusammenschreibung möglich. Demnach kann man (und sollte in manchen Fällen) schreiben: „die Alleinstehende“, „der Schwerbehinderte“ …
Das Lustige ist, dass die Schreibung „die gefangen Genommenen“ nicht regelkonform ist. Es muss auch nach den neuen Regeln der Rechtschreibung „der Gefangengenommene“ / „die Gefangengenommenen“ heißen.
Das hat damit zu tun, dass das Partizip in diesem Fall nicht in dem Sinnen „näher bestimmt“, wie es ein Adjektiv oder ein Adverb tun kann.
Die „allein Erziehende“ erzieht alleine, der „schwer Behinderte“ ist schwer / besonders schwer … behindert, das „klein Gedruckte“ ist nicht groß, sondern klein gedruckt.
Im Gegensatz zu diesen Beispielen ist es nicht möglich, dass ein „Genommener“ (den es nicht gibt) gefangen wird („Wie ist der Genommene?“ – gefangen).
Vereinfacht könnte man wohl sagen, dass getrennt geschrieben werden kann, wenn der zweite Bestandteil auch allein stehen könnte: Es gibt die Erziehende, den Behinderten, das Gedruckte etc.
Es gibt aber keinen „Genommenen“.
Ich weiß, dass diese Erklärung nicht gerade gut ist, aber ich weiß nicht, wie ich es anders erklären könnte. Mit Partizipien ist das einfach so eine Sache … Ich hoffe aber, dass ihr trotzdem versteht, wie ich es meine. Es ist schwierig, diesen komplizierten Sachverhalt so kurz zu erläutern.
Kleine Randnotiz: In Geschäftsbriefen sieht man manchmal Sätze, wie z. B.: „ Beiliegend senden wir Ihnen unseren Katalog.“
Dieser Satz ist grammatikalisch falsch, da nicht wir beiliegen („Wie senden wir …?“ – beiliegend), sondern der Katalog. Ebenso gibt es keinen „genommenen Urlaub“, sondern nur einen Urlaub, den man genommen hat.
Puh, jetzt brauche ich erst einmal eine Tasse Kaffee …!
Liebe Grüße
Florian