Hi nochmal,
aber könnte es nicht sein, dass Du die Kausalität
verdreht hast?
Klar, mir ging es ja gerade um die Verdrehung der Kausalität; das ist meine eigentliche These.
Ganz Konkret:
Sind die Demokratien gegeneinander friedfertig, weil sie
verbündet sind?
oder
Sind die friedfertigen Staaten miteinander verbündet, weil es
Demokratien sind?
ich will das etwas erklären, wird aber notwendig ein wenig lang …
m.E. besteht kein wirklicher Unterschied zwischen diesen beiden Fragen, d.h. eine bestimmte Form von „Demokratie“ (in erster Linie wohl gekennzeichnet durch Wahlrecht, Gewaltenteilung, freies Kapital; aber diese Form ist auch historisch wandelbar) ist eben das Zugehörigkeitskriterium für diesen Block.
Damit setzt man sich ab von anderen möglichen Formen von „Demokratie“=Volksherrschaft, z.B. eben die genannte marxistisch-leninistische Variante, aber auch von auf staatlicher Ebene nur sehr kurzzeitig je realisierten Formen radikaler Demokratie wie etwa einer Räterepublik.
- Die „Überform“ dieser einzelnen Formen von Demokratie ist das „demokratische Zeitalter“, das bedeutet, dass man -egal welche bestimmte Form man nun an Demokratie hat- tendenziell immer als „Demokratie-Mangel“ kritisiert wird (der Osten wegen Freiheitsrechten, der Westen wegen dem undemokratischen Einfluss der Ökonomie, etc.), nie aber mehrheitsfähig und einigermaßen dauerhaft wegen „zuviel Demokratie“;
keine Position kann sich mehr auf eine undemokratische „l’etat c’est moi“-Position zurückziehen, wie das vor 300 Jahren noch problemlos ging.
- da die einzelnen Demokratie-Formen Integrationsmittel der Blöcke sind, sind sie auch die Kampflinien und Kampfeinsätze zwischen den Blöcken.
Disclaimer: mir ist klar, dass ich damit den Demokratie-Begriff ein Stück weit verschoben habe, aber ich finde, das ist notwendig, denn wenn man einfach den umgangssprachlichen Demokratie-Begriff, also den der „westlichen Demokratieform“ aufnimmt, der wohl Deiner Ausgangsfrage auch klar zu Grunde liegt, dann reduziert sich m.E. Deine Frage auf die Tautologie, weshalb der „Westen“ nie gegen sich selbst Krieg geführt hat …
Bei den
Bündnissen der ehemals westlichen Welt glaube ich, inzwischen
eine andere Motivation zu erkennen. Als aufnahmebereit gelten
Staaten, die ebenfalls demokratisch verfasst sind - auch wenn
die Aufnahme dieser Staaten das Bündnis vorübergehend
schwächt. Die mitteleuropäischen Staaten fallen mir dazu ein
und auch die Türkei. Gründe, die (zumindest offiziell) gegen
eine Aufnahme der Türkei in die EU sprechen, sind nicht der
Islam oder die Tatsache, dass fast die komplette Türkei gar
nicht in Europa liegt, sondern Defizite bei Demokratie,
Menschenrechten und Religionsfreiheit.
Das spricht in keinster Weise gegen meine These, sondern m.E. für sie.
Um es auf den Punkt zu bringen: Eine Demokratie wird immer die
Nähe anderer Demokratien suchen, weil sie weiß, dass eine
Demokratie ein friedfertiger Staat ist.
damit reduzierst Du aber erstens die Demokratie auf eine bestimmte Form von Demokratie, und kommst damit m.E. weit ans Tautologische heran, denn wenn „Demokratie“ oder Demokratiefähigkeit gerade der Prüfstein ist, ob ein Staat dem Demokratie-Block angehören darf oder nicht (wie Du es ja im Grunde eben auch klar gezeigt hast), dann reduziert sich die Aussage: „Demokratien kämpfen nicht gegeneinander“ vielleicht eben doch auf die Tautologie: „Staaten eines Blockes kämpfen nicht gegen sich selbst“;
und dann könnte man die Friedfertigkeit nicht ohne Schwierigkeit zur intrinsischen Qualität von „Demokratie“ machen, also die Friedfertigkeit in den Beziehungen zwischen Staaten restlos aus den Beziehungen Staat-Bürger ableiten.
Um es in einer Frage zu sagen: Gab/gibt es die letzten 200 Jahre bedeutsame Staaten, die klar „demokratisch“ in dieser „westlichen“ Form von Demokratie sind, und die sich aber 1) klar politisch gegen diese westlich-demokratischen Staaten richten, und aber aus „demokratischer Friedfertigkeit“ heraus, 2) diese Oppositionsstellung nicht zu einem pol-milit. Konflikt ausweiten?
Wenn nein, dann wäre das m.E. ein klarer Hinweis, dass „Demokratie“ in dieser speziellen Form, um die es Dir geht, schlicht mit dem „Demokratie“-Block koextensiv ist.
Und Du übersiehst m.E. zweitens, dass eben genau diese westlich-demokratischen Staaten sehr wohl an allen großen Konflikten der letzten zwei Jahrhunderte beteiligt waren, und zwar teilweise unstrittig auch offensiv, eben für die Durchsetzung dieser Form von Demokratie, von Menschenrechten, Religionsfreiheit, etc.
P.S.: (Ist nicht gegen Dich gerichtet, Franz, aber…) Bin ich
eigentlich der einzige, dem die (in diesem Forum) weit
verbreitete Meinung auf den Sack Nerv geht, dass die
USA und ihre Verbündeten die Wurzel allen Übels auf dieser
Welt sind?
Der anscheinend so nonkonformistische (und daher: coole)
Glaube an die Herrschaft des militärisch-industriellen
Komplexes ist in Wirklichkeit genauso „kritisch“ wie der
Applaus von SED-Funktionären nach einer Honecker-Rede. Meine
Meinung.
Ist nicht gegen Dich gerichtet, Franz, aber…)
Auch wenns nicht gegen mich gerichtet ist, stehts unter meinem Artikel, darum …
Diesen aber, auch wenn er sehr wohl eine „entlarvende“ Sicht auf „Demokratie“ einnimmt und dafür in gewisser Weise eine „relativistische“ Position vertritt, als „USA-sind-Wurzel-des-Übels“ zu lesen, wäre übrigens ein klares Missverstehen …
Viele Grüße
Franz