Hallo Harald,
zunächst: an drei Stellen geht es um besagte Forderung Jesu, hier in meiner eigenen Übersetzung aus dem NTG (Novum Testamentum Graece):
Mt. 5,32: Ich aber sage euch, daß jeder, der seine Frau entläßt, außer wegen Ehebruch (man kann auch Hurerei übersetzen), macht, daß an ihr Ehebruch begangen word, und wer eine Entlassene heiratet, der bricht die Ehe.
Mt. 19,9: Ich aber sage euch, wer seine Frau verläßt, außer wegen Ehebruch (Hurerei), und eine andere heiratet, der bricht die Ehe.
Lk. 16,18: Jeder, der seine Frau entläßt und eine andere heiratet, bricht die Ehe, und der, der eine von einem Mann Entlassene heiratet, bricht die Ehe.
Gerade an diesen Stellen habe ich den Studenten immer wunderbar Literar- und Textkritik erklären können:wink:
Da diese Aussage - zumindest in ähnlicher Form - nur bei Mt. und Lk. vorkommt, nicht aber bei Mk, stammt sie wohl aus der sogenannten Logienquelle „Q“. Diese QUelle, so vermutet man, enthielt Sprüche Jesu (hast Du eine Synopse? Dann schau Dir mal all die Stellen an, die nur Mt. und Lk. gemeinsam haben). Sowohl Text- als auch Literarkritik fragen immer nach der möglichst ursprünglichen Form. Die Textkritik versuch den Textbestand selbst zu sichern, die Literarkritik fragt aber durchaus weiter nach der dahinter stehenden mündlichen Tradition. Der griechische Text, auf desen Grundlage ich übersetzt habe, darf m.E. so als gesichert gelten.
Literarkritisch jedoch zeigen die Widersprüche, (Mt 5: Schon Ehescheidung - ohne Ausnahme -ist Ehebruch; Mt. 19: „unrechtmäßige“ Ehescheidung ist Ehebruch; Lk 16: Ehescheidung ist Ehebruch, auch wenn man selbst nicht vorher verheiratet war, darf man eine Geschiedene nicht heiraten).
Duetlich ist, daß Mt. 5 die härteste Forderung enthält, gefolgt von Lk 16, dann Mt 19. Was also war den Christen ursprünglich überliefert worden? Gerade der Gesamtkontext der Bergpredigt, die ja so manche Forderungen enthält, die scheinbar in ihrer Härte und Absolutheit nur aufgrund der Naherwartung erfüllbar erscheinen, nicht aber für ein längeres „Einrichten“ in dieser Welt, lassen Mt. 5 als das ursprünglichere erscheinen, was dann nach und nach abgemildert wurde, um es „praktikabel“ zu machen. Grundsätzlich geht man davon aus, daß um so schwieriger etwas erscheint, desto mehr Anspruch hat es auf Ursprünglichkeit.
Dasselbe gilt für die Textkritik:
Luther übersetzt hier:
„Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei
denn wegen Ehebruchs, und heiratet eine andere, der bricht die
Ehe.“
In der Fassung von 1545 folgt noch:
„Und wer die Abgeschiedene freit, der bricht auch die Ehe.“
Eineige griechische Handschriften enthalten diesen Satz in Mt. 19. Oben kannst Du sehen, daß er aus Lk 16 stammt bzw. dort nach unseren heutigen Standards als gesichert gilt. Es ist nicht feststellbar, ob Luther selbst Mt. 19 mit Lk 16 „harmonisiert“ hat oder ob ihm eine andere griechische Ausagebe vorlag (oder es einfach ein Fehler des Druckers ist:wink:. Das Phänomen, ob nun innerhalb der griechischen Überlieferung oder aber bei Luther, ist jedoch dasselbe. Die Abschreiber der griechischen Handschriften kannten ihren Text auswendig, d.h. haben bein Abschreiben oft aus dem Gedächtnis ergänzt, ohne sich dessen bewußt zu sein (so wie wenn man „Vater unser im Himmel…“ schreibt und Du wahrscheinlich automatisch den Rest des Vater Unsers ergänzen würdest, überrascht wärst, wenn Du noch mal genau nachschauen würdest und einen völlig oder auch nur leicht anderen Text vorfinden würdest).
Eine bestimmte Textform des griechischen NTs hat sich im Laufe der Jahrhunderte durchgesetzt, die Handschriften, die Erasmus für das erste gedruckte griechische NT zugrundelegte, hatten diese Textform (und Erasmus hat unter Zeitdruck - er wollte vor einer spanischen Ausgabe veröffentlichen - grausam geschlampt, die Offenbarung in Ermangelung griechischer Handschriften kurzerhand aus dem Lateinischen rückübersetzt…).
Dieser Nachsatz findet sich auch noch in der Ausgabe von 1914
und in einigen anderen Übersetzungen (Elberfelder,
Schlachter).
Schlachter kenne ich nicht, Elberfelder bemerkt in der Fußnote, daß der NAchsatz in „namhaften“ Handschriften fehlt, 1914 lag der heutige kritische Text noch nicht vor.
In der revidierten Luther (1964) steht der Satz nicht mehr. Er
steht auch nicht in der interlinearen Übersetzung bzw. bei
David Stern.
Beider übersetzen auf der Grundlage des NTGs bzw. „Nestle-Aland“, wo sich der NAchsatz zwar im kritischen Apparat findet, aufgrund der zwar nicht quantitativen, dafür aber qualitativen Bezeugung der griechischen Handschriften für den TExt ohne Nachsatz.
Mich hätte jetzt interessiert, wie dieser Satz in die Bibel
gekommen ist. Immerhin gründet sich darauf die Ansicht der
kath. Kirche, dass Geschiedene nicht wieder heiraten dürfen.
ICh hoffe, Deine erste Frage habe ich beantwortet. Die katholische Kirche hat sicherlich recht, wenn sie grundsätzlich eine Wiederverheiratung geschiedener ablehnt. Auch die evangelische geht übrigens nicht davon aus, daß Wiederverheiratung vorherige „Hurerei“ des Ehepartners voraussetzt:wink: Zudem ist die Ehe in der rk ein Sakrament, damit unter einem noch höheren Schutz…
Grüße,
Taju
PS: HOffe, daß ist jetzt nicht zu lang geworden:wink: ICh habe vier Jahre in dem Institut gearbeitet, von dem das NTG „hergestellt“ wird, d.h. also griechische Handschriften gelesen und miteinander verglichen. Du hast also nacht etwas gefragt, worauf ich allzu gerne ausführlich Antwort gebe:wink: