Marienverehrung
Hi vastitas,
oher kommt diese Marienverehrung? Ist sie eher geschichtlich bedingt oder nimmt sie direkt Bezug auf gewisse Bibelstellen?
Die NT-Stellen bei Matthäus und Lukas sind teils umgekehrt schon Resultate von Einflüssen mediterraner Kulte von Muttergottheiten und Jungfrauengottheiten.
Die Formen des Kultes resultieren alle aus Synkretismen (Verschmelzungen religiöser Ideen). Im gesamten Mittelmeerraum gab es schon Jahrhunderte vor der Entstehung des Christentums Kulte, in denen einerseits eine Mutter mit Kind vorkam (nur als Beispiel Isis/Osiris und Demeter/Persephone) und andererseits eine Göttin verehrt wurde, die an die Mondphasen assoziiert wurde.
In Italien hat man eine Werkstätte aus dem 2. Jhdt v.Ch. gefunden, in der Devotionalien in Form kleiner Tonfiguren produziert wurden, die eine Frau mit einem Kind auf der Schulter darstellten…
Die Mond(phasen)göttin (Semele, Silene) hat generell die Eigenschaft, entweder weiß zu sein (Vollmond) oder schwarz (Neumond). Die Sichel des zunehmenden oder abnehmenden Mondes wurde an ein (Himmels-)Schiff assoziiert, auf dem die Göttin (stehend) den Himmel durchkreuzt. Sie war und ist daher ja auch Schutzmatronin der Seefahrer. So kommt es zu Darstellungen und Kulten der „schwarzen Madonna“ und auch das Phänomen, daß Marienstatuetten häufig eine Mondsichel unter dem Fuß haben.
Hier wurden also bereits bestehende Kulte mit einer neuen, aber ähnlichen Mythologie überlagert.
Daß der Marienkult bereits im frühesten Christentum eine Rolle spielte, das erkennt man aus der Tatsache, daß in zweien der vier Evangelien (Matthäus, Lukas) über die „Mutter Jesu“, die auf hebr. Marjam oder Mirjam hieß, eine Geschichte geschrieben wird, auf welche Weise sie mit Jesus schwanger wurde. Wo diese Geschichte ihren Ursprung hat, ist meines Wissens bisher unbekannt. Daß in den Evangelientexten sichtbar wird, daß man Maria durchaus auch als reale Mutter sah, die außer Jesus auch noch andere Kinder hatte, darüber wurde hier schon diskutiert:
[Jesus und seine Geschwister]
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Daß Personen, die später als Religionsgründer geschichtliche Bedeutung bekommen, eine besondere Form ihrer Geburtsgeschichte zugeschrieben wird, bei der es nicht mit rechten Dingen zugeht, ist keineswegs eine Besonderheit des Christentums. Gerade in Mesopotamien und im Mittelmeerraum ist die Schwängerung einer Frau durch eine göttliche Gestalt nichts besonderes. Auch über die Empfängnis des Siddharta Shakyamuni (Buddha) gab es einen ähnlichen Mythos.
Obwohl Marjam im Aramäischen lediglich eine „junge Frau“ ist, ebenso in der Passage bei Isaia 7.14, auf die sich Lukas 1.31 als Vorhersage bezieht (auch Paulus in Galater 4.4 hat nur „geboren aus einer Frau“), wird sie in der weiteren Christentumsgeschichte als Jungfrau (griech. parthenos) dargestellt und verehrt: Es ist ein (geradezu internationaler) archaischer mythologischer Standart, an die junge (unverheiratete) Frau göttliche Weisheit zu assoziieren. Beispiele: Athena/Minerva, die Matronin der Wissenschaften, besonders der Philosophie (die Eule der MInerva), ferner die griech. sophia, die als Frau/Göttin vorgestellt wurde und gemeinsam mit dem ebenfallsgöttlichen pneuma (Geist) in griech. Geheimkulten (Orpheus) und auch in der Stoa eine wesentliche Rolle spielte, von der späteren Gnosis ganz abgesehen.
Den frühen Christen lagen ja auch über die Gestalt (besser sollte man sagen: die Idee) „Maria“ ebenfalls bereits ältere Aussagen über die Weisheit (hebr. chokma, und auch ruah, beides Feminina und mit göttlicher Schöpfertätigkeit assoziiert) aus dem „Alten Testament“ vor. Besonders die Stellen Sirach 1.1-9, 24,1-18, 24.19-22, Sprüche 8.12-31 und besonders Sprüche 31.10-31 und viele andere haben Aussagen, die in die spätere Marienverehrung eingehen.
Nicht unbedeutend dürfte auch der Artemiskult in Ephesos gewesen sein. Ephesos war eines der Zentren früher Christen und zugleich einer der wichtigsten Artemis-Kultorte des Mittelmeerraumes.
Die Jungfräulichkeits-Atrribute und damit die kämpferische Aggressivität hat Artemis mit der jungfräulichen Athena gemeinsam. Auch eine Beziehung zu mesopotamischen-vorderasiatischen Kulten ist zu sehen: Attart, Astarte, Ishtar, Innanna (alle identisch) haben sogar kultische Überlagerungen mit Aphrodite. Dennoch hat Arztemis mit Marjam (sei es als Jungfrau, oder als „Mutter Gottes“) nicht viel Gemeinsames, aber die Vorlage der Verehrung einer weiblichen göttlichen Gestalt dürfte einen Beitrag zur Marienkultgeschichte geleistet haben.
Gruß
Metapher