Ich kann mir aber vorstellen, dass eine Funktion geben muss,
die x(t) beschreibt.
„Jain.“ Die exakte Lösung ist leider implizit, d. h. man hat am Schluss der Rechnung t(x) = eine wilde Funktion von x auf dem Papier stehen, die man noch zu x(t) invertieren müsste. Das ist aber leider nicht möglich – die Funktion ist zu sperrig dafür.
Die Bewegungsgleichung eines Elektrons im Kraftfeld
F® = k/r2
(erzeugt von einer bei r = 0 sitzenden Punktladung) lautet
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d2/dr2 r = k/m 1/r2
–––––––––––––––––––––––––––––––––––
Das Elektron möge sich zum Zeitpunkt t = 0 an irgendeiner willkürlichen Position r0 in Ruhe befinden. Ab dann wird es sich selbst überlassen. Dies legt die Anfangsbedingungen des Vorgangs fest:
r0 = r(t = 0) beliebig
v0 = v(t = 0) = 0
An dieser Stelle können wir schon einige Aussagen machen, und zwar:
(1) Wenn k >[[0 + 1/2 k/(m r02) t2 in Bewegung setzen. Das ist auch klar, denn k/r02 ist ja die (für kleine Zeiten t annähernd konstante) Kraft, die es am Startort erfährt. Die exakte Lösung der DG muss dieses Verhalten reproduzieren.
(3) Für k > 0 (d. h. das Elektron wird abgestoßen) wird das Elektron nach langer Zeit weit weg sein. Dort erfährt es nur noch eine geringe Kraft und wird sich folglich mit konstanter Geschwindigkeit bewegen. Das bedeutet, dass die exakte Lösung der DG für große t das t-lineare Verhalten C t + D mit irgendwelchen Konstanten C, D reproduzieren muss.
(4) Für k 0 vollführen, wenn auch keine harmonische (die gibt’s nur bei F(x) ∝ –x). Für diesen Fall wären wir natürlich auch an der Schwingungsdauer T interessiert.
Rücken wir der DG zu Leibe.
Reduktion-der-Ordnung-Ansatz via d2/dr2 r = v dv/dr:
v dv/dr = k/m 1/r2
v dv = k/m 1/r2 dr
Jetzt sind die Variablen getrennt (links nur v, rechts nur r) und wir können beide Seiten passend integrieren:
∫0 … v v’ dv’ = k/m ∫r0 … r 1/r’2 dr’
(die Striche bezeichnen keine Ableitung, sondern sollen nur die Integrationsvariablen kennzeichnen)
Die Stammfunktionen sind klar: x → 1/2 x2 und 1/x2 → –1/x.
[1/2 v’2]0 … v = k/m [–1/r’]r0 … r
1/2 v2 = k/m (1/r0 – 1/r)
v2 = 2 k/m (1/r0 – 1/r)
v2 = 2 k/(m r0) (1 – r0/r)
Jetzt steht Wurzelziehen an ⇒ aufpassen! Für k haben wir auch negative Werte zugelassen, aber wir wollen natürlich keine Wurzel mit negativem Radikand haben. Um das zu vermeiden, müssen wir eine Fallunterschiedung machen:
Für k > 0 gibts nicht das geringste Problem: v = √(2 k/(m r0) (1 – r0/r))
Für k 0. Stellen wir die rechte Seite in der Form 2 (–k)/(m r0) (r0/r – 1) dar, dann ist sowohl das –k als auch das r0/r – 1 darin positiv und macht beim Wurzelziehen keine Probleme.
Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass √(v2) = | v | ist.
