Wörtlich sagte Merz: „Die Beschäftigten in Deutschland kommen im Schnitt auf 14,5 Krankentage. Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
Ist es richtig und notwendig, dass der deutsche Bundeskanzler seine Bürger als faul und/oder arbeitsscheu bezeichnet?
Bevor man sich einen Schuh anzieht, sollte man sich überlegen, ob einem der passt. Aber wir leben ja inzwischen in einer Empörungskultur, in der man gleich laut los schreit, ohne sich man zuvor durch den Kopf gehen zu lassen, was an einem Thema dran sein könnte.
Wir kennen doch alle die Kollegen, Freunde, Bekannte, Familienangehörige die nur auf die Gelegenheit für die nächste Krankschreibung warten, die sich immer dann in Krankheit flüchten, wenn es schwierig wird, die regelmäßig Wochenenden verlängern, krank aus dem Urlaub zurückkommen, …
Menschen sind mit unterschiedlicher Gesundheit gesegnet, aber es gibt eben auch in jedem Umfeld diejenigen, die ihre Gesundheit mit voller Absicht aufs Spiel setzen, und damit Krankentage produzieren.
Und die Namen der Ärzte, zu denen man hingehen kann, wenn man mal “ein paar Tage Auszeit" braucht, sind doch auch hinlänglich überall bekannt.
Also durchaus nicht wenige Leute, denen dieser Schuh passt, und die ihn sich anziehen sollten. Und der Rest sollte sich freuen, wenn der eigene persönliche berufliche Einsatz nicht auch noch dadurch ständig zusätzlich gefordert wird, weil andere sich das Leben leichter machen, bei denen keine tatsächlichen Gründe vorliegen, um von der Arbeit fern zu bleiben.
Aber was ist in dem Szenario dann mit denen, die wirklich krank sind und womöglich noch rumrotzender Weise den Rest der Belegschaft anstecken?
Und, wer wirklich krank geschrieben werden will, bekommt das in der Regel auch, wenn er oder sie es nicht zu doof anstellen. Die sollen dann alle noch eine oder eben dann mehrere Praxen belasten und gegebenenfalls ihre Erreger dort hin tragen oder sich welche abholen?
Ehrlich gesagt: Nein. Mir fällt in meinem Umfeld und auch in meiner Firma da niemand ein. Ich kenne vor allem zwei Arten von Leute: Nämlich solche, die zur Arbeit gehen, obwohl sie egentlich krank geschrieben sind oder sich zu recht krankschreiben lassen könnten, und die, die wirklich langfristig erkrankt sind. Im Schnitt kommen die dann zusammen auf die genannten 14,nochwas Tage. Und genau das stört mich an der Meldung: Das hier mit einer nichtssagenden Durchschnittszahl operiert wird. Interessanter wäre der Median pder auch andere Quantile. Und dann köäme vermutlich heraus, dass 90 Prozent der Arbeitnehmer weniger als 5 Tage im jahr krank sind …
Und die Namen der Ärzte, zu denen man hingehen kann, wenn man mal “ein paar Tage Auszeit" braucht, sind doch auch hinlänglich überall bekannt.
Oh, dann schicke mir doch mal einen. Ich kenne nämlich keinen.
Und der Rest sollte sich freuen,
Nein, ich freue mich nicht darüber, wenn es mir noch schwieriger gemacht wird, mich krank zu schreiben, obwohl das nur wenige Tage im Jahr sind und ich mir an den anderen Tagen den Arsch aufreiße.
Nach meiner Erfahrung glauben wir solche Leute zu kennen. Oft ist es dummes Gerede ohne Basis.
Ich bin mir nicht sicher, worauf du hier anspielst. Meinst du beispielsweise Sportarten mit erhöhtem Verletzungsrisiko?
Da kenne ich tatsächlich keinen einzigen.
Die kenne ich tatsächlich auch sehr gut.
Das deckt sich mit meiner Wahrnehmung. Ich kenne mehrere Personen in meinem Umfeld, die wegen Krebserkrankungen monatelang im Krankenstand sind bzw. waren. Und mehrere andere, die durch Unfälle und notwendige Operationen zumindest mehrere Wochen ausfallen. Die verzerren alle die Statistik.
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Arbeitgeber den Ball flach halten sollten, solange in Deutschland jährlich weit über 600 Millionen Überstunden unbezahlt bleiben. Hat sich Merz eigentlich schon dazu geäußert?
Seitdem wir leidlich flexibel von zu Hause arbeiten können, beobachte ich auch, dass die kurzen Krankmeldungen seit 2020 fast völlig weggefallen sind. Da ich keine fundamental abweichenden Krankheitsverläufe vermute, gehe ich davon aus, dass die Leute, die früher bei „mir gehts nicht so gut“ ohne AU ein oder zwei Tage zu Hause geblieben sind, heute lieber von zu Hause ein paar Stunden arbeiten - zumal die Arbeit im Regelfall eh eine Konstante ist - was Du heute nicht machst, machst Du halt morgen oder übermorgen.
