Wie soll man entscheiden, ob etwas, wenn etwas von der Norm abweicht, wirk-lich eine Störung ist?
Wie soll man überhaupt entscheiden, was richtig und gut ist für einen, und was nicht? Meiner Meinung nach gibt es hier eine minimale Voraussetzung: man muß einen genügend großen Rest gesund gebliebenen Gefühls über alles Krankmachende hinweg errettetet haben - also „Intuition“ besitzen. Die Ratio mit sich allein, kann die Prämissen ihrer Glücks- und Wertvorstellungen willkürlich austauschen - ohne gesunde Gefühl bleibt sie ‚cartesianisch‘ am rotieren oder wird sich am Ende doch dem Krankmachenden unterwerfen, seinem Götze huldigend…
Und: wie du selber schon sagst, vielleicht ist die Norm selbst ausdruck einer Stö-rung, somit würde man sich dort die Frage stellen, ob etwas gesundes eventuell krank sein könnte, weil es von der Norm abweicht.
Das ist was ich meinte mit willkürlicher Austauschbarkeit der Werte. Abgesehen von der indiskutablen These eines hinreichend großen Rests an Intuition, bliebe also die Frage nach einem fundierten, rational fassbaren Kriterium zur Bewertung eines Verhaltens, Denkens und Empfindens, unabhängig davon, was in unserer Gesellschaft als Normal gilt, oder überhaupt andere davon denken.
So weit mir sichtbar, gibt es nur einen, in sich doppelt angelegten Weg:
>> Einerseits die Äußere Erforschung der Naturphänomene, orientiert nach außerhalb unserer Gesellschaft, z.B. Evolutionstheorie und ethologische Primatologie. Wie oben angedeutet, läßt sich dadurch sagen, dass die von Dir erwähnte Homosexualität nicht etwa krank, böse oder naturwidrig wäre (wie Kirche und viele Staaten trotz „Gott ist tot“ immer noch postulieren), sondern ein immanentes Bestandteil des gesunden sozialen Zusammenhalts/ Gefühlsklebemittel solcher Gemeinschaftslebensformen darstellt, allerdings nicht einseitig fixiert, wie bekannt aus unserer Homo-„Szeene“: die Vergnügungen gehen nämlich quer durch den Garten…
>> Und anderseits Untersuchungen der intrapsychischen Situation, z.B. anhand Freuds Traumanalyse. Damit wurde entdeckt, dass die im Unbewussten (‚Es‘) verankerte Triebdynamik des Homo sapiens hinsichtlich z.B. der körperlichen Lustbedürfnisse angeborener Maßen doppelt angelegt ist.
Gleicht man die Befunde dieser zwei (extro- und introspektiven) Bereiche miteinander ab, läßt sich ein mit guter Wahrscheinlichkeit naturwissenschaftlich fundiertes Gesundheitsmodell entwerfen, das die Abweichungen sichtbar macht, etwa eine einseitig fixierte Homosexualität („normal“ für die ‚Szeene‘), oder die ‚global‘ „normale“ Heteromanie.
Solch ein Modell zu besitzen, sagt natürlich noch nicht viel über die soziale Kompetenz des betreffenden Mensch oder Therapeuten aus, es führt aber zu der Frage: Wie lassen sich die genannten hypothetisch psychopathologischen Muster erklären? Grundsätzlich vielleicht dadurch, dass die davon betroffene Psyche gezwungenermaßen Inhalte aufgenommen hat (Erziehung; Ansichten der „Normalen“), die sie in Konflikt mit Teilen ihrer angeborenen Triebdynamik stürzten, u.z. oft derart massiv, dass diese Aspekte des Seelenlebens das Bewusstsein nicht mehr erreichen können. Der naive Mensch leidet, ohne zu wissen woran und wieso, und wenn er Gelegenheit bekommt, es zu erfahren, will er es oft gar nicht wissen (oder glaubt zumindest, es nicht zu wollen)…
Wie Du siehst, wird für die Sicherung richtiger, gesund erhaltender oder -machender Entscheidungen auch ein fundiertes Instanzen-Modell der Psyche benötigt, einschließlich ihres nach mehreren angeborenen Bedürfnissen differenzierten ES, Seele oder wie man den Urgrund des konkreten Lebewesen nennen möchte.