Und hier eine ganz konkrete Frage an dich. Würdest du tatsächlich sagen, es sei besser für das Kind, in dem Heim mit den weiter unten zitierten Bedingungen zu bleiben, als in eine Familie aufgenommen zu werden, deren „Lebenszweck“ das Kind ist? Falls du diese Frage mit „Ja“ beantwortest, haben wir wohl wirklich völlig unterschiedliche Ansichten von einem menschenwürdigen Leben.
"Die Kinder sitzen tagein, tagaus ohne Spielzeug in Bett-Käfigen. Dreimal täglich werden sie ungenügend und ungeduldig gefüttert und zweimal aus ihrer nassen Wäsche befreit. Windeln gibt es nicht. Viele Kinder ziehen sich die nassen Kleider selbst vom Leib.
Durch unausgewogene Ernährung, Beruhigungsmittel und mangelnde Hygiene haben viele Kinder Hautausschlag. Da diese Kinder keiner unterrichtet, sind die Kinder unterentwickelt, kleinwüchsig und gestört.
Auf einer Station mit etwa 40 Kindern arbeitet im Internat Nr. 30 eigentlich eine Krankenschwester mit vier ungelernten Betreuerinnen. Häufig sieht man jedoch nur ältere, im Internat lebende Behinderte, die die nötigste Arbeit verrichten.
[…]
In einem Heim müssen sich bis zu 50 Kinder eine Pflegerin teilen, so dass keines mit ausreichend menschlicher Zuwendung aufwächst. Die Kinder liegen apathisch im Bett, werden nur in Eile gefüttert und gelegentlich gewaschen. Durch schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung sind viele kleinwüchsig, haben Haut- und Organkrankheiten und Verhaltensstörungen. Die meisten lernen weder laufen noch sprechen und sterben noch im Kindesalter."
Erfahrungsbericht einer deutschen Helferin:
"Hat man das Wärterhäuschen mit den davor lungernden, herrenlosen Hunden passiert und öffnet die Tür zum ersten Korpus des „Internats“, schlägt einem schon der süßliche Geruch von Urin entgegen. In der Vorhalle, in die selten ein Kind kommt, sind die Wände bunt bemalt, während die anderen Zimmer steril weiß sind.[…]
Mit Tilo zusammen arbeitete ich auf einer Station in der ersten Etage, wo sowohl Kinder sind, die nur im Bett liegen, als auch welche, die gehen können. Aber auch von denen, die sich mehr oder weniger aufrecht bewegen können, dürfen nur ein paar „Lieblinge“ das Bett oder Ställchen verlassen, das in der Mitte des Zimmers steht. Kinder, die das nicht kapieren und sich selbst aus ihrem Käfig befreien, werden eben angebunden.
Die Kinder sitzen tagaus, tagein in diesen Zimmern ohne Spielzeug, werden drei Mal täglich gefüttert und zwei Mal umgezogen. Ansonsten kümmert sich keiner um sie. Dadurch sind die Kinder unterentwickelt, kleinwüchsig und gestört. In vielen Fällen ist gar nicht mehr zu unterscheiden zwischen der Behinderung, die das jeweilige Kind in das Kinderheim geführt hat, und den Schäden, die durch das Existieren in demselben entstanden sind. Hospitalismus ringsum: das vorherrschende Geräusch in der Totenstille ist das rhythmische Klopfen von Kinderköpfen an Wände und Gitterbetten. Die Kinder müssen einen Drang haben, sich zu spüren, der bis dahin reicht, daß sie sich verletzen. Auf der anderen Seite scheint sie das Rhythmische ihrer Schaukelbewegungen zu beruhigen und zu entfernen von der elenden Realität.[…]
Es ist schwer vorstellbar, daß diese kleinen, blassen Kinder mit den kurzgeschorenen Haaren und den bunten Anzügen alle älter als sechs Jahre alt sind, denn sie sehen aus wie Kleinkinder. Aber in „Internate“ kommen nur Kinder ab diesem Alter. Auf unserer, der Station für „liegende“ Kinder sind die, die entweder wegen körperlicher Behinderungen wirklich nicht gehen können, und die, die es bis dahin einfach nicht gelernt haben zu gehen. Dabei muß man sich aber vor Augen halten, daß der Raum, auf dem sie gehen lernen könnten, aus der 1,5 m langen, weichen Matratze in ihrem Bett besteht! (Da werden diese Kinder als „entwicklungsunfähig“ abgetan, dabei gibt es welche, die sich unter diesen Umständen selbst das Gehen beibringen; das soll mal einer nachmachen…) Von diesen „liegenden“ können ein paar unsicher gehen, aber keines kann sprechen, weil keiner mit ihnen spricht.[…]
Die wenigen Dinge, die zum Alltag im Kinderheim gehören, beherrschen die Kinder gut. Fast alle können sich auf ganz niedliche Weise Hemd und Hose an- und ausziehen (weiter haben sie nichts an), ihren Urin mit dem Bettuch aufwischen und einige versuchen sogar, nur eine Eck ihres Bettes naß zu machen und die andere trocken zu halten. Einmal hatte ich vergessen, einen Wassereimer vom Bodenwischen wegzuräumen. Schneller als ich gucken konnte, war Olga, ein Mädchen mit Down-Syndrom, auf dem Fußboden zu dem Eimer gerutscht und fing an, mit dem dreckigen, nassen Feudel den Boden zu wischen, was sie oft gesehen haben muß. Ein anderes Mal zog mir ein kleiner Down-Junge meine Schuhe aus, und als ich wenig später nach ihm sah, war er, der wohl nie in seinem Leben Schuhe angehabt hat und schon gar nicht in der Größe, dabei, sich meine Schuhe anzuziehen.[…]
Schrecklich ist immer das Mittagessen. Aus Metallschüsseln wird mit großen Löffeln den im Bett liegenden Kindern ein Mix aus Kartoffelbrei, Suppe und Hackfleisch in den Mund geschaufelt. Die Kinder schreien, bis sie zu essen bekommen, schauen beim Essen nur auf den Teller und schlucken und schlucken in Hetze - und schreien, wenn sie abgefertigt sind. Die, die stehend im Ställchen gefüttert werden, drängeln einander weg, um noch einen Löffel zu ergattern. Durch die Angst der Kinder, nicht genug zu bekommen, und die Ungeduld des Personals landet natürlich ein Großteil des Essens statt im Mund im Bett, auf der Kleidung oder in den Haaren der Kinder. Diese Atmosphäre des Gierens, des Kampfes, Geschreis und der Eile in dem ansonsten monotonen, totenstillen Alltag machen das Essen zu einem Horror.
Es ist wohl nicht nötig zu betonen, daß die Nahrung nicht abgestimmt ist auf die Krankheiten der Kinder, was dazu führt, daß fast alle aufgeblähte Bäuche, spindeldürre Arme und Beine und Ausschläge am ganzen Körper haben, die wohl großenteils von Beruhigungsmitteln kommen."