Hallo!
Es wäre also schön, wenn die Sozialhilfeempfänger versuchen
würden auf einigen Füßen zu stehen.
Freiberuflichkeit ? Geht das ?
Im letzten Auffangnetz angekommen, wird die Sache (schon auf dem Weg dorthin) immer schwieriger. Wer womöglich Jahre in der Arbeitslosigkeit auf das passende Jobangebot gewartet hat, wird kaum über die Mentalität der Selbsthilfe verfügen. Eine Mentalitätsfrage ist es in der Hauptsache.
Es gibt viele Selbständige, die nach einem Scheitern so schlimm dran sind, wie es sich ein Empfänger von z. B. Arbeitslosenhilfe kaum vorstellen kann. Es sind keine Einzelfälle, daß Verbindlichkeiten in 6stelliger Höhe drücken, das Konto wegen Pfändungsverfügungen gesperrt und der Kühlschrank leer ist. Da gibt es nackte Not, keine Hilfe von wo auch immer, keine Krankenversicherung, wirklich nichts. Einige geben sich auf, andere kommen wieder auf die Füße, auch wenn es Jahre dauert. Dann allerdings schlauer geworden, kaufmännisch pfiffiger und einen großen Bogen um Zeit- und Geldfallen machend. Wer dann wieder auf die Beine kommt, hat sich selbst geholfen und kennt nicht die Wartementalität, daß von irgend einem Amt Hilfe kommen wird, damit man nicht verhungert.
Es geht nicht darum, Sozialhilfeempfänger zu Selbständigen zu machen. Das Problem ist vielschichtiger. Es geht um eine breite Bewußtseinsänderung in der gesamten Bevölkerung, auch bei den Menschen, die einen Job haben. Die Deutschen sind fett und bequem geworden. Der sichere Job, das Geld von der Bank, Versicherungen für und gegen alles, Versorgung bis zur Bahre - irgend jemand wird sich schon kümmern. Eigene Gedanken, weshalb der Karren nicht mehr wie gewohnt läuft, machen sich nur wenige. Statt dessen wird den politischen Heilsbringern geglaubt, die mit Herumwursteln an Zehntelprozenten die Lösung erhoffen.
Für die Menschen, die schon seit Jahrzehnten nur den Versorgungsgedanken pflegten und auf möglichst frühe Verrentung hoffen, lohnt die Mühe nicht. Bei den heute jungen Menschen müssen wir ansetzen, bei Schülern, Auszubildenden und Studenten und insbesondere bei denen, die keine oder nur eine Pseudoausbildung erhalten. Statt z. B. Sportstunden in Berufsschulen (das können die Azubis auch privat erledigen), wäre die obligatorische Vermittlung (Betriebs-)wirtschaftlicher Zusammenhänge sinnvoller. An Hochschulen wäre ein Kursangebot über Betriebswirtschaft und Organisation des Kleinbetriebs zielfördernd.
Wir brauchen dazu dringend eine Deregulierung auf allen Gebieten. Es geht nicht länger an, sich von Gewerkschaftsideologen ausbremsen zu lassen, die etwa die Freigabe der Ladenöffnungszeiten als Teufelszeug bekämpfen. Natürlich gäbe es dadurch keinen Mehrumsatz. Natürlich ist das nicht die Verpflichtung, Läden rund um die Uhr geöffnet zu halten. Will aber heute jemand früh um 5 belegte Brötchen verkaufen, darf er das nicht (oder muß dazu eine Tankstelle eröffnen). Wenn jemand Teppichboden verlegen will, bekommt er es mit der Handwerkskammer zu tun (es sei denn, er ist z. B. Portugiese oder Grieche). Wenn ein Sozialpädagoge Designerleuchten in Serie produziert, darf er das machen. Kommt er auf die Idee, das selbst gebaute Stück zu reparieren, bekommt er es mit der Staatsmacht zu tun, die ihm den Laden schließt. Der gleiche Leuchten prodizierende Sozialpädagoge bekommt einmal jährlich einen Fragebogen vom statistischen Landesamt, wo er aufzulisten hat, welchen Grundstoff er vorwiegend verarbeitet und wieviele Festmeter Holz er einschlägt (kein Witz!). Weg mit dem ganzen Ballast!
Norbert Blüm erzählte 16 Jahre lang „die Renten sind sicher“. Im Grunde wird das immer noch erzählt. Erzählt den jungen Leuten lieber, daß sie selbst vorsorgen mögen. Verjuxt das Geld nicht bis auf den letzten Cent. Schafft Wohneigentum. Damit braucht man als Ruheständler nur noch die Hälfte an Geld, hat aber auch weder Hausmeister noch Verwalter, die sich um jeden Pups kümmern. Die Menschen müssen insgesamt zu mehr Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Kostenbewußtsein angehalten werden. Das bedeutet viele kleine Erziehungsschritte und kann z. B. damit anfangen, daß es einem nicht völlig egal ist, was die ärztliche Behandlung gerade kostet, weil man nämlich eine Rechnung erhält, die man zu prüfen und trotz Versicherung anteilig zu bezahlen hat.
Daß so viele Menschen zu versorgen sind, ist das Ergebnis eines allumfassenden Versorgungsangebotes, das dem Einzelnen die Verantwortung für sich selbst weitgehend aus der Hand nimmt. Umgekehrt wird danach das Zurückfahren staatlicher Wohltaten zu einer Steigerung des Bewußtseins für die Eigenverantwortung jedes Einzelnen führen.
Es gehört inzwischen wohl zum gesicherten Wissen, daß man einen Alkoholabhängigen nicht vom Alkohol abnabelt, indem man die beschützende Hand über ihn hält. Er würde immer tiefer im Suff versinken (oder US-Präsident werden). Der Süchtige muß durch Leidensdruck zum Willen zur Selbsthilfe kommen. Analog dazu führt man die Menschen durch zu viel Fürsorge in die Abhängigkeit, aber nicht in die Selbständigkeit.
Gruß
Wolfgang