So können wir die Klippe mit der Wurzel umschiffen:
k > 0 ⇒ | v | = √(2 k/(m r0) (1 – r0/r))
k 0) (r0/r – 1))
Für k > 0 (Abstoßungsfall) treten nur positive Geschwindigkeiten auf, aber für k 0 0 sowohl in „Hin“-Richtung als auch in „Rück“-Richtung vorbei. Das erlaubt uns noch ein paar Vereinfachungen:
k > 0 ⇒ v = √(2 |k|/(m r0) (1 – r0/r))
k 0) (r0/r – 1))
Der Ausdruck √(2 |k|/(m r0)) ist offensichtlich eine natürliche Geschwindigkeitseinheit des Problems. Wir taufen sie „c“:
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c = √(2 |k|/(m r0)) (c ist stets positiv)
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(Damit kennen wir auch eine natürliche _Zeit_einheit des Problems, nämlich r0/c. Wir können erwarten, dass sie während der Lösung des zweiten Teilproblem (t-Integration!) auftauchen wird.)
Das macht die Geschichte schon gleich viel freundlicher:
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k > 0 ⇒ v® = c √(1 – r0/r)
k 0/r – 1)
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So sieht also die v®-Funktion aus. Der erste Teil der DG-Lösung ist bewältigt; der zweite wartet.
v = dr/dt ist äquivalent zu
1/v® dr = dt
Für v® sind die beiden v®-Ausdrücke von oben einzusetzen. Wir haben bei k > 0 (abgestoßenes Elektron) ein besseres Gefühl und kümmern uns erstmal nur darum:
1/(c √(1 – r0/r)) dr = dt
Nebenrechung: 1/√(1 – a/x) = √(1/(1 – a/x)) = √((x/a)/(x/a – 1))
√((r/r0) / (r/r0 – 1)) dr = c dt
√((r/r0) / (r/r0 – 1)) d(r/r0) = c/r0 dt
Hierin kommt r nur noch als Bestandteil des Bruchs r/r0 vor, d. h. r wird in Einheiten von r0 gemessen. Wir kürzen diesen Bruch mit ρ ab:
√(ρ/(ρ – 1)) dρ = c/r0 dt
Auf der rechten Seite ist durch unsere Entdimensionalisierungsbestrebung c/r0 entstanden. Da die linke Seite mit dem ρ mittlerweile dimensionslos ist, muss es auch die rechte Seite sein. r0/c muss also eine Zeit sein, und das ist es ja auch tatsächlich (Länge/Geschwindigkeit = Zeit). Es handelt sich um eine natürliche Zeiteinheit des Problems. Wir denken an die erwähnte Schwingungsdauer im Fall k 0/c sein wird.
Nun zur Integration:
∫1 … ρ √(ρ’/(ρ’ – 1)) dρ’ = c/r0 ∫0 … t dt’
Die Integrationsgrenzen stimmen: Für t = 0 ist r = r0 und somit ρ = 1.
An dieser Stelle können wir schon „riechen“, was uns eine schöne, geschlossene Lösung r(t) verweigern wird. Es ist die Stammfunktion zu √(ρ/(ρ – 1)). Sie lautet √(ρ(ρ – 1)) + ln(√(ρ – 1) + √ρ) und ebendies ist die eingangs erwähnte „wilde“ Funktion.
Aber der Reihe nach:
[√(ρ’/(ρ’ – 1)) + ln(√(ρ’ – 1) + √ρ’)]1 … ρ = c/r0 [t’]0 … t
Beide untere Grenzen liefern keinen Beitrag, das ist nett.
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√(ρ(ρ – 1)) + ln(√(ρ – 1) + √ρ) = c/r0 t
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und hier ist der Weg leider zuende. Der letzte Schritt, die Auflösung dieser Gleichung nach ρ ist uns nicht möglich, weil die linke Seite dazu zu vertrackt ist. Wir können also nur fröhlich die Zeiten zu gegebenen ρ-Werten ausrechnen, aber nicht das, was wir eigentlich wollen, nämlich die ρ-Werte zu gegebenen Zeiten t wissen. Wir müssen uns also mit numerischen Lösungen begnügen – ein Computerprogramm kann uns natürlich zu jedem t das zugehörige ρ mit jeder gewünschten Genauigkeit liefern, per Intervallschachtelung oder einem ähnlichen Verfahren.
Für den Schwingfall k 0 dt
Die Stammfunktion zu √(ρ/(1 – ρ)) ist mit –√(ρ/(ρ – 1)) – arcsin(√(1 – ρ)) genauso hässlich. Auch hier liefern die beiden unteren Grenzen keinen Beitrag, so dass die Lösung für k 0 t
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Damit ist die Frage, wie sich das Elektron bewegt, geklärt, soweit es möglich ist.
Nun wollen uns aber noch vergewissern, dass die gewonnene Lösung das in den obigen Punkten (2) und (3) angegebene Verhalten für kleine und große t korrekt reproduziert, und sind sehr gespannt.
Nochmal die Lösung für k > 0:
√(ρ(ρ – 1)) + ln(√(ρ – 1) + √ρ) = c/r0 t
Für kleine t ist ρ > 1, aber noch sehr nahe bei 1. Damit geht die linke Seite über in
√(ρ – 1) + ln(√(ρ – 1) + 1)
Für kleine x ist ln(x + 1) ungefähr gleich x. Das ist hier gegeben, denn √(ρ – 1) ist sehr klein, wenn ρ nahe bei 1 ist. Der Ausdruck vereinfacht sich damit weiter:
√(ρ – 1) + √(ρ – 1) = 2 √(ρ – 1)
Also ist für kleine t
2 √(ρ – 1) = c/r0 t
√(ρ – 1) = 1/2 c/r0 t
ρ = 1 + 1/4 c2/r02 t2 c = √(2 |k|/(m r0))
ρ = 1 + 1/4 · 2 (|k|/(m r0))/r02 t2
r/r0 = 1 + 1/2 k/(m r03) t2
r = r0 (1 + 1/2 k/(m r03) t2)
r(t) = r0 + 1/2 k/(m r02) t2
Ergebnis: Punkt (2) ist tatsächlich verifiziert!
Für große t ist auch ρ groß. Deshalb geht der Ausdruck
√(ρ(ρ – 1)) + ln(√(ρ – 1) + √ρ)
über in
ρ + ln(2 √ρ) = ρ + ln(2) + 1/2 ln(ρ) ≈ ρ + ln(2)
Damit wird die Lösungsgleichung zu
ρ + ln(2) = c/r0 t
ρ = c/r0 t – ln(2)
r/r0 = c/r0 t – ln(2)
r(t) = c t – r0 ln(2)
Und das matcht genau zu dem im Punkt (3) Gesagten!
Zu allerguterletzt wollen wir noch die Schwingungsdauer für den Fall k 0 t
Wenn das Elektron die Punktladung im Ursprung erreicht hat, ist ρ = 0 und t = T/4, also muss gelten:
√(0/(0 – 1)) + arcsin(√(1 – 0)) = c/r0 T/4
T = 4 r0/c arcsin(1)
= 4 r0/c π/2
= 2 π r0/c
(aha, wir erinnern uns an oben: jetzt wissen wir,
welches Vielfache die Schwingungsdauer von r0/c ist,
sie ist das 2 π-fache davon)
= 2 π r0 / √(2 |k|/(m r0))
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T = π √(2 m/|k| r03)
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Mit dieser Periodendauer würde das Elektron schwingen.
Hinzuzufügen wäre vielleicht noch das. Solltest Du auf die Idee kommen, ein CAS (Computer Algebra System) mit der Suche nach einer Stammfunktion zu √(x/(1 – x)) zu beauftragen, wundere Dich nicht, wenn es Dir etwas anderes als –√(x(x – 1)) – arcsin(√(1 – ρ)) ausspuckt. Das ist dann kein Fehler. √(x/(1 – x)) hat noch einige andere Stammfunktionen, die π/2 oder π höher liegen.
Noch Fragen? 
Gruß
Martin