Hallo Hilmar!
Ich finde Deine Frage etwas unglücklich formuliert:
Krankheit?
„Krankheit“ ist wohl im Zusammenhang mit Homosexualität etwas fehl am Platze, denn die meisten homosexuell veranlagten Menschen sind mit ihrer Sexualität NICHT unzufrieden, d.h. sie sind nicht negativ beeinflusst. Man sieht also direkt, dass Homosexualität und Krankheit keinen Zusammenhang aufweisen und kann sämtlich geartete Theorien direkt und pauschal ablehnen.
Entstehung
Auf der anderen Seite kann man fragen, wie Homosexualität entsteht. Hier herrscht Uneinigkeit in der Befundlage, und der weiter unten stehende genetische Einfluss scheint - wie so oft - etwas zu wenig als Erklärungsansatz.
Gegenbeweis: Wäre ausschliesslich ein spezielles Gen für die Steuerung der Sexualität (direkt, oder - wie beschrieben - indirekt durch den Testosteronspiegel innerhalb der Gestationszeit) verantwortlich, so hätten die Gene für „Homosexualität“ bzw. „Testosteronspiegel in der Gestationszeit“ sehr schlechte Karten. Ihre Durchsetzungskraft in Bezug auf Evolution ist überaus gering - sie haben eine sehr niedrige Reproduktionsleistung (liegt in der Natur der Sache).
Theorie von Bem (1996)
Vielleicht ist in dem Zusammenhang die Theorie über Homosexualität von Bem (1996) von Interesse: sie bietet zugleich genetischen als auch umweltabhängigen Einfluss als Erklärungsansatz für die Entstehung von Homosexualität.
Intermezzo: Zunächst einmal sollte festgehalten werden, dass heutzutage in der Genetik von ultimaten Erklärungen des Gencodes abgesehen wird, sondern vielmehr von Proximaten ausgegangen: eine genetische Disposition kann nur im Kontex mit den jeweiligen Umweltbedingungen betrachtet werden, d.h. wie und ob sich ein genetischer Einfluss manifestiert hängt von der jeweiligen Lebensumwelt ab.
Der Kernpunkt in Bem’s Theorie ist, dass was exotisch ist erotisch wirkt. Er geht auch von einem genetischen Einfluss aus, wie ein Kind behandelt oder gesehen wird: eher männlich oder eher weiblich (unabhängig von Geschlecht, also z.B. „weiblicher“ Junge oder „männliches“ Mädchen). Es kann nach seiner Vorstellung dazu kommen, dass je nach Disposition ein Junge entweder eher mit Jungen oder eher mit Mädchen im Kindesalter umgibt bzw. umgeben wird (Spielgruppen im Kindergarten etc., nach Interessenlage des Kindes oder nach Sicht der Umwelt).
Bei der Geschlechtsreife wird dann das erotisch, was zuvor exotisch gewesen ist, d.h. man interessiert sich primär für das „Fremde“. Diejenigen Jungen, welche also z.B. während der Gestationszeit durch den Testosteronespiegel dahin beeinflusst worden sind, eher weibliche Züge oder Interessen zu entwickeln (Disposition), haben gute Chancen, sich auch im Kindesalter mit diesem Geschlecht vermehrt in Kontakt zu stehen (Interessenlage, Sicht der Umwelt). Zusätzlich soll es nun eine genetische Disposition dafür geben (als eher ultimater Erklärungsansatz, und hier lage m.E. nach auch ein Kritikpunkt innerhalb der Theorie), dass eher das erotisch wirkt, was in der Kindheit weniger vertraut gewesen ist - und so ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer eher homosexuellen Entwicklung bei z.B. Jungen mit eher weiblichen Interessen und einer eher weiblichen Erziehungsumwelt in der Kindheit erhöht.
Spätere Befunde konnten zeigen, dass dieser Erklärungsansatz überwiegend nur für männliche Homosexualität funktioniert und auch nur in ca. 50% der Fälle (vgl. Bailey, 1996). Es muss also noch andere Verläufe bei der Entsehung von Homosexualität geben.
Persönliches Fazit
Nur weil sich Entwicklungsverläufe innerhalb der Psychologie als Modelle für die Entstehung von z.B. Homosexualität manifestieren, kann man wohl kaum von Krankheit sprechen. Es gibt ebensolche Entwicklungsmodelle für Heterosexualität (z.B. enthält Bem’s Modell ja genau diese Komponente auch).
Die Enstehung beider Mechanismen ist für mich gleichberechtigt; zusätzlich würde ich auch noch innerhalb von Homo- und Heterosexualität abstufen - es gibt ja auch durchaus die Fälle, wo sowohl mehr oder auch weniger beide Geschlechter interessant sind. Zusätzlich ist wohl auch im Leben eines Menschen über seine Lebensspanne ein ständiger Wandel innerhalb seiner Sexualität zu beobachten: Interessen verändern sich, und ob dies immer auf eine latent zugrunde liegende genetische Disposition zurück zu führen ist, möchte ich eher bezweifeln (wobei hier wohl auch mein Wunsch Vater meines Gedanken ist, aber deswegen erlaube ich mir ja auch ein persönliches Fazit).
Der eigene Einfluss auf die Entwicklung wird in solchen Modellen stets unterschätzt.
Es gibt bestimmt eine Vielzahl von individuellen Entwicklungsgeschichten innerhalb der persönlichen sexuellen Definition - hässliche Erlebnisse, schöne Erlebnisse, traumatisierende Erlebnisse, welche Einfluss nehmen. Bem scheint ein Modell entwickelt zu haben, welches pauschal für relativ viele Fälle (insgesamt männlich & weiblich ca. 28% der Homosexuellen) zu funktionieren scheint. Für die anderen 72% müssen andere Modelle entwickelt werden, und so verbieten sich eigentlich grundsätzliche Aussagen über die Entstehung von Homosexualität wie auch Heterosexualität von selbst.
Lieben Gruß
Patrick
Literaturhinweise:
_Bem, D.J. (1996). Exotic becomes erotic: a development theorie of sexual orientation. Psychological Review (103) 320-335.
Bailey, J.M. (1996). Gender identity. Aus: Savin-William & Cohen (Herausgeber): The lives of lesbians, gays, and bisexuals_
(http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/0155014978/qid…).