Moin,
Und du wirst doch nicht bestreiten, dass z. B.
die meisten Deutschen entschieden Schwierigkeiten haben, ein
russisches „R“ zu rollen, und dafür lange üben müss(t)en.
Wenn jemand 6 Jahre lang oder länger ein russisches „R“ übt, …
Und du würdest nicht sagen, dass die Notwendigkeit einer
6-jährigen Übungsphase auf gewisse Lernschwierigkeiten
hindeuten könnte?
Nein. Ein Kind braucht wesentlich länger als 6 Jahre, um die eigene Sprache zu erlernen, das ist normal. Was ich mit meinem Vergleich sagen wollte ist, dass ich es für ein Gerücht halte, dass Kinder Sprachen leichter lernen, als Erwachsene. Kinder machen über Jahre hinweg 12 Stunden am Tag kaum etwas anderes. Wenn ein Erwachsener die gleiche Zeit und Intensität hätte, eine Sprache zu erlernen, käme er wahrscheinlich zu wesentlich besseren Ergebnissen als ein 6-Jähriger.
z.B. Kinder, die von ihren Eltern solange Wörter vorgesprochen
bekommen, bis sie diese Nachsagen, obwohl sie deren Sinn
überhaupt nicht verstehen.
Dann haben aber die Eltern diese Worte ohne Sinn
vorgeplappert. Klar plappern die Kinder dann auch ohne Sinn
nach.
Vorsprechen ist immer ohne Sinn. Der Sinn erschließt sich aus einem mit der Lautfolge deutlich erkennbar verbundenen Gegenstand, einer Handlung etc.
Weil es so eben nicht funktioniert. Kein Kind wird auf einen
Baum zeigen und „Baum“ sagen, solange es nicht begriffen hat,
dass das Ding da „Baum“ ist. Es kann dies nur machen, wenn es
erkannt , hey, das da ist ein „Baum“.
Häh, und wie erkennt das Kind, dass das ein „Baum“ ist? Durch
Intuition, oder wie?
Nein, das ist ein hochgradig komplizierter Prozess. Nehmen wir mal das Wort „Auto“. Mama deutet auf alles mögliche und sagt Auto. Aber was erkennt das Kind dann im Zusammenhang mit dem Wort „Auto“? Es kann jede nur erdenkliche Farbe und Größe haben („echte“ Autos, Spielzeugautos), mal steht es völlig geräuschlos irgendwo rum, mal bewegt es sich und macht ein Geräusch, mal ist es aus Papier (Mama deutet auf ein Auto in einem Bilderbuch), mal ist es aus Metall, mal aus Holz oder Plastik (Spielzeugauto). In manche kann man einsteigen, in andere nicht etc.etc.
Das Kind muss also durch eine riesige kognitive Leistung all diese unterschiedlichen Informationen filtern, bis es irgendwann mal geschnallt hat, was alle diese völlig unterschiedlichen Gegenstände vereint, damit man es als „Auto“ bezeichnen kann (und dann nicht womöglich noch als „Trecker“).
Für dich mag es klar, einfach und eindeutig sein, „mal eben“ die Lautefolge „Auto“ mit einem bestimmten Gegenstand zu verbinden, für dein Kind jedoch nicht. Wenn du nun immer wieder darauf beharrst, dann nun ganz genau dieser Gegenstand (kleines rotes Spielzeugauto auf dem Küchentisch) ein „Auto“ ist, und dein Kind immer wieder dazu aufforderst, genau diesen einen Gegenstand als „Auto“ zu identifizieren, was ist dann mit all den anderen Autos? Erst wenn das Kind durch diesen hochkomplizierten Prozess der Filterung aller möglichen Informationen (der tatsächlich „von selbst“ im Kind abläuft) begriffen hat, was das Wesen eines Autos ausmacht, wird es von sich aus Autos als solche benennen. Natürlich kann es dies nur leisten, wenn Mama oder sonster alles mögliche als „Auto“ bezeichnen. Aber ein Auto tatsächlich als solches zu erkennen und zu benennen ist etwas ganz anders, als das Nachzuahmen, was Mama da macht. Dieser Prozess, der in deinem Hirn abläuft, wenn du ein Auto als solches erkennst und benennst, muss in deinem Kind erstmal entstehen. Ist dies noch nicht geschehen, ist das „Nachmachen“ tatsächlich nichts als sinnloses Nachplappern für das Kind.
Und das ist jetzt so ein relativ „einfaches“ Konzept wie ein Gegenstand. Wenn es um das Benennen von Handlungen geht, Bewertungen, Sprüche wie „Danke“ oder „Bitte“ ist das ganze noch viel komplizierter.
Das ist im Übrigen auch der Vorteil beim Fremdsprachenerwerb, den ein Erwachsener einem Kind voraus hat. Er muss nicht mehr erst das Konzept von Auto erlernen, er erkennt ein Auto, wenn er eines sieht. Er muss nur noch das was er als „Auto“ kennt mit dem entsprechenden Wort „car“ verknüpfen. Dies ist im Wesentlichen lediglich eine Gedächtnisleistung.
Wieso erkennt es denn nicht, dass das
Teil in Wirklichkeit ein „tree“ ist, oder ein „arbre“ oder
was?
Tja, bei einem englischen oder russischen Kindermädchen haben wir nun echt ein kognitives Problem für das Kind, wenn es glaubt, es habe nun endlich das Konzept von „Baum“ verstanden, aber dann kommt Nanny daher, und sagt dazu „tree“ 
Wie, verstehe ich das jetzt richtig: Das Kind hat, wenn es alt
genug ist und sich oft genug Bäume betrachtet hat, plötzlich
die Eingebung: „BAUM“! Oder wie?
Ich weiß nicht, ob das, was genau im Gehirn passiert, also wie all diese Informationen in Gehirn verarbeitet und gefiltert werden, bereits erforscht ist, aber grundsätzlich kann man das so sagen. Irgendwann fällt der Groschen und das Kind hat den Unterschied zwischen beispielsweise begriffen, dass eine Tanne, eine Buche ob kahl oder nicht, ein blühender Apfelbaum und die kleine grüne Kugel mit Stil unten dran alle die Bezeichnung „Baum“ verdienen, ein Fahnenmast oder eine Sonnenblume hingegen nicht.
Verknüpfst du mit dem Begriff „Nachahmung“ vielleicht, dass
man aufgefordert wird, irgendetwas zu tun oder
nachzumachen? Ich verstehe unter Nachahmung, dass man sieht
oder hört, was jemand anderes macht, und wenn man das dann
nachmacht. Ob mit oder ohne pädagogischer Absicht des
Vormachers.
Ja, so verstehe ich Nachahmung auch. Wobei das, was man beim Sprechen „macht“, ja das Abgeben von Lauten mit dem Mund ist.
Gruß
Marion