Im Gegenzug sind die Krankmeldungen über zwei Wochen häufiger geworden - in den meisten Fällen wegen Covid. In Summe liegt die Zahl der Krankentage/Jahr bei meinen Leuten weiterhin bei ungefähr vier (aber eben ohne die vielen kleinen kurzen Erkrankungen mit den Folgeansteckungen im Büro). Da eine Kollegin wegen eines schweren Unfalls fast ein dreiviertel Jahr ausgefallen ist, sind wir 2025 am Ende dann bei knapp 12 Tagen/MA*J gelandet.
Nun sitzen wir hier ja bei eher geringer körperlicher Belastung im Büro, so dass ich die Lage im gewerblichen Bereich nur von unseren Kunden kenne, aber auch da hört man eher weniger davon, dass hinter den Krankheitstagen in großem Stile Missbrauch vermutet wird. Natürlich gibt es da auch solche und solche, wie es eben auch Leute gibt, die den ganzen Tag arbeiten und andere, die zwischendurch mal ein längeres Schwätzchen halten, auf dem Handy herumdaddeln oder sich die Zeit anderweitig vertreiben. Das ist auch allen Arbeitgebern klar und wird insofern immer erst dann ein Thema, wenn es Überhand nimmt.
Oder anders formuliert: Merz hat sich nun die nächste Personengruppe ausgesucht, auf der er undifferenziert herumhacken kann. Fürwahr: er ist der Kanzler aller Deutschen - sofern sie die richtige Hautfarbe, Religion und Herkunft haben, in Vollzeit arbeiten und möglichst selten krank sind.
Er wollte unbedingt Kanzler werden. Aber nie Kanzler sein, schon gar nicht von diesem Volk. Der Mann hasst sein Volk. Er erniedrigt und diskreditiert nach und nach fast alle Teile der Bevölkerung. Zuerst die mit MIgrationshintergrund oder Flüchtlinge, dann Lanzeitarbeitlose und Arme, jetzt Kranke und abhängig Beschäftigte. Vermutlich fühlt er selbst sich erhoben, wenn er andere erniedrigt.
Er ist eben bloß ein billiger Populist, ein „alter, weißer Mann“ mit viel mehr Vorurteilen als Erfahrungen. Er ist ein Schauspieler - er beherrscht aber nur eine Rolle: sich selbst darstellen. Er kann nicht versöhnen, er kann nicht voran bringen. Er kann nur über den derzeitigen Zustand jammern, hat aber keine Strategie für die Regierung, keine Strategie für das Land, keine Strategie für Europa und nicht dann Ansatz einer Strategie für die Welt. Da nimmt er sich nichts mit seiner größten Rivalin.
nicht mal das. nach unten treten ist ja einfach & billig, aber die „selbstdarstellung“ könnte besser sein.
vom kaiser der usa wäre hier noch zu lernen.
Auch an solchen skandalösen Bemerkungen kann man erkennen, wie sehr sich - insbesondere „Dank“ der afd - die Tonlage in der deutschen Politik verschoben hat und ich sagte es zuvor und ich sage es erneut: wir sind den USA fünf, maximal zehn Jahre hinterher. Auch in Deutschland sind irreführende und gelogene Aussagen inzwischen an der Tagesordnung - auch beim Kanzler. Gerade gestern wieder: Merz geht bei Gaskraftwerken auf Distanz zu Habeck – Wasserstoff-Aussage sorgt für Fragezeichen
Genau wie Trump ein Problem mit den großen Fußstapfen von Obama hat und hatte, so hat Merz ein Problem mit Merkel (das hat er seit seiner Krönung im Frühjahr vielleicht sogar überwunden) und vor allem mit Habeck. Wie Söder kann er einfach kein gutes Haar an ihm lassen, auch wenn er praktisch seit Amtsantritt seine Politik mehr oder weniger 1:1 kopiert.
Nun hat Merz offensichtlich keine frontotemporale Demenz im fortgeschrittenen Stadium, aber politische Parallelen sind vorhanden und das eigentliche Problem daran ist, dass diese ganzen Aussagen von „warum gehen denn die Leute, die für 530 Euro arbeiten gehen nicht für 2000 Euro arbeiten?“ über das „Stadtbild“ bis hin zu (vorläufig; die Legislaturperiode ist ja noch lange nicht vorbei) den Krankentagen ja etwas mit der Diskussionskultur machen und die afd sitzt (noch) am Spielfeldrand und freut sich darüber, dass nunmehr nicht nur sie die Grenzen des Sagbaren verschiebt.
Und das ist ja nur die politische Kultur. Was macht dieses ganze Gerede denn mit Leuten,
die wirklich krank sind,
die wenig qualifiziert sind und ihre Familie mit zwei 530 Euro-Jobs durchbringen und vielleicht trotzdem noch übers Bürgergeld aufstocken müssen oder
den Millionen rechtschaffenen, arbeitenden und hier geborenen Menschen, die keine „reinweiße“ Hautfarbe haben,
wenn sie vom Bundeskanzler als Lästlinge, Faulenzer und störend bezeichnet werden? Welche Partei wählen wohl diese Leute bei der nächsten Wahl? Die lokal zuständige christliche Partei oder die Partei, die (unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Aussagen) verspricht, „denen da oben“ mal so hörig den Marsch zu blasen, alles anders zu machen und für den kleinen Mann zu sorgen?
Vielleicht ist die wichtigste Parallele: Ablenkung
Ablenkung von Cum-Ex, Cum-Cum. Ablenkung von Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, Milliardärssteuer. Ablenkung von Privatisierung der Gewinne und Vergesellschaftung von Verlusten. Ablenkung von seiner politischen Unfähigkeit. (Hat doch heute das „Backpfefengesicht“ wieder mal eine Backpfeife aus Brüssel bekommen.) Ablenkung von der Unsinnigkeit fossiles Zeug zu verbrennen.Immer schön den Empörungs-Pegel hochhalten, damit echte Probleme und Herausforderungen weit weniger Offensichtlich sind.
Ja, vielleicht spielt das auch eine Rolle, aber ich glaube, dass da im Wesentlichen wirklich die Verachtung für das gemeine Volk aus ihm spricht. Du hast das insofern für meine Begriffe wirklich gut ausgedrückt:
Ich möchte aber auch gern nochmal auf den eigentlichen Fakt des Themas zurückkommen, die angeblich wahnsinnig gestiegenen Zahlen der Krankheitstage.
Dass ein Großteil der Steigerung gegenüber vor 2022 (also vor Einführung der eAU) auf statistische Unzulänglichkeiten der früheren Berechnungsmethode Schätzung zurückzuführen sind, wird ihm doch sicher schon jemand gesagt haben. Und als ehemaliges oder noch amtierendes Mitglied von Aufsichtsräten, Vorständen, Verbänden, Lobby-Vereinigungen und und und sollte er doch wenigsten ein paar Grundlagen der Statistik beherrschen.
Aber gut. Merz vergleicht keine Zahlen. Er nennt nur die 14,7 Tage, die ihm zu hoch erscheinen, die Ärzte zu großzügig, die Arbeitenden zu faul. Das Warum und Wieso oder gar der gesellschaftliche und unternehmerische Vorteil einer Arbeitsunfähigkeitsbescheingung für einen arbeitsunfähigen Beschäftigten interessieren ihn nicht. Er rechnet vermutlich nur 14,5 Tage x mittleres Tagesentgelt x abhängig Beschäftigte = XXX Milliarden, die die Beschäftigten seinen Best Buddies „stehlen“.
Vermutlich unterlässt er auch aus diesem Grund komplexe Vergleiche mit unseren entwickelten Nachbar in Europa. Denn dann würde das ganze populistische, die Mehrheit der Gesellschaft treffende, Gelabere wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Das hat er auch von Orangenmann gelernt: Flood the zone with shit. Irgendwas wird schon kleben bleiben. Und wenn man nur schnell genug flutet, kommt auch keiner mehr mit Fakten hinterher.
diese „Sau“ wird regelmäßig durchs Dorf gejagt, um von anderen, wichtigeren Themen abzulenken.
Das Gejammer vieler Arbeitgeber kann ich schon lange nicht mehr hören, denn zum „Blaumachen“ gehören auch zwei Parteien. Und obwohl Arbeitgeber durchaus ein arbeits- und sozialrechtliches Instrumentarium zur Überprüfung einer AU-Bescheinigung sowie von Maßnahmen bei begründetem Verdacht haben, wenden sehr viele jammernde Arbeitgeber dieses Instrumentarium nicht an und verlangen lieber drastische Einschränkungen, die dann auch als durchaus erwünschter „Kollateralschaden“ diejenigen treffen, die wirklich krank sind.
Zur Wahrheit gehört dann zB auch, daß die von den AG-Verbänden regelmäßig aus der Mottenkiste geholten Forderungen (Wegfall elektronische Krankschreibung, Karenztage) bestimmte kranke Menschen besonders treffen würden - zB Menschen mit chronifizierter Migräne.
Wegen 0,9% wird also die nächste populistische Sau durchs Dorf getrieben. Wer sagt denn bitte, dass diese 0,9% nicht einfach direkt zum Arzt gegangen wären, wenn es telefonisch nicht mehr gegangen wäre?
Die Union (allen voran Merz und Dobrindt) macht Politik für Idioten, die einfach alles von der Partei beklatschen würden, weil ‚die tun endlich was‘. Ich persönlich freue mich ja schon auf Kanzler Spahn. Das wird lustig.
Angenommen, ein Drittel aller telefonischer Krankschreibungen ist gelogen. Angenommen, die Hälfte der Lügner würde beim Wegfall der telefonischen Möglichkeit in der Praxis mit der Lüge durchkommen.
Das würde nach meinen natürlich völlig willkürlichen Annahmen den Krankenstand um 0,15 % verringern. Was für gigantischer Effekt…