Hallo Kern,
ich habe Jura studiert, beide Examina recht gut geschafft und auch einen guten Job. Trotzdem würde ich es nicht wieder studieren.
Die Chancen sind in der Tat schlecht, schlimmer ists glaub ich nur noch bei den Architekten. Auch als ich angefangen habe, hat man mir gesagt, dass die Berufsaussichten für Juristen nicht rosig sind und auch ich habe mir gedacht, vielleicht sieht es in 6 - 7 Jahren, wenn ich fertig bin, anders aus (man soll sich ja antizyklisch verhalten). Dem ist aber nicht so, Jurastudenten lassen sich von Zukunftsprognosen komischerweise nicht beeinflussen , die Zahl der Studienanfänger steigt sogar von Jahr zu Jahr.
Vielleicht liegt das daran, dass man für Jura vermeintlich „nichts mitbringen“ muss. Abiturienten, die weder in Fremdsprachen noch in naturwissenschaftlichen Fächern besonders gut waren und kein Blut sehen können, wählen oft Jura (oder BWL, ausser sie sind Mathenieten).
Ich kann dir auf jeden Fall sagen, dass das Jurastudium verdammt hart und frustrierend ist. Ich kenne viele, die nach 16 Semestern endgültig das 1. Staatsexamen vergeigt haben und dann mit n i c h t s dastanden. Und ich kenne auch einige, die das Studium mit äußerster Anstrengung nach 8 - 10 Jahren und nachdem sie tausende von Euro für Kommentare, Repetitorien usw. ausgegeben haben, knapp geschafft haben und dann erst mal jahrelang (!) arbeitslos waren (bzw. immer noch sind). Diese Kommilitonen waren allesamt bestimmt nicht dumm oder faul, sie hatten nur einfach keinen Zugang zu den Rechtswissenschaften.
Du kannst dich auch nicht auf einmal angelerntem Wissen ausruhen, weil Gesetze sich ständig ändern, du musst dich also ein Leben lang weiterbilden. Das macht natürlich auch das Studium teuer, denn deine Lehrbücher, Gesetze und Kommentare, die an sich schon schweineteuer sind, sind ständig veraltet.
Kernkompetenzen sind meines Erachtens:
Spaß an Mathematik (Logisches Denken ist gefragt)
Gute Deutsch- und Fremdsprachennote
Hohe Belastbarkeit
Freude an stundenlangem Lernen über Monate und Jahre hinweg
Die Fähigkeit, Entscheidungen schnell zu treffen
Sicheres selbstbewußtes Auftreten und gute Rhetorik
Kein Problem damit haben, im Mittelpunkt zu stehen
Die meisten Juristen werden später Rechtsanwälte. Gefällt dir dieses Berufsfeld? Denk nicht nur an spektakuläre Fälle, du musst wahrscheinlich jeden vertreten, der zu dir kommt, denn Mandate sind knapp. Auch wenn es der 30. Nachbarschaftsstreit ist, oder du eigentlich der Auffassung bist, dass dein Mandant ein Idiot ist. Bist du Harmoniesüchtig oder streitest du gern? Als Anwalt darf es dir nichts ausmachen, „böse“ zu sein.
Zum Anfangsgehalt:
Wie gesagt, entweder Null €, weil arbeitslos oder das Gehalt von jemandem aus dem gehobenen Dienst (das hättest du auch leichter haben können), z.B. stellt die Agentur für Arbeit gerne arbeitslose Juristen befristet als Sachbearbeiter ein. Ausserdem machen sich viele arbeitslose Berufsanfänger aus der Not heraus selbständig, mieten sich z.B. in einer bestehenden Ksnzlei ein Büro, sitzen da und warten , dass sich ein Mandant zu íhnen verirrt. Es hängt halt alles von der Note (und Zusatzqualifikationen) ab. Das höchste Einstiegsgehalt in meinem Bekanntenkreis war 6.000 € brutto (aber Ausnahme!!!). „Normal“ dürften 2.000 -2.500 € brutto sein.
Großartig qualifizieren kannst du dich w ä h r e n d des Studiums eigentlich nicht, das Examen ist für alle gleich (bis auf ein Wahlfach) erst später indem du L.L.M., Fachanwalt, ein Aufbaustudium etc. machst. Eventuell hilfts, in der richtigen Partei zu sein oder bei einer Burschenschaft (würg!!!).
Als ich damals den Entschluss gefasst habe, Jura zu studieren, hat mir jeder abgeraten; ich habs trotzdem gemacht und rate heute dir ab - aber entscheiden musst du selber. Vielleicht ist es für dich die absolute Erfüllung und du wirst mal Richter am BGH, wer weiss???
Grüße
Steffi