Hallo Guido,
vielen Dank für deine, ich verwende jetzt mal deinen Begriff, niedlichen Anmerkungen.
Ich hätte vielleicht dazu schreiben sollen, dass ich bereits seit dem zweiten Semester nebenbei Arbeite, seit dem 6 Semester 20h die Woche in einer mittelständischen Anwaltskanzlei und seit letztem Jahr als selbständiger Dienstleister für mehrere Kanzleien (um alle Mutmaßungen zu zerstreuen, ich koche nicht nur Kaffee, sondern unterstütze die Anwälte der Kanzleien von Anfang bis Ende eines Mandats, inklusive Mandantengesprächen, Schrifsatzvorbereitung). Weil mir bei 20h Juristerei neben dem Studium langweilig ist, habe ich im April letzten Jahres mit 3 Kommilitonen einen Hörbuchverlag gegründet, der gerade eben bei der ersten Phase eines Businessplanwettbewerbs den ersten Platz und in der zweiten Phase den zweiten Platz belegt hat. Dabei habe ich im August letzten Jahres ein ganz passables ersts Staatsexamen abgelegt.
Dabei bin ich im Unternehmen für Marketing und Vertrieb zuständig, weiß also auch wie es ist, wenn einem Einkäufer X des örtlichen Buchladens von Hinteroberposemuckel oder auch Key-Accounts von Großhändlern in die Terminplanung pfuschen, von dem Chaos einer Messevorbereitung ganz zu schweigen.
Komischerweise schaffe ich es tagtäglich ausreichend Zeit für meine Beziehung und hin und wieder auch Zeit für meine restliche Familie abzuzweigen, ohne dass sich jemand benachteiligt fühlt.
Auch die Mutmaßung, dass ich mit meiner Einstellung ein paar mehr Bewerbungsgespräche führen dürfte kann ich nicht bestätigen. Denn ich hatte mit dieser Einstellung schon mehrfach, sowohl an der Uni, als auch bei einer Anwaltskanzlei Erfolg. Das hat wohl damit zu tun, dass ich mich nicht scheue auch am Wochenende 24h Stunden durchzuarbeiten, wenn es ein konkretes Projekt verlangt. Im Gegenzug verlange ich dann von meinem Arbeitgeber/Auftraggeber auch, dass er zu anderen Zeiten meine Privatssphäre respektiert. Bis jetzt hatte ich damit wie gesagt keine Probleme.
Als Ansprechpartner vor Ort zu sein mag zwar in einigen wenigen Branchen absolutes muss sein, allerdings sind wir weit davon entfernt, dass das überall der Fall ist, insbesondere nicht 24 Stunden. Der Hörbuchverlag den ich zusammen mit 3 Kommilitonen betreibe gehört nicht zu denen, welchen die Großhändler die Tür einrennen. Dennoch ist es möglich Geschäfte über Telefon und Email abzuwickeln und nicht bei allen Geschäftspartnern persönlich zu erscheinen oder allen Mitarbeitern stets persönlich zur Verfügung zu stehen. Dazu gibt es festgelegte Teammeetings, kurzfristige Anfragen, die keinen Aufschub haben müssen und können in der Regel auch per Telefon oder Email geklärt werden. Gleiches gilt für die Anwaltskanzleien, für welche ich arbeite.
Mag sein, dass ich nicht in einer Spitzenposition bei Price Waterhouse and Coopers bzw. White and Case sitze. Aber ich denke für meinen Ausbildungs- und Karriereabschnitt bin ich ziemlich erfolgreich und habe auch ein ganz gutes Stundenkonto.
Insofern würde ich es bevorzugen nicht über Realität, Bewerbungsgespräche, oder die „Niedlichkeit“ studentischer Meinungsäußerungen belehrt zu werden.
Nix für Ungut, aber nur weil man aufgrund der Unzulänglichkeiten des deutschen Bildungssystems NOCH Student ist, bedeutet das nicht, dass man von der „Realität“ weniger Ahnung hat als der Rest der Welt.