Hallo Harald et al.,
ich will mich hier gar nicht groß für Branden ins Zeug legen, aber ihr missversteht Euch hier dermaßen, dass ich schon verstehen kann, dass dieses Thema ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist.
Vielleicht könnt Ihr folgendes akzeptieren.
warum weigerst Du Dich so sehr, das zu lesen, was geschrieben
steht?
Es gehört zum Wesen einer psychoanalytischen Lektüre, nicht (nur) das zu lesen, was (offensichtlich) dasteht, sondern in erster Linie das, was nicht offensichtlich dasteht (die sog. Latenz).
Es ging also gar nicht so sehr um Brandens persönliche Eigenart, sondern um einen (unter anderen möglichen) methodischen Zugang zum Text.
Ich markiere ein paar Textstellen:
vorab: für die Psychoanalyse ist es (fast) unwichtig, ob die Übersetzung vom Original zur vorliegenden Fassung richtig ist, dementsprechend wird ein Hinweis wie „mit Jungfrauen war ursprünglich ‚junge Frauen‘ oder ‚Mägde‘ gemeint“ lediglich als sog. „Widerstand“ interpetiert (was nicht heißt, dass dieser Hinweis deshalb falsch wäre!), aber eben nicht als eine Tatsache, die es fortan verbieten würde in diesem Text „Jungfrauen“ zu sehen (mit „sturem Beharren auf seiner Deutung“ hat das deshalb gar nichts zu tun!)
Hier nochmal der Text:
"1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen , die
ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.
2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl
mit.
4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen , samt ihren
Lampen.
5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle
schläfrig und schliefen ein.
6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der
Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!
7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen
fertig.
8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von
eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen.
9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es
für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und
kauft für euch selbst.
10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die
bereit waren , gingen mit ihm hinein zur Hochzeit , und die Tür
wurde verschlossen.
11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr,
Herr, tu uns auf!
12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich
kenne euch nicht.
13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde. "
(Matth.25,1-13)
Nun der Punkt:
die Psychoanalyse geht davon aus, dass ein Text überdeterminiert ist, dass er also niemals sich einzig auf den Sinnkreis bezieht, in dem zu stehen er vorgibt (hier: das religiöse Gleichnis), sondern auf unbestimmbar viele andere Sinnkreise.
Die Psychoanalyse sagt nicht (und Branden hier auch nicht), dass es in Wahrheit irgendeine Sexgeschichte wäre und nicht ein religiöses Gleichnis, sondern lediglich, dass dieses religiöse Gleichnis eine erotische Determiniertheit mitträgt.
sie erklärt nach wie vor nicht, WARUM ein Bräutigam-Braut-Bild
hierfür verwendet wurde. DAS aber und nix anderes hat mich
hier und heute interessiert, um es nochmals deutlich zu sagen.
Wo steht das Wort „Braut“ in dem Text?
Es handelt sich um Brautjungfern. Schon mal bei einer Hochzeit
gewesen?
Wenn ein „Jungfrau“ mit „Gefäß“ und Verlangen nach „Öl“ sagt: „Herr, tu mich auf“, dann sehe ich schon ein solches Bild.
Dass hier mit „tu uns auf“ das Tor gemeint ist und wohl gleichnishaft das Himmelstor, etc. weiß ich und bestreite ich nicht, aber dennoch ist es nicht abwegig, diesem Auspruch im Hinterstübchen (auch!!!) einen erotischen Gehalt zuzusprechen (Überdeterminierung!).
Dass sich dieses „Zusprechen“ nicht an Tatsachen oder etablierten Deutungsmustern hält, sondern mehr oder weniger „frei“ geschieht, ist ja eben die Grunderkenntnis der Psychoanalyse.
Und wie kommst Du auf „Schlafgemach“?
Es handelt sich um einen Festsaal, in den nur geladene Gäste
kommen.
Und die „törichten Jungfrauen“ haben den Anschluss verpasst.
Pech gehabt, kein Festmahl, kein Essen, kein Tanz, Ende.
Warum der Zwang, dass ein solcher Text immer nur einen Sinn haben muss?
Der Festsaal steht doch auch bereits gleichnishaft für das Himmelreich (zumindest kann man es so interpretieren), warum kann er nicht auch (wenn man nicht theologisch, sondern psychoanalytisch an den Text herangeht) für „Schlafgemach“ stehen?
Man kann und muss heute ja nicht mehr so ohne weiteres davon ausgehen, dass eine solche psychoanalytische Lektüre den religiösen Gehalt entwerten würde, wie dies Freud vor 100 Jahren noch (teilweise) gemeint hat. Deshalb verstehe ich die Aufregung nicht so ganz, da es hier ja eben gerade nicht um den Kampf welche Deutung die richtige sei geht.
Viele Grüße
franz