Hörsensationen bei Mittelohrentzündung?

Guten Abend,

vielleicht hat jemand von Euch schon Erfahrungen mit
einer Mittelohrentzündung gemacht und kann mir
ein paar Tips und Antworten geben.

Also, als Folge von einer Erkältung habe ich
mir eine Mittelohrentzündung eingefangen.
Seit 5 Tagen nehme ich ein Antibiotikum -
die Schmerzen sind weg, aber auf dem linken
Ohr höre ich noch sehr schlecht. Was mich vor allem
beunruhigt: Geräusche verzerren im erkrankten Ohr,
alles klingt irgendwie „verstimmt“. Wenn ich die
Ohren auf beiden Seiten abwechselnd zuhalte und öffne,
klingt es auf dem rechten Ohr gewohnt normal, auf dem
linken Ohr tiefer und disharmonisch. Alles klingt
doppelt, wie mit einem Echo oder Nachhall.

Ist das eine normale Erscheinung?
Wie lange dauert es i.d.Regel, bis sich
das Hörvermögen wieder herstellt?

Da ich einen chronischen Tinnitus habe
und mal unter Hyperakusis litt, habe ich
doch ziemliche Angst, dass ich sich dieser
Zustand nicht normalisiert.

Es wäre nett, wenn mir jemand einen Rat geben könnte.

Gruß, Sebastian

Moien

Ist das eine normale Erscheinung?

Jein: es hängt davon ab wie lange die Entzündung im Ohr war und was genau es erwischt hat.

Auf das Hören würde ich nach 5 Tagen wenig geben. Wichtig ist ein offener Kanal vom Mittelohr zum Rachen. Wenn der nach 5 Tagen immernoch komplett zu ist sollte man schnell was unternehmen. Wenn es beim kräfigen schlucken in den Ohren knackst sind die Kanäle offen.

Wie lange dauert es i.d.Regel, bis sich
das Hörvermögen wieder herstellt?

100% ganz zurück kommt es nie. Allerdings merkt das keiner. Das Gehirn past sich an das veränderte Hörprofil an. Nach 2 Wochen fällt es im Alltag nicht mehr auf, nach 2 Monaten muss man sich sehr konzentrieren um es zu hören.

Aber keine Panik. bei kleineren Sachen ist der real messbare Unterschied minimal.

Da ich einen chronischen Tinnitus habe

Durch Stress oder organisch/laute Musik bedingt ?

Es wäre nett, wenn mir jemand einen Rat geben könnte.

Mein reales Hörprofil sieht aus wie die Skyline von NY, trotzdem fällt es mir im Alltag nicht auf.

cu

Vielen Dank für die rasche Antwort pumpkin.

Die Entzündung besteht seit etwa einer Woche.
Die Kanäle öffnen sich langsam: anfangs noch komplett
verschlossen, kann ich jetzt jeden Tag ein bisschen mehr knacken.
Die Schmerzen gingen auch rasch weg, was bleibt ist
ein dumpfes Gefühl im Ohr - änhlich wie Wasser -
und halt dieses gedämpfte Hören mit Echo.
Davon abgesehen bin ich noch ziemlich erkältet,
fahre aber das volle Programm von ACC über
Inhalieren bis Rotlicht.

Der Tinnitus ist nicht organisch und als
posttraumatisches Symptom zu sehen. Das Ding,
oder besser gesagt, die Dinger, habe ich jetzt
seit 6 Jahren. Eine Mittelohrentzündung hackt
da natürlich genau in die empfindliche Kerbe,
im tauberen Ohr nehem ich den Tinnitus sehr laut wahr -
kommt ja auch kaum was durch zum maskieren.

Gibt es eine Erklärung für diese Hörsensationen,
dieses verzerrte Hören? Stimmt es wirklich,
dass man irreparable Schäden davon trägt?
Wenn es so bliebe wie jetzt gerade, könnte
ich kein Instrument mehr stimmen.

au revoir

Moien

Die Schmerzen gingen auch rasch weg

Das ist bei der chemischen Keule normal. Schmerzen in dem Bereich lassen sich recht einfach unterdrücken. Und wenn der Überdruck im Mittelohr erstmal weg ist gehts auch schon wesentlich besser.

was bleibt ist
ein dumpfes Gefühl im Ohr - änhlich wie Wasser -
und halt dieses gedämpfte Hören mit Echo.

Ja, past. Das ist noch normal.

Davon abgesehen bin ich noch ziemlich erkältet,
fahre aber das volle Programm von ACC über
Inhalieren bis Rotlicht.

Weiss der Arzt was davon? Bei Mittelohrproblemen sollte man Schleim auflösen und die Schleimhäute schonen. Manche freien Mittelschen gegen Erkältung trocken aber Schleimhäute aus (die Nase wird dann sofort frei). Dadurch werden sie aber auch empfänglich für Infektionen. Und das ist schlecht und kontraproduktiv.

Gibt es eine Erklärung für diese Hörsensationen,
dieses verzerrte Hören?

Das Mittelohr mit dem Trommelfell, den 3 Knorpel und der Hörschnecke ist eigentlich ein lausiger Tonempfänger. Erst die Nachbehandelung durch das Hirn macht daraus was ordentliches. Diese Nachbehandelung braucht einige Zeit um sich auf Veränderungen einzustellen. Durch das Altern ändern sich die Eigenschaften eigentlich laufend. Aber halt auch langsam.

Eine Entzündung ändert die Eigenschaften sehr schnell und das Hirn kann erstmal nix mit dem neuen Übertragunsverhalten anfangen. Bis zum abheilen (10-14 Tage) hinkt das Hirn dem aktuellen Stand immer hinterher. Du kannst in der Zeit vom Meeresrauschen über Wind, vom Echo bis zum Pfeifen alles mögliche hören. Das geht aber vorbei.

Stimmt es wirklich,
dass man irreparable Schäden davon trägt?

Es hängt davon ab wie schwer die Sache liegt und wie man Schäden definiert. Für den Betroffenen merkliche Schäden kommen erst bei richtig heftigen oder mehrmaligen Entzündungen. Messbare Schäden kann es schon beim ersten Mal und einer normalen Entzündung geben (sowas filtert das Hirn aber komplett weg). Nur wirklich kurze und problemfreie Entzündungen hinterlassen gar nix.

Wenn es so bliebe wie jetzt gerade, könnte
ich kein Instrument mehr stimmen.

Nee, das wird noch besser. Echo und Wasser-in-Ohr Gefühl werden garantiert verschwinden.

Aber klär die Sache mit den Schleimhäuten ab.

cu

Hey, vielen Dank für Deine reichhaltige Antwort.
Jetzt bin ich schon etwas beruhigt. Und Doc,
das mit den Schleimhäuten werde ich abchecken.
Das hat mir echt weitergeholfen.

Au revoir

Hi Sebastian!

Die Mittelohrentzündung (MOE) geht mit mehr oder weniger großer Flüssigkeitsansammlung im MO einher. Diese Flüssigkeit führt zu den verschiedensten Veränderungen im Höreindruck, es kann zu Rauschen kommen oder zu pulssynchronen Geräuschen. Eine Trommel würde ja auch anders klingen, wenn man sie mit Wasser füllen würde.

Daß die MOE regelmäßig mit bleibenden Höreinbußen einhergeht ist natürlich völliger Quatsch. Da Du Ohrgeräusch-geplagt bist hast Du ja bestimmt schon den ein oder anderen Hörtest absolviert und weißt, daß man das Innenohr extra ausmessen kann. Bleibt diese Innenohrkurve während der Entzündung unverändert, so wird nach Ausheilen einer unkomplizierten MOE das ursprüngliche Hörvermögen wieder erreicht. Allerdings kommt es manchmal vor, daß die Stoffe der Entzündung das Innenohr in Mitleidenschaft ziehen, was man als „toxischen Innenohrschaden“ bezeichnet. Dann ist die vollständige Erholung des Hörvermögens nicht sicher. Für Dich als professionellen Musiker ist es daher sicher sinnvoll, das Innenohrhörvermögen messen zu lassen, am besten dort, wo auch Deine anderen Hörtests gemacht wurden.

Gruß
Peter

drmatische Anekdote
Eine kurze Anekdote:

Obwohl mich Eure Antworten, Pumpkin und Peter72,
etwas beruhigen konnten, bereitete mir mein
„verstimmtes“ Hören doch zunehmend Kummer, so dass ich
mich auf die Suche nach Erfahrungsberichten im Internet
machte, was jedoch erfolglos bleiben sollte.
Statt dessen stieß ich auf die Internetseite
eines HNO-Arztes, der meine Hörensationen perfekt beschrieb,
allerdings in der Rubrik „Hörsturz und Innenohrschaden“.

„Könnte es womöglich doch ein Hörsturz gewesen sein?“,
drängte sich mir als Frage zunehmend auf. Auf der Seite
des ominösen HNO-Docs war eine Handynummer für Notfälle angegeben -
die ich anrief. Zusammenfassend vermittelte mir der Arzt,
dass ich definitv einen schweren, irreversiblen Innenohrschaden als
Folge eines Hörsturzes erlitten hätte und sofort durchblutungs-
fördernde Maßnahmen einleiten müsse, um zu retten, was noch
zu retten ist. Da seine Beschreibung meiner Symptome haargenau
stimmte, also ein dissonantes Hören, ein verstimmtes Klangbild,
überkam mich doch die Panik und ich nahm ein Taxi
ins nächste Krankenhaus - als Musiker war die Vorstellung
unerträglich, einen bleiebenden(!) Schaden davongetragen zu haben.

Der Arzt im Krankenhaus war sehr bemüht, mir den Wind aus
den Segeln zu nehmen und dementierte die Ansicht des
ominösen Internet-Docs. Das Ohr sei noch leicht gerötet,
das Trommelfell also noch nicht wieder komplett schwingunsfähig.
Zudem ergabe die Tatsache, dass ich ihn gut verstehen konnte
in Kombination mit dem Hörtest, der unauffällig verlief,
eine Entwarnung von seiner Seite. Er verschrieb mir für eine
weitere Woche Antibiose (Amoxycillin 750) und riet mir
davon ab, in Zukunft wieder solche Nummern anzurufen.

Einerseits bin ich etwas beruhigt, andererseits plagt
mich nach wie das „worst case-Szenario“ eines Dauerzustandes.
Da ich dieses Doppelthören extrem anstrengend finde,
treffe ich weder Leute, gehe aus dem Haus,
noch lasse ich irgendwelche Töne oder Geräusche an meine Ohren

  • die Welt klingt furchtbar,wie in einem schlechten Zombiefilm.

Aber: der Krankenhaus-Doc schien kompetent und ich gerate
leicht in Panik. Zwei Faktoren, die ich berücksichtigen sollte :smile:

Bon nuit, Sebastian