Absurditäten
Du sprichst eine Absurdität in Deutschland an: Als Theologin,
die hier eine weitere Spitzfindigkeit von sich geben möchte:
Man kann aus der Kirche nicht austreten. Einige regt das
furchtbar auf (ich erinnere mich an einen erbitterten Artikel
im Spiegel), aber wer einmal getauft ist, der ist Mitgleid der
Gemeinschaft der Gläubigen. Es ist ähnlich wie mit der
Staatsangehörigkeit: Du kannst auch nicht sagen, „Ich bin kein
Deutscher mehr“, sondern wenn ist das nur durch die Übernahme
einer anderen Staatsangehörigkeit möglich (bzw. man erkennt
Dir die Staatsangehörigkeit ab, römisch-katholisch wäre das
die Exkommunikation, die aber mW nur durch ein förmliches
Verfahren möglich ist, aber die Experten mögen hier
korrigierend einschreiten). D.h., egal, was Du tust, Du
bleibst erst einmal (katholischer) Christ und es lediglich die
Absurdität des deutschen Steuereintreibers, der Dich zu einem
endgültigeren Schritt zwingt als ein - finanzieller - Protest
gegen die Kirche in anderen Ländern bedeuten würde.
Tatsächlich aber haben beider Großkirchen in Deutschland sich
kirchenrechtlich mit der Steuer verquickt, so daß sich bei
einem - vielleicht ja auch nur mittelfristigen - finanziellen
Protest durchaus grausame Konsequenzen ergeben. Jedenfalls
sollte man das mit der Beerdigung meiner Erfahrung nach nicht
unterschätzen.
Gegen einen „Kirchenaustritt“ sprechen also durchaus die
kirchenrechtlichen Konsequenzen. Du solltest Dir überlegen, ob
Dir das zur Zeit etwas ausmacht (man kann ja auch wieder
eintreten:wink: ).
Die Auseinandersetzung mit Theologen ist doch immer wieder hilfreich. Das habe ich so zwar nicht gewußt, mir aber fast denken können. Ist ja ähnlich wie bei dem Ehesakrament. Vor Gott soll ich ja angeblich noch immer mit meiner ersten Frau verheiratet sein. Allerdings nur solange, bis ich beantrage, daß die Ehe kirchenrechtlich annulliert wird. Das wäre auch möglich, weil die Ehe kinderlos blieb. Dauert zwar etwas, aber es geht. Sollte also Gott dann sagen: „Vor mir seid Ihr noch Mann und Frau!“, könnte ich (rheinisch) kontern: „Enä, ich hann datt schritflisch vum Bischoff, da luurste, wa?“
Außerdem: Was bedeutet Dir Kirche? Was Frömmigkeit? Ich fand
interessant, was Du über Deinen Bruder weiter unten
geschrieben hast.
Ja, so gesehen sind mein Bruder und ich vermutlich furchtbare Katholiken und man würde uns nie in den Pfarrgemeinderat wählen. Andererseits sind wir aber auch sehr fromm. Wenn wir mal ganz furchtbare Angst haben, dann schämen wir uns vermutlich nicht, gemeinsam den Psalm 23 herunterzubeten. Immerhin haben wir den noch immer „auf der Pfanne“ 
Frömmigkeit ist beileibe nicht beliebig und
hat nicht nur viel mir Religiösität, sondern auch mit
„seelischer Heimat“ zu tun. Eine katholische Messe wird Dir
sicherlich immer mehr geben können als ein protestantischer
Gotttesdienst. Nun, es wird Dich keiner daran hindern, weiter
oder irgendwann mal wieder eine Messe zu besuchen. Du kannst
Dein Geld direkt spenden, also vielleicht für konkrete
Projekte Deiner Gemeinde, damit das Geld nicht irgendwo
versackt. Natürlich kannst Du Dir auch eine Gemeinde bzw.
Gemeinschaft gleichwelcher Religion suchen, in der Du Dich
sowohl seelisch zuhause fühlst als auch eben nicht das Gefühl
hast, nichts ändern zu können.
Letztlich kann ich aber weder ein echtes Pro noch ein Contra
Argument geben… Nur noch eine theologische Spitzfindigkeit:
Gott macht sich von menschlichen Satzungen nicht abhängig,
auch nicht, wie man beerdigt wurde:wink:
Da hast Du wohl recht. Aber die Repressalien sind schon mächtig. Ich möchte einfach, daß wir nicht von Ängsten unsere Entscheidungen abhängig machen.
Ich überlege immer, ob Jesus, wenn
er heute leben würde, eigentlich katholisch wäre oder
irgendeiner anderen Religionsgemeinschaft angehören würde?
Jesus war Jude und seine Botschaft ist nicht anders denkbar,
als daß sie auch jüdischen Boden stand - ich würde also
vermuten, er wäre es heute auch:wink:
Lach … ja, klingt logisch. Ob das unseren Bilderbuch-Katholiken gefallen würde?