Nicht durchgehen lassen
Hallo Schnorz,
zwar weiß natürlich hier niemand ohne nähere Hintergründe, woran es liegt, aber mir fiel spontan ein Kapitel aus „Das Geheimnis glücklicher Kinder“ von Stephe Biddulph ein. Er nennt Schüchternheit „aufgesetzte Angst“, die das Kind an den Tag legt, weil es gelernt hat, dass es dadurch Aufmerksamkeit bekommt (Erwachsene bemühen sich um das Kind, versuchen es aus der Reserve zu locken, sind lieb usw.). Er ist der Ansicht, dass selbstbewusste und kommunikative Menschen mehr vom Leben haben und glücklicher sind, und plädiert daher dafür, gewisse Dinge vom Kind ganz einfach zu verlangen, wie z.B. dass das Kind Erwachsene freundlich begrüßt (geh hin, schau ihn, sie freundlich an, gib ihm die Hand und sag deutlich „Hallo“). Und zwar durchaus mit Druck.
Man kann da dazu stehen wie man will und es gibt sicher auch Gegenargumente. Allerdings kann ich sagen, dass wir in dem Alter bei unserem Sohn auch etwas Druck ausgeübt haben und dass es gewirkt hat.
Er war auch fremden Kindern gegenüber total zurückhaltend und hat sich gar nicht getraut sie anzusprechen, zog sich lieber zurück und wollte eine Cassette hören usw. Wir haben dann durchgegriffen und ganz klar gesagt, dass jetzt nicht die Zeit ist Cassetten zu hören, dass wir mit ihm rausgehen und die Kinder begrüßen, damit er sie kennenlernt und dann auch mit ihnen spielen kann. Er hat sich zuerst massiv gewehrt, aber wir haben es durchgesetzt, und ab diesem Zeitpunkt war er mit fremden Kindern tatsächlich viel selbstbewusster, es war nie mehr nötig ihn zu zwingen.
Auch das mit dem Grüßen haben wir so gemacht wie in dem Buch vorgeschlagen. Ich muss sagen, dass bei uns der Erfolg wirklich durchschlagend war. Unser Sohn begrüßte fortan alle Leute, sogar auf der Straße, sehr freundlich, und sagte oft hinterher „ist doch gar nicht schwer - ich sag einfach hallo!“
Ich würde an eurer Stelle z.B. auch Freunde auffordern, dass sie mit eurer Tochter ganz normal reden und dass sie im Gespräch von eurer Tochter einfordern, dass sie deutlich spricht.
Ich habe sowas auch mit der Tochter einer Freundin erlebt. Meine Freundin sagte, ihre Tochter rede kein Wort mit anderen Erwachsenen, sie sei so schüchtern. Ich habe sie dann ganz normal behandelt, nicht extra „lieb“, sondern habe in ganz normalem, eher festem Tonfall mit ihr geredet. Und als gerade die Mama nicht im Zimmer war, fragte ich das Mädchen „Was magst du trinken?“ und sie antwortete mir laut und deutlich. Die Mama staunte, als ich es ihr erzählte. Ich denke, wenn andere Erwachsene Klartext reden „Bitte rede lauter, ich verstehe dich gar nicht“ anstatt sich runterzubeugen und mit weicher Stimme das „schüchterne“ Kind betüdeln, dann reagiert das Kind auch darauf. Ich erinnere mich noch genau, dass das Mädchen mich an dem Tag viel beobachtete und ansah, offenbar war es ihr ganz neu, dass jemand so mit ihr umging, und mein Eindruck war, dass es ihr gefiel!
Da ihr natürlich im Kindergarten selbst wenig Einfluss habt, würde ich die Erzieherinnen darum bitten, sich entsprechend zu verhalten, und ich würde mal ein paar Kindergartenkinder zum spielen einladen, vielleicht ein paar Spiele machen, wo man einfach Kontakt aufnehmen MUSS (z.B. mein rechter rechter Platz ist leer… und sowas)
Viel Erfolg wünscht
Matilda