Ist Ursachenforschung wichtig?

Hallo zusammen,

Hinsichtlich der „Behandlung“ von psychischen Störungen (Depressionen, Phobien, Verhaltensstörungen, etc.) gibt es ja bekanntlich unterschiedliche Therapieansätze.

Manche halten für eine erfolgreiche Behandlung eine Ursachenforschung für wesentlich, nach dem Motto: Erst wenn man weiß, WARUM jemand ein Problem hat, kann man es wirksam behandeln. Andere empfinden es eher als kontraproduktiv in der Vergangenheit zu stöbern und mühsam nach den Ursachen von Ängsten, etc. zu suchen, weil es für die Lösung des Problems nicht wichtig sei, warum man das Problem hat.

Könnt Ihr mir in dieser Sache vielleicht auf die Sprünge helfen?

Besten Dank und viele Grüsse,
Rolo

Moin Rolo

…nach dem Motto: Erst wenn
man weiß, WARUM jemand ein Problem hat, kann man es wirksam
behandeln.

Wobei es weniger um das W i s s e n als um das Nochmal-Erleben, das Durchspüren vergangener Erlebnisse geht.
Aber auch hier bin ich kein „Missionar“. Ich behandle nicht jeden Patienten analytisch orientiert. Ich checke jedesmal ab, ob das sinnvoll ist, ob der Patient für so eine Ursachenaufarbeitung geeignet ist oder ob es für ihn und mich vielleicht doch eher vertane Zeit ist und er besser z.B. bei einem Verhaltenstherapeuten aufgehoben ist oder auch medikamentös zu behandeln wäre.
Ich sehe da also in punkto „welche Therapie“ keine grundsätzliche Glaubensausrichtung, sondern ein Abwägen mit Augenmaß und Erfahrung.
Andere empfinden es eher als kontraproduktiv in der

Vergangenheit zu stöbern und mühsam nach den Ursachen von
Ängsten, etc. zu suchen, weil es für die Lösung des Problems
nicht wichtig sei, warum man das Problem hat.

Gruß,
Branden

Hallo,

jede Therapie beruht auf irgendwelchen Vermutungen über die Ursachen der zu behandelnden Störung. Daher ist die Forschung zu den Störungsursachen immer wichtig (aber nicht immer in der Therapie).

Die Therapiearten unterscheiden sich aber darin, ob

  • Therapie prinzipiell auch der Forschung dient,

  • für eine wirkungsvolle Behandlung die Aufarbeitung von gegenwärtigen Konflikten, die auf früheren Erlebnissen beruhen, notwendig ist (Stichwort: Kindheitserlebnisse aufarbeiten),

  • eine wirkungsvolle Behandlung auch durch Veränderung der die Störung gegenwärtig aufrechterhaltenden Bedingungen erreicht werden kann, ohne daß weit zurückliegende Erlebnisse „verarbeitet“ werden müßten.

Pauschal kann man nicht sagen, was besser ist. Es ist auch nicht so, daß bestimmte Therapierichtungen nur das eine, andere Therapierichtungen nur das andere machen. Es gibt inzwischen sehr viele Mischformen innerhalb der großen Therapierichtungen: Tiefenpsychologen arbeiten heute auch "symptom"orientiert, Verhaltenstherapeuten auch "ursachen"orientiert. Und es hängt nicht unbedingt von der Störung ab.

Beste Grüße

Mir ist Deine Frage nicht ganz klar; vielleicht kannst Du dazu etwas nachreichen? Ansonsten lassen sich in dem von Dir Gesagten zwei Gruppierungen von Patienten unterscheiden: Solche, die Wert auf eine geistig aktive Teilnahme an der Therapie legen bzw. sich dazu anregen lassen können, nach den Ursachen ihrer Probleme zu forschen, und solche, die sprichwörtlich nicht - und zwar aus ganz bestimmten Gründen - den Mut haben, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen.

Entsprechend gibt es auch zwei Gruppierungen von Therapeuten: Solche, die eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit ihren Patienten anstreben, indem sie an deren Forscherdrang und Einsichtsvermögen appellieren, und solche, bei denen der Patient quasi die Rolle eines kaputten Motors einnimmt, an dem bloß ein paar lockere Schrauben nachgezogen werden brauchen, ohne dass es notwendig oder überhaupt machbar wäre, ihn über den Sinn der Eingriffe zu informieren.

Dahinter stecken wiederum zwei grundverschiedene, unvereinbare „Systeme“: Das der Natur, die auf lebendiger Kreativität basiert, und das unserer kranken Gesellschaft, in der als gesund gilt, wer funktioniert.

Hallo Rolo,
sicherlich gibt es verschiedene Therapieansätze. Mich persönlich interessiert als Erstes. „Warum?“

Doch vielleicht sind so manche der zu Behandelnden nicht bereit, sich diese Frage zu stellen. Oder inzwischen so weit „fortgeschritten“, dass sie sich diese Frage nicht mehr stellen können.
Mir haben Denkansätze sehr weitergeholfen, die auf den Gedanken von Ken Wilber, Clarissa P. Estés, Carlo Zumstein und Rüdiger Dahlke aufbauen.
Gruß, Susanne

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in memoriam: klaus grawe
hi,

der psychotherapeut klaus grawe hat diese beiden pole von therapeutischen richtungen untersucht und dazu geswchrieben, dass es zwei ansätze gibt, die sich nicht wiedersprechen , sondern sich ergänzen sollen, um in jeder therapie individuell gewichtet zu werden:

-psychodynamische, also tiefenpsychologische ansätze betonen, dinge aus der vergangenheit zu klären, die krankmachend in die gegenwart hineinspielen, dabei heilt die klärung und macht krankhaftes fühlen und verhalten überflüssig.

-verhaltenstherapeutische ansätze betonen das management des problems auf der verhaltensebene, zu lernen, was man tun kann, um gesund zu werden, dabei heilt die neu gewonnene selbstwirksamkeit.

es sei empfohlen:
http://www.amazon.de/Psychologische-Therapie-Klaus-G…

Ich checke jedesmal ab,

ob das sinnvoll ist, ob der Patient für so eine
Ursachenaufarbeitung geeignet ist oder ob es für ihn und mich
vielleicht doch eher vertane Zeit ist und er besser z.B. bei
einem Verhaltenstherapeuten aufgehoben ist oder auch
medikamentös zu behandeln wäre.
Ich sehe da also in punkto „welche Therapie“ keine
grundsätzliche Glaubensausrichtung, sondern ein Abwägen mit
Augenmaß und Erfahrung.

das macht dich zu einem guten und modernen therapeuten! grawe gelesen?

Hallo Wolf,

danke für Deinen Beitrag.

Nun, wie meine ich das mit der Ursachenforschung. Es geht mir darum, ob es zur Lösung eines psychischen Problems notwendig ist, seinen Ursprung zu erforschen, oder ob die Lösung des Problems auch dann möglich ist, wenn ich nicht herausfinde, WARUM ich es habe und wie es entstanden ist.

Viele Grüße, Rolo