Hallo Diskutanten,
1809 für Baden war ziemlich früh, die übrigen zentraleuropäischen Monarchien folgten peu à peu. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, daß vorher unter feudaler Verfassung Juden genauso wie z.B. leibeigene Bauern oder heute noch die meisten Einwohner von Kuwait und Saudi-Arabien juristisch zu den Dingen bzw. Tieren gezählt wurden. Von der „Auswahl“ eines Namens, um damit Deutschfreundlichkeit oder irgendetwas anderes auszudrücken, kann nicht die Rede sein. Wer wenigstens bloß einen lächerlichen (Diamantstejn, Rosenzweig) und nicht grade obszönen (Kanalgeruch) Namen haben wollte, mußte teuer Geld dafür bezahlen. Wer das nötige Großgeld nicht hatte - tant pis. (Näheres dazu in verschiedenen Veröffentlichungen von Salcia Landmann). „Schutzjuden“, die sich im Eigentum von bürgerlich verfassten Städten befanden, wo man bestimmte feudal-barock geprägte Unanständigkeiten nicht so gewohnt war, trugen den Namen der Stadt, die sie mit mimimalen Rechten ausgestattet hatte: Wormser, Oppenheimer, Frankfurter, Heilbronner.
Im gleichen Zug wurden übrigens den ebenfalls vorher gänzlich und nachher bloß noch weitgehend rechtlosen Sinti und Roma „Erkennungsnamen“ (Weiß, Reinhardt) verpasst.
Wegen der gebietsmäßigen Bedeutung: Man kann sich einmal auf einer Karte anschauen, was von Zentraleuropa noch da ist, wenn man das Deutsche Reich in den Grenzen von 1789 und Österreich-Ungarn in den Grenzen von 1820 wegläßt. Spanien fällt weg, das ist vorher schon ausgeführt. Das russische Reich darf man sich als weitgehend mit deutschsprachigen Amtsschreibern versehen vorstellen, und für das Osmanische Reich gilt das gleiche wie für Spanien, aber noch einen Tuck brutaler.
Zur Frage „Deutschfreundlichkeit“: Es empfiehlt sich, die zahlreich vorhandenen Quellen zu lesen. Repräsentativ z.B. das Tagebuch von Victor Klemperer, der vor 1936 nie auf den Gedanken gekommen wäre, kein Deutscher zu sein. Die Idee von Juden als Angehörigen einer dem jeweiligen Heimatland „fremden“ Nation beschränkt sich im wesentlichen auf Ben Gurion und Konsorten und eben Josef Goebbels und dessen geistige Vorgänger. Zur Frage der Existenz dieser Nation bzw. was mit ihren Angehörigen auf römische Initiative hin passiert ist, kann man bei Flavius Josephus Aufschluss erhalten. Insofern ist beides, sowohl Philosemitismus als auch Antisemitismus auf dem gleichen Mist der Ideologie gewachsen.
Gegenprobe: Wie wenig Fragen stellt man sich nach Familiennamen eingewanderter Walser (Walser, Lanz, Laternser etc.), die nach dem ideologischen Schema der „Nation“ tatsächlich „fremdstämmig“ sind?
In diesem Sinne
MM