Maslow

Hallo zusammen,

Maslow vertritt ja bekanntlich die Theorie, dass der Mensch von Natur aus gut sei.

Frustrationen, Haß und Gewalt resultierten lediglich aus der Unterdrückung und Verdrängung von Wünschen und Bedürfnissen.

Meine Frage:

Geht es tatsächlich „nur“ darum, seinen Wünschen und Bedürfnissen nachzugehen?

Gibt es nicht auch Wünsche, deren Verwirklichung uns schadet. Ist es deshalb unter Umständen nicht auch sinnvoll, Wünsche zu unterdrücken, weil sie gefährlich sind.

Ist jemanden bekannt, ob sich Maslow im Rahmen seiner Theorie auch dazu geäußert hat?

Vielen Dank!

LG Hilde

Geht es tatsächlich „nur“ darum, seinen Wünschen und Bedürfnissen nachzugehen?

Ja. Bedürfnisse (und ihre Bewusstwerdung als Wünsche) stellen den Beweggrund jeder Art von Tätigkeit dar, einschließlich des Denkens. Man kann die Bedürfnisse zunächst also nach den „geistigen“ und den „körperlichen“ unterscheiden und als gemeinsame Quelle beider die „Seele“ der Lebewesen bezeichnen. Zu der ersteren Art Wünsche gehört dann die Wissbegierde und zu den körperlichen z.B. der Drang nach Aufnahme von Nahrung und Leben in einer gesunden Gemeinschaft/ „Energie-“ und „Sozialitätsbedürfnis“; Lieben und Geliebtwerdenwollen)…

Gibt es nicht auch Wünsche, deren Verwirklichung uns schadet. Ist es deshalb unter Umständen nicht auch sinnvoll, Wünsche zu unterdrücken, weil sie gefährlich sind.

Leider gibt es solche Wünsche tatsächlich, jedoch müssen hierfür die natürlichen (angeborenen) Bedürfnissen von den sog. „Ersatzbedürfnissen“ unterschieden werden, insofern letztere erst aus der Verdrängung der im Erbgut seelisch verankerten, für Gesundheit und Glück unbedingt notwendigen Naturbedürfnisse entstehen. Die Ersatzbedürfnisse nach Macht und Reichtum sind der Kern aller weiteren zahllosen „Süchte“/ unersättliche Zwangshandlungen, Perversionen); sie schaden den Betroffenen und ihrer Umwelt, so sollen sie unterdrückt d.h. therapiert werden, um die natürlichen Bedürfnisse aus ihrer Verdrängung zu befreien, sich im selben Maße wie das gelingt vom Leiden selbst erlösend…

Ist jemanden bekannt, ob sich Maslow im Rahmen seiner Theorie auch dazu geäußert hat?

Das weiß ich leider nicht, da ich mit Maslow noch nicht befasst habe. Sein Standpunkt, dass der Mensch von Natur aus gut sei, leuchtet mir soweit völlig ein. Im weiteren käme es natürlich darauf an, anhand welcher Argumente er seine Sicht stützt und ob es ihm gelungen ist, das natürliche Gute am Menschen von seiner widernatürlichen Bosheit (Krankheit) fundiert zu unterscheiden…

Hallo Joshua,

zunächst herzlichen Dank.

Zu der ersteren Art Wünsche gehört dann die Wissbegierde und
zu den körperlichen z.B. der Drang nach Aufnahme von Nahrung
und Leben in einer gesunden Gemeinschaft/ „Energie-“ und
„Sozialitätsbedürfnis“; Lieben und Geliebtwerdenwollen)…

zu „Schädliche Bedürfnisse/Wünsche“ schreibst Du:

Leider gibt es solche Wünsche tatsächlich, jedoch müssen
hierfür die natürlichen (angeborenen) Bedürfnissen von den
sog. „Ersatzbedürfnissen“ unterschieden werden, insofern
letztere erst aus der Verdrängung der im Erbgut seelisch
verankerten, für Gesundheit und Glück unbedingt notwendigen
Naturbedürfnisse entstehen. Die Ersatzbedürfnisse nach Macht
und Reichtum sind der Kern aller weiteren zahllosen „Süchte“/
unersättliche Zwangshandlungen, Perversionen); sie schaden den
Betroffenen und ihrer Umwelt, so sollen sie unterdrückt d.h.
therapiert werden, um die natürlichen Bedürfnisse aus ihrer
Verdrängung zu befreien, sich im selben Maße wie das gelingt
vom Leiden selbst erlösend…

Meine Stellungnahme:

Im Falle der Grundbedürfnisse (Nahrung, Schutz vor Kälte und Nässe, Sexualität, etc.) leuchtet mir das völlig ein.

Im Falle des sozialen Bedürfnisses, z. B. des Geliebtwerdenwollens, dem Streben nach Anerkennung, etc. ist das Ganze aus meiner Sicht aber weitaus problematischer und komplexer.

Denn es kommt ja ganz entscheidend darauf an, unter welchen Bedingungen z. B. die Gesellschaft, der Lebenspartner oder die Familie Anerkennung gewähren.
Unabhängig davon ist auch wichtig, VON WEM jemand Anerkennung will.

Womöglich ist daher z. B. das Streben nach Reichtum und Macht gar kein schädliches Ersatzbedürfnis, sondern lediglich eine Unterkategorie des natürlichen Bedürfnisses nach sozialer Anerkennung.

Zumindest in der westlichen Welt, da hier eben Reichtum und Macht sehr hoch eingeschätzt werden. Vor allem im Erwachsenenleben.

In der Sturm-und-Drang-Zeit der Jugend ist das meist umgekehrt. In der Jugend bezeichnen sich viele als alternativ und anti-bürgerlich, weil diese Geisteshaltung meist Anerkennung seitens Gleichaltriger verspricht, später wird man dann Anwalt und fährt Porsche, weil das dann die größte gesellschaftliche Anerkennung bringt.

In anderen Gesellschaften, in welchen andere Dinge angesehen sind, würde sich das Bedürfnis „Streben nach Anerkennung“ wahrscheinlich entsprechend anders manifestieren.

Inwiefern kann man dann in der Praxis natürliche Bedürfnisse von schädlichen Ersatzbedürfnissen unterscheiden?

LG Hilde

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Liebe Hildegard!

Inwiefern kann man dann in der Praxis natürliche Bedürfnisse von schädlichen Ersatzbedürfnissen unterscheiden?

Das erfordert systematische Arbeit, einschl. Gewissheit über den Unterschied zwischen (Aber-/Glaube und Wissen…

Einen ersten, freilich nur ungefähren Anhaltspunkt könnten Meinungsumfragen zum subjektiven „Glücks“-Gefühl liefern. Den Ergebnissen nach scheint sich dabei ein sehr negativer Zusammenhang zwischen Glück einerseits und materiellem Wohlstand anderseits abzuzeichnen, d.h.: Je mächtiger und reicher die von den Umfragen statistisch repräsentierten Kulturen sind, desto unglücklicher, z.B. „einsamer“ fühlen sich die darin lebenden Menschen, und umgekehrt. Daraus - und aus der parallelen Umweltverpestung - erhebt sich der Verdacht, dass Macht-, Reichtums- und Prestigedrang zu den schädlichen, von Leid und Unglück begleiteten „Erstzbedürfnissen“ gerechnet werden müