siehe auch:
http://www.kinderschreie.de/01_home/index1.htm
hier ein auszug:
Du glaubst du bist nicht betroffen?
Ja, das ist doch das einfachste, oder? „Sowas passiert bei uns nicht.“ „Damit habe ich noch nie etwas zu tun gehabt.“ Falsch! Jeder hat schon in irgendeiner Form mit Kindesmissbrauch zu tun gehabt oder hat es noch. Nicht als Täter, nicht als Opfer… aber doch immer wieder.
Und ich denke dass das nach dem Lesen des folgenden Textes einigen einleuchten wird. Kindesmissbrauch ist nicht etwas das irgendwo passiert. Kindesmissbrauch ist nicht etwas das vorbei gehen wird. Es ist weder eine einmalige Sache noch eine „Modeerscheinung“. Im Gegenteil. Es passiert immer und immer wieder. Es passiert neben uns, hinter uns und vor uns. Und wir alle sind betroffen davon. Nicht „nur“ die Opfer.
Du glaubst, Du bist nicht betroffen?
Jeder und jede ist betroffen!
Du bist betroffen - durch Deine Arbeitskollegin, die Dir unheimlich auf dir Nerven geht und jeden Tag eine andere Person zu sein scheint.
Du bist betroffen - durch Deinen Vater, der zum Alkoholiker wurde, weil seine Schwester missbraucht worden ist.
Du bist betroffen - durch die Höhe Deines Krankenversicherungsbeitrages, der so hoch ist, weil die Folgeschäden epidemische Ausmaße in unserer Bevölkerung haben.
Du bist betroffen - durch Deine Ehefrau, die sich während der Geburt Eures Kindes plötzlich an ihren Missbrauch erinnert und ab da an eine andere Person ist.
Du bist betroffen - durch Deinen Freund, an den Du nie richtig herankommst
Du bist betroffen - durch den Yunkie, der Dich auf der Straße überfällt, um sich seine „Verdrängungs-Medizin“ zu besorgen.
Du bist betroffen - durch die Oberflächlichkeit, durch die „Schutzmasken“ und „hohen Wände“ der vielen Menschen, denen Du begegnest und die Du eigentlich gerne näher kennenlernen würdest.
Du bist betroffen - als Mann, weil das ‚Ja‘ Deiner Freundin nichts wert ist, wenn sie niemals ‚Nein‘ sagen durfte
Du bist betroffen - durch den rücksichtslosen Manager, der sich seine (entgangene) „Liebe“ durch Geld und Macht holt.
Du bist betroffen - als Vater oder Mutter, wenn Dein Kind von einem Jugendlichen überfallen und missbraucht wird, weil dieser seine eigenen erlebten Ohnmachtgefühle in einen mächtigen Triumph über einen schwächeren Menschen umwandelt.
Du bist betroffen - durch Deine Nachbarin, die spät abends ihre Musikanlage auf volle Lautstärke schaltete, die in der Nacht lautstark mit sich selbst herumflucht und ihre sie am Wochenende besuchenden Kinder regelmäßig zusammenschreit.
Du bist betroffen - durch Deine beste Freundin, die ab dem 15. Lebensjahr mit allen Jungs schlief, die sie bekommen konnte, sich auf Partys regelmäßig blamierte und deren Freundschaft Du schließlich beendet hast, weil ihr euch nicht mehr verstanden habt
Du bist betroffen - weil Dein Nachbar, der früher nie die Chance erhielt, sich selbst zu achten und wertzuschätzen, auch Dich und Deine Familie nicht achten und wertschätzen wird.
durch die vielen SozialhilfeempfängerInnen, die durch ihre Geschichte direkt auf die Arbeitsunfähigkeit zugesteuert sind und die die die Höhe Deines Sozialversicherungsbeitrages u.a. ausmachen.
Du bist betroffen - durch Deine Cousine, die sich bis zur Selbstaufgabe auf ihre sportlichen Erfolge konzentriert, um für sich ein positives Selbstbild erhalten zu können und dabei ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzt.
Du bist betroffen - durch Deine Kindheitsfreundin, die sich mit Beginn der Pubertät plötzlich verändert hatte, die nicht mehr vernünftig essen wollte, die plötzlich ‚verwahrlost‘ herumlief, sich nur noch selten wusch und zu der Du dann den Kontakt verloren hast.
Du bist betroffen - als Sohn Deiner Mutter, die ihr Trauma nie aufgearbeitet hat, bei der Du allerdings immer etwas gespürt, verdeckte Botschaften empfangen und letztlich ihr Trauma unbewusst erfasst hast und jetzt als Erwachsener „Erbe“ ihrer Gefühle bist und Deine eigenen schwerwiegenden Probleme mit Deinem Leben hast.
Du bist betroffen - als Partner/-in, weil Deine Freundin oder Dein Freund sich selber Verletzungen zufügt, Du ihn/sie nicht daran hindern kannst und dabei selbst fast an dem ganzen Leid psychisch draufgehst.
Du bist betroffen - als Lockführer, wenn ein Dir unbekannter Mensch von einer Brücke direkt vor Deinen Zug springt, Du nicht mehr rechtzeitig bremsen kannst und Dich dieses Erlebnis den Rest Deines Lebens verfolgt
Du bist betroffen - als gute Freundin, wenn Du zuhörst, wenn Du von dem Leid Deiner Freundin erfährst und sie Dir Erlebnisse erzählt, die fern Deiner bisherigen Vorstellungskraft lagen.
Du bist betroffen - durch die vielen ‚Mitläufer‘ die unkritisch alles tun und glauben, was ihnen gesagt wird, weil sie es nie anders kennengelernt haben.
Du bist betroffen - durch die vielen indirekten Opfer, denn ein Opfer leidet nicht alleine, mit ihm/ihr leidet seine/ihre Familie und Umgebung.
Du bist betroffen - weil die Welt so ist, wie sie ist, und die psychische und physische Vergewaltigung von Kindern und Frauen ist hier eine, wenn nicht gar DIE Hauptursache.
Du bist betroffen - weil es keine (soziokulturelle) Entwicklung geben wird, solange Kinder auf dieser Welt leiden
Der Text wurde von der „Hamburger Arbeitsgruppe gegen sexuellen Missbrauch“ zur Verfügung gestellt.
noch ein auszug - leichter lesbar:
Verarbeitung - das Zauberwort? „Wie kann ich verarbeiten?“ „Wie hast du das Ganze verarbeitet?“ Übersetzt für mich die Frage „wie kann ich leben? Wie lebst du damit?“
Verarbeitung ist - meiner Meinung nach (und ich bitte dies immer wieder zu beachten!) - Konfrontation und Akzeptanz. Nicht mehr weglaufen von dem was man weiss. Nicht mehr wegsehen wenn die Bilder kommen. Nicht mehr abschotten was an Empfindungen hochkommt.
Schwer, ja. Aber machbar. Nicht immer, aber immer wieder.
Am Anfang gelingt es noch sehr gut seine Gedanken auf die Seite zu schieben. Kurze Blitze die auftauchen. Man denkt „was war das denn?“ und schiebt es wie eine lästige Fliege mit einer Handbewegung auf die Seite. Aber das Unterbewusstsein ist bereit um zum Bewusstsein zu werden. Lässt sich nicht mehr einfach so wegschieben. Die Blitze werden häufiger.
So viele Fragen tauchen auf. Keine Antworten. Man spürt die Antwort aber sie kommt nicht näher. Formuliert sich nicht zu Worten. Also frägt man nicht mehr. Alles wird beseite geschoben. Dieser Zustand hält eine ganze Weile an. Monate, Jahre… macht einen fertig ohne das man es weiss. Verdrängung gibt es nicht? An all die Therapeuten da draussen die das denken - ihr habt ja keine Ahnung von uns… Sie ist einfach da. Wird Alltag. Um ihn zu überbrücken stürzt man sich in Extreme. Extremes Arbeiten, extreme Selbstverleugnung, extremes Opferverhalten ect. Die Liste könnte unendlich weiter geführt werden. Und man sucht sich seinen Bereich in dem man perfekt wird. Perfekt um anderen zu zeigen das man ganz normal ist. Das man etwas kann, etwas wert ist. Das man überhaupt keine schwarze Seite in sich findet. Das es da nichts gibt worüber man nachdenken müsste… Dazu gehört auch perfekt zu vertuschen, das man wieder Opfer ist. Stillzuhalten wenn man geschlagen wird. Sich zu erniedrigen wenn dafür Ruhe ist. Aber das ist ein anderes Thema…
Anstrengend, aber für eine Weile ganz gut zu leben. Durch diesen Bereich, das bisschen perfekt sein, gewinnt man ein kleines bisschen Stärke. Das Unterbewusstsein registriert das. Und wird wieder ein bisschen bewusster. Flashs, Trigger, sie kommen unvorbereitet. Man glaubt ja (wieder) das da gar nichts ist. Und hauen einen um. Totaler Knockout. Entsetztes „das kann nicht sein!“. Wegschieben, Schuldgefühle, Schamgefühle. „hoffentlich merkt keiner was!“
Noch perfekteres Verstellen. Aber es hat sich was geändert. Man kann sich selbst nicht mehr so gut belügen. Andere umso besser. Und man sitzt da, mit seinen Gedanken die man nicht haben will. Und die zuerst noch in der Form auftreten, die man anerzogen bekommen hat, die manipulierte Form als Schuldabweisung der Täter.
Man will alles verstecken. Keiner darf was merken. Man „weiss“ ja das man selbst schuld ist. Das das was man getan hat etwas ganz böses war. Das einem niemand glauben wird das man das gar nicht wollte. Wollte ich es nicht? Habe ich es provoziert? Ich habe doch Schuld!
Das Leben ändert sich. Aus Verdrängung wird Verleugnung. Nicht mehr wegschiebbar. Jeden Tag präsent. Die Bilder werden deutlicher. Aber immer sieht man seine eigene Schuld. Täter sind perfekt im Schuld zuweisen. Das kindliche Gehirn ist empfänglich für das, was die Erwachsenen ihm beibringen. Es wird programmiert mit ihren Daten. So einfach ist das - und es funktioniert.
Es ist nicht der Gedanke da „ich wurde missbraucht“. Nein, man denkt „ich habe das und das gemacht als ich klein war“. Und verbietet sich selbst damit die Hilfe die man braucht. Ein Kampf ohne Chance, weil man gegen sich selbst kämpft. Ein Kampf der schwächt. Der alles lähmt was man sich mühsam angeeignet hat. Ohne es zu wissen.
Wie die Krankheit Krebs sitzt das Wissen in uns. Nach aussen nicht sichtbar. Für niemanden. Man wird ab und zu fragend angeschaut. Und zu gerne hören die Menschen um uns herum das alles okay ist. Das man nur ein bischen müde ist vom Alltag. Nichs weiter. Beruhigend für das Umfeld und zeitgebend für uns selbst.
Der Krebs „Wissen“ frisst sich weiter durch uns. Schmerzen die wir fühlen aber nicht definieren können. Empfindungen die ins Fleisch kriechen wie kleine Würmer in Aas. Er frisst sich in uns weiter, frisst uns auf. Bis er einen Fehler macht. Er hat zu fest zugebissen und ist auf einmal draussen. Ein kleines Loch, nicht grösser wie ein Einstich, das jetzt da ist. Und egal wie man es ignoriert. Wie man versucht es zu stopfen. Es geht nicht mehr. Der Moment wo sich entscheidet, ob man aufgibt oder weiterleben will. Der Moment wo sich entscheidet ob man sich langsam umbringt - nicht im körperlichen Sinne. Eher ob man vom Mensch zur funktionierenden Maschine wird. Oder ob man leben will und den Kampf aufnimmt. Ort des Kampfes: Das Bewusstsein, Feind: ich selbst, Freund: mein Wille zu leben, Ziel: Verarbeitung…
ich hatte aufgegeben. Wollte nicht mehr, konnte nicht mehr. Aber da war ein kleines bischen Trotz übrig. ich wollte mich an einigen Menschen rächen. Rächen indem ich aufgab, und die Schuld an sie weitergab. Und ich wollte anderen Menschen klar machen, das ich doch irgendwie keine Schuld hatte. Ich fing wieder an zu schreiben. Und spürte wie der Krebs Angst vor mir bekam. Ein Gefühl das mich - unbewusst - auf mein eigenes „Schlachtfeld“ führte. Weg vom Aufgeben, hin zur Verarbeitung…