Interessante Menschen

Huhu Ihrs!

In letzter Zeit habe ich mal wieder festgestellt, das ich eigentlich keinen Menschen wirklich wertschätze, dem es mindestens einmal im Leben richtig beschissen ging - ob das jetzt Mißbrauchsopfer sind, Angehörige von Alkoholikern, Alkoholiker, Bulemiekranke, Leute, die aus irgendwelchen Gründen geschnitten haben, etc, die sich aber jetzt rausgewurschtelt haben, oder dabei sind, sich rauszuwurschteln.

Und die kennen eigentlich auch keine Anderen besser - ist das Zufall?
Oder gibt es keine Anderen?

Und immer wenn ich jemanden besser kennenlerne, stelle ich fest, das es demjenigen genau so geht.

Muss jemand (mehr oder weniger buchstäblich) durch die Hölle gegangen sein, um ein interessanter Mensch zu werden?

Oder besitzen diese Menschen einfach nur eine besondere Affinität zueinnander?

Gibt es da Theorien zu?

Oder ist das alles nur aus der Luft gegriffen.

Vielen Dank für jede Antwort!

Grüßlis von Scrabz, der sehr nachdenklich wurde, nachdem er gestern Abend festgestellt hat, das einer seiner besten Freunde auch geschnitten hat.

Hi Dus,

hm, ich selber hab bisher ein eher glückliches Leben geführt, ohne die großen Schicksalschläge, sieht man von Todesfällen im Verwandten- und Freundeskreis ab.

Und so wie ich es überblicken kann, haben auch viele Menschen, die ich als interssant ansehe, ähnliches erlebt.
Allerdings kenn ich auch Menschen, denen durchaus übel mitgespielt wurde, die ich auch interesant finde.
Aber sicher ist, daß ich Menschen interessant finde die eher ungewöhnlich sind, oder eben mir eher ähnlich.
Im einem Fall, weil man sich ergänzt mit seinen Erfahrungen/Interessen im anderen, weil man sich vielleicht wiedererkennt.

Gandalf

Im Leid…
Hi,

…wächst der Mensch am meisten.

Muss jemand (mehr oder weniger buchstäblich) durch die Hölle
gegangen sein, um ein interessanter Mensch zu werden?

„interessant“ würde ich hier vielleicht nicht verwenden. Und Leid ist auch sicher nicht der einzige Weg zur Erleuchtung. Aber extreme Leidenssituationen bergen - so man nicht an ihnen zerbricht, sondern sie bewältigt - ein enormes Veränderungspotential. In solch einer Situation werden bisherige Werte, Einstellungen, Handlungsweisen total in Frage gestellt. Wenn dann noch das Gefühl hinzukommt, daß man eigentlich eh nichts mehr zu verlieren hat, weil der Grund für das Leid alles andere egal sein lässt, kann man viel leichter o.g. Dinge umschmeissen als im bequemen warmen Nest des Alltags.

Um es in einem Satz zu sagen: Wer nie vor einem Berg steht, kann auch keinen erklimmen.

Gruß,

Malte.

ich denke, man kann sich auf einer anderen ebene treffen
wenn man gelitten hat.
das kann jemand, der noch nicht richtig gelitten hat
oder nicht richtig leiden konnte, weil er es nicht zugelassen hat (blockade), nicht nachvollziehen.
ich spreche da aus erfahrung.
das erlebnis, das meine blockade gelöst hat,
hat mir das leiden ermöglicht.
und nun habe ich die glasglocke gelupft unter der ich gelebt habe, kann leid empfinden und mir tun sich - oh wunder - völlig andere gesprächs- und empfindungsebenen auf.
bin selbst noch total beeindruckt.
und bedauere, daß mir das bisher verborgen blieb.
ich würde nicht behaupten, daß ich vorher ein uninteressanter mensch war. aber der TIEFGANG ist ein anderer.

gruß yvi

Hallo Scrabz,

ich habe mich auch immer wieder zu Menschen mit Problemen hingezogen gefühlt und lange gedacht, daß es einfach Schicksal ist.

Heute sehe ich das etwas anders: Ich habe irgendwie eine gemeinsame „Basis“ mit diesen Menschen. Sie macht den Menschen deshalb nicht interessanter für mich, sondern bringt ihn mir näher, wir haben einfach mehr Gemeinsamkeiten.

Gruß
Ann

Übrigens: Ich habe festgestellt, daß wirklich jeder Mensch etwas Interessantes hat. Man muß sich nur die Mühe geben, es herauszufinden.

Hallo Scrabz,

Muss jemand (mehr oder weniger buchstäblich) durch die Hölle
gegangen sein, um ein interessanter Mensch zu werden?

wahrscheinlich muß jemand durch die Hölle gegangen sein, damit Du ihn interessant findest. Eine gewisse Ähnlichkeit in relevanten Aspekten ist der gegenseitigen Sympathie nicht abträglich und bei Dir scheint einer dieser relevanten Aspekte das „durch die Hölle gehen“ zu sein. Man kann auch den Effekt der „company in misery“ anführen :wink: Du siehst schon, ich bin kein Anhänger des „Leiden schafft Tiefgang - ich habe gelitten, ich bin so tiefgründig“ - Hypothese.

Abgesehen davon kann die „Persönlichkeit“ natürlich an der Bewältigung schwieriger Situationen „reifen“. Aber es gibt auch ziemlich viele Leute, die ziemlich viel leiden und deren Persönlichkeit dennoch nicht reift. Ich favorisiere daher eher den Erklärungsansatz, daß Du Leute sympathisch findest, die eine irgendwie ähnliche Lebensgeschichte wie Du haben. Man kann sich doch viel besser mit Leuten austauschen, die auf der gleichen Welle wie man selbst schwimmen.

Gruß,

Oliver Walter

PS: Es gibt natürlich auch Ausnahmen.

Kein Wunder
Hallo, Scrabz!

Ich kann für mich gar nicht nachvollziehen, wieso Du vor allem Leidgeprüfte für interessant hältst, auch wenn ich zu wissen meine, worin Deine Sympathie wohl begründet liegt:

sehr nachdenklich wurde, nachdem er gestern Abend festgestellt hat, das einer
seiner besten Freunde auch geschnitten hat.

Ist doch logisch. Zunächst einmal sucht man sich gerne Freunde, von denen man das Gefühl hat, dass man ihnen nicht aus einer anderen Welt berichtet, wenn man von sich redet. Also fühlt man sich zu Menschen hingezogen, die entweder völlig konträre oder ähnliche Ansichten haben, wobei ich nur wenige Fälle von wirklich dauerhaften Partnerschaften von Feuer und Wasser kenne (kann an mir liegen). Dass sich die Seelenverwandtschaft (albernes Wort, finde ich) an einer ganz konkreten Situation festmachen lässt, würde ich unter Zufall laufen lassen. Klar ist aber in jedem Fall, dass man eine bestimmte familiäre und/oder charakterliche Disposition braucht, um etwas Bestimmtes zu wagen, genießen zu können oder auf ein Leiden in bestimmter Weise zu reagieren. Ich merke ja auch, wenngleich es keine so unerfreuliche Parallele gibt, wie sich nicht nur meine Ansichten, sondern eben auch Interessensgebiete und Erfahrungen mit denen meiner Freunde decken.

Wenn ich selbst kein übermäßiges Leid erlebt habe, kann ich mich mit der Herangehensweise an Probleme, die vom Leben stark geprüfte Menschen zeigen, kaum identifizieren, finde sie auch möglicherweise nicht interessant. Interessant finde ich weniger Menschen, die sich in einer konkreten Situation bewiesen haben, sondern auf die kleinen Widrigkeiten des Alltags souverän und gelassen reagieren. Dazu kommt, dass ich mit Menschen, deren Interessen(- und Erfahrungs)horizont zumindest Deckung mit meinem aufweist, am leichtesten ins Gespräch komme. Scheint bei Dir ja nicht anders zu sein.

Liebe Grüße
Christopher

Grüß Dich, Scrabz,

Grüßlis von Scrabz, der sehr nachdenklich wurde, nachdem er
gestern Abend festgestellt hat, das einer seiner besten
Freunde auch geschnitten hat.

Was hat er denn geschnitten, der Gute? Gras, Schnittlauch, Schnittblumen?
Gruss, Branden

Was hat er denn geschnitten, der Gute? Gras, Schnittlauch,
Schnittblumen?

Er meint die neuzeitliche Blume der Romantik, ich glaube, sie heißt Borderline.
Gruß,
Anja

Was hat er denn geschnitten, der Gute? Gras, Schnittlauch,
Schnittblumen?

Er meint die neuzeitliche Blume der Romantik, ich glaube, sie
heißt Borderline.

Nur weil Borderliner ritzen, ist noch lange nicht jeder Ritzer Borderliner.

Gruß,

Malte-

1 „Gefällt mir“

Ach, die meint Ihr
Die heißen hier im Berliner Psychiatrie-Jargon „Schnippler“.

Die heißen hier im Berliner Psychiatrie-Jargon „Schnippler“.

Naja, wer täglich am Schrippen schnippeln ist…
ja, ja, is schon gut, bin schon wech…
Anja

Bleib doch hier
liebe Anja, Du hast ja (wieder mal) Recht: Die Berliner schnippeln die Schrippen, die Bayern sammeln die Semmeln, die Hessen hassen die Oliver-Michaele.
(Man merkt, es wird gleich Mitternacht, und ich kann nur noch kalauern.)
Gruss, Branden

die Hessen hassen die Oliver-Michaele.

nöö, die lieben die Oliven von Miquele… *g
(da darf aber geraucht werden)
Gut’s Nächtle,
Anja

Hi Du,

natürlich spielt die gemeinsame Erfahrung, das durch-die-Hölle-gegangen-sein,…, eine Rolle.

Aber wenn Du mal ein bisschen anders darüber nachdenkst, oder zumindest, wenn ich das tue, komme ich zu einem anderen ‚Schluss‘:

Es gibt (bzw lass sie uns jetzt einfach mal so nennen) ‚Durchschnittsmenschen‘, Menschen, die ihr Leben lang in einem emotionalen Gleichgewicht leben. Menschen, die eben mit einem solchen Character geboren sind, dass sie nicht die gleichen Höhen und Tiefen erfahren, wie Menschen, die einen sehr emotionalen Charakter haben.

Die Menschen, die eben mit einem sehr emotionalen Charakter geboren sind, sind eben die, die sich dadurch im Leben leicht ‚umhauen lassen‘ - Menschen, die Verlust, Trauer, etc etc etc nicht leicht verarbeiten können, sondern gleich in die Tiefe gerissen werden. Menschen, die aber gleichzeitig auch von positiven Dingen in ein ‚Hoch‘ versetzt werden können - ein Hoch, das ‚Durchschnittsmenschen‘, genau wie das Tief, vielleicht nie erleben. Dadurch, dass diese Menschen so sehr auf emotionaler Basis leben, haben sie mit Sachen zu kämpfen, die ein ‚Durchschnittsmensch‘ nie mitmachen muss. Wenn es zu schwierig wird, diese Dinge zu bewältigen, greifen diese Menschen zu ‚für Durchschnittsmenschen ungewöhnliche Methoden‘, um mit diesen Dingen fertigzuwerden.
Bei manchen ist es ‚self medication‘, bei anderen einfach eine Flucht, an accessible way out of the problem for the moment: Sie greifen zu Alkohol, Drogen, etc etc, oder werden zu Bulimie- oder Anorexiekranken, or end up in a psychiatic ward for a while, and and and and…

Was diese Menschen gemeinsam haben, ist die Art und Weise, das Leben zu sehen & zu erfahren.

Wie sollst Du jemandem, der noch nie ein EXTREMES Hoch oder Tief erfahren hat, erklären, wie es Dir dabei ging? You might as well be speaking two different languages. Also kein Wunder, dass Du dich zu denen hingezogen fühlst, die Dir in der Art und Weise, das Leben zu erfahren, ähnlich sind.

Du hattest in Deinem Leben ähnliche Erfahrungen, auch wenn sie sich in völlig unterschiedlichen Weisen ausgedrückt haben.

Entschuldige, es ist spät, und obwohl ich genau weiss, was ich sagen will, finde ich nicht so ganz die Worte. Den Ausdruck ‚Durchschnittsmensch‘ finde ich eigentlich zum Kotzen, and the whole comparison might sound a little flat.

Aber noch nicht lange so ‚flat‘ wie das ‚Mensch muss durch die Hölle gegangen sein, um interessant zu sein‘. Eh, das soll jetzt keine Kritik sein - ich will sagen, der Ansatz ist falsch:

Diese Menschen sind nicht nur hochinteressante Menschen, sondern meist auch hochintelligente Menschen - manchmal zu intelligent (wenn ab und zu auch nur auf einer bestimmten ‚Ebene‘) um mit dem Erlebten klarzukommen (nach dem Motto ‚was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss‘ - ‚Durchschnittsmensch‘ bekommt aus Desinteresse oft die Zusammenhänge im Leben nicht mit, die diese ‚Problemmenschen‘ so fertig machen - Intelligenz kann also auch oft ein grosses Leiden sein, bzw kann ein Leiden mit sich bringen).

Du guckst Dir also die SYMPTOME an, den Alkoholismus oder die Bulimie, und wunderst dich, warum Du gerade mit diesen Leuten so gut klarkommst. Wenn Du aber nicht die Symptome, sondern die oben sehr schlecht beschriebenen URSACHEN selbiger Symptome anguckst, verstehst Du vielleicht, warum Du so einen guten Draht zu diesen Menschen hast.

Andererseits: Churchill soll sich mal - in etwa - über Erfolg so geäussert haben: Erfolg ist einmal mehr aufstehen als hinfallen.

Soll heissen, Menschen, die nie hingefallen sind, die nie eine Niederlage erlitten haben (äh, ‚Durchschnittsmenschen‘), wissen gar nicht, was für eine Kraft es braucht, um wieder aufzustehen.
Und dieses dennoch-wieder-aufstehen-statt-aufgeben ist auch das, was Du mit diesen Menschen gemeinsam hast. Und diese Erfahrung verbindet ungeheuerlich.

Ich muss sagen, ich bin auch kein ‚Durchschnittsmensch‘, und fühle mich von diesen oft sehr missverstanden. Ich kann also nachvollziehen, warum Du diese Gedanken hast. Und klar, so sind meine engsten Freunde eben auch Leute, die keine ‚Durchschnittsmenschen‘ sind, sondern Menschen, mit denen ich auf der gleichen Ebene reden kann, ohne missverstanden zu werden.

Wie gesagt, es ist spät - I hope I’m making at least some sense.
All the best,
liebe Grüsse, Isabel

Die Nacht war gut…
…,liebe Anja, und ich esse auch vorwiegend „mediterran“…
Gruss, Branden

Hallo Isabel,

„Durchschnittsmensch“…klingt so abwertend. Als würde Leiden adeln. Ziemlich christliche Haltung, n’est-ce pas? Was, wenn dem nicht so ist? Just to think about :wink:

Und wer sagt, daß Menschen, die nie hingefallen sind, die nie eine Niederlage erlitten haben (äh, ‚Durchschnittsmenschen‘), gar nicht [wissen], was für eine Kraft es braucht, um wieder aufzustehen.?

Diese Kraft kennen sie nicht - aber vielleicht haben sie die Kraft, gar nicht erst hinzufallen?

Last but not least ein schönes Gedicht zum Thema, Friedrich Schillers Das Glück

Zitat:

Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon
Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt,
Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset
Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt!
Ein erhabenes Loos, ein göttliches, ist ihm gefallen,
Schon vor des Kampfes Beginn sind ihm die Schläfe bekränzt.
Ihm ist, eh’ er es lebte, das volle Leben gerechnet,
Eh’ er die Mühe bestand, hat er die Charis erlangt.
Groß zwar nenn’ ich den Mann, der, sein eigner Bildner und Schöpfer,
Durch der Tugend Gewalt selber die Parze bezwingt;
Aber nicht erzwingt er das Glück, und was ihm die Charis
Neidisch geweigert, erringt nimmer der strebende Muth.
Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren,
Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab. […]
Zürne dem Glücklichen nicht, daß den leichten Sieg ihm die Götter
Schenken, daß aus der Schlacht Venus den Liebling entrückt.
Ihn, den die Lächelnde rettet, den Göttergeliebten beneid’ ich,
Jenen nicht, dem sie mit Nacht deckt den verdunkelten Blick.
War er weniger herrlich, Achilles, weil ihm Hephästos
Selbst geschmiedet den Schild und das verderbliche Schwert,
Weil um den sterblichen Mann der große Olymp sich beweget? […]

Vollständige Fassung: http://gutenberg.spiegel.de/schiller/gedichte/glueck…

Viele Grüße
Diana

1 „Gefällt mir“

und Goethe sagt…
„Glücklich wenn die Tage fließen
wechselnd zwischen Freud und Leid
zwischen Schaffen und Geniessen
zwischen Welt und Einsamkeit.“

Der gute alte JWG
Grüße,
Anja

Und Freud erst recht
wechselnd zwischen Freud und Leid

Das tu ich in meiner Praxis auch immer, wobei es mich doppelt zu® Freud zieht…

Funktionieren in dieser Gesellschaft stellt nicht viele Anforderungen an die Persönlichkeit, Oberflächlichkeit und Dummheit bzw. Ignoranz ist tragbar und genügt bei vielen zum Überleben, Information die Einsicht erzeugt, Mechanismen aufdeckt, Regeln verletzt ist so gut wie nicht vorhanden und wird gerne mit dem klassischen ‚Hau ab‘ abgeblockt. Disskussion über Standardpfade hinaus ist nicht erwünscht und für die machthabenden Funktionierer auch unnötig, lästig und ansträngend weil es die eigene Position bedroht (siehe Höhlengleichniss). Die Funktionsuntüchtigkeit dieser Gesellschaft, wenn es an den Rand oder das nicht vorgesehene oder eher ignorierte in dieser Gesellschaft geht, erfordert von manchen Individuen mehr Einsatz, was Wunder wenn diese, sofern sie nicht zermalmt wurden, eine interessantere Persönlichkeit besitzen.
T.