Hallo Jasper und alle Mitdiskutanten,
zu den behaupteten Zahlen möchte ich gar nichts sagen, weil ich dazu nichts beitragen kann. Ich möchte jedoch auf einige Sachen hinweisen, die mir sehr wichtig sind.
Da ist zunächst - brav wissenschaftlich - die Frage der Definition. Was/wer ist ein Jude? Und hier, um es vorwegzunehmen, müssen wir leider feststellen, dass bis heute die Nazi-Definition (z.B. in den Nürnberger Rassegesetzen) immer noch nachwirkt oder übernommen wird, gerade bei den sogenannten Gutmenschen/Politisch Korrekten. Hintergrund ist die Grundfrage, ob es sich um eine Religionsgemeinschaft oder um ein Volk („das Volk Israel“) handelt. Für die meisten Juden, insbesondere auch in Israel, ist damit beides gemeint, so dass jeder Jude sofort israelischer Staatsangehöriger werden kann.
Die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden im 19. Jahrhundert und insbesondere nach der Reichsgründung entschied sich für einen anderen Weg, den der Assimilation. Das Judentum wurde „nur“ noch als Religionsgemeinschaft betrachtet, man sprach offiziell sogar von Konfession, wie bei Katholiken und Protestanten. Das heißt, die deutschen Juden waren Deutsche. Punkt.
So erklärt sich, dass sie mit der gleichen patriotischen Begeisterung in den 1. Weltkrieg zogen wie die christlichen Deutschen. Die berüchtigte Judenzählung des OHL brachte dann auch das überraschende Ergebnis, dass der Anteil der jüdischen Frontsoldaten relativ höher als ihr Bevölkerungsanteil war. Dieses Nationalgefühl brach eigentlich erst nach dem 9.Novemebr 1938. Und selbst danach sind die Beispiele legendär, in den deutsche Juden streng zwischen dem NS und Deutschland differenzierten. Oder traurig im Exil ihr im 1. Weltkrieg verdientes Eisernes Kreuz polierten.
Parallel dazu übte die deutsche Kultur gerade nach Osteuropa hin eine große Anziehungskraft aus, so dass sich einwandernde Juden binnen einer Generation völlig assimilierten. Der Bariton der Comedian Harmonists, Roman Cykowski, wurde von seinem Vater nach dem 1. Weltkrieg aus Polen nach Deutschland geschickt, weil dort „Kultur und Rechtsstaat herrschten“. Dieser Eindruck hatte sich während des 1. Weltkriegs noch verfestigt, weil die deutschen Besatzungstruppen anständig auftraten und die Juden vor den vorher in Russland herrschenden Pogromen sicher waren. Eine fatale Erfahrung, weil sich kaum jemand vor den Deutschen fürchtete, als sie 1939/1941 wieder einmarschierten.
Die besondere Situation der österreichischen Juden lasse ich hier mal aus, es war dort aber ähnlich.
Im Zuge dieser Assimilierung ließen sich viele Juden taufen (Felix Mendelssohn-Bartholdy z.B.) und vergaßen ihre jüdische Herkunft. Und genau an diesem Punkt setzt der Rassimus der Nazis an: Judentum ist danach eben keine Religiongemeinschaft, sondern allein eine Rasse, aus der man auch durch Taufe („Dat bissken Wasser reicht da nicht“)nicht herauskommt. Nur so kann man auf eine idiotische Einteilung nach Halb- oder Vierteljuden kommen.
Und damit bin ich wieder bei meiner Anfangskritik: genau diese Diktion haben wir immer noch. „Wir“ (Deutsche) haben „die“ (Juden) verfolgt. Dass es bis 1939 die eigenen Landsleute waren, die da entrechtet wurden, diese Idee der Emanzipation haben die Nazis sehr erfolgreich ausgetrieben. Uns so wurden viele der zurückkehrenden Juden in Deutschland ein zweites Mal vertrieben, als sie nämlich zum lieben jüdische Mitbürger degradiert wurden. Eigentlich wollten sie einfach nur Deutsche sein.
Gruß,
Andreas
Literaturtipps (gar nicht wissenschaftlich)
Zum Thema „von den Nazis zum Juden gemacht“:
http://www.amazon.de/Nazis-nannten-meiner-Mutter-ret…
Zum Thema Juden in Österreich:
http://www.amazon.de/Tante-Jolesch-Untergang-Abendla…
Zum Thema deutsche Juden in Israel:
http://www.amazon.de/Die-Jeckes-Gideon-Greif/dp/3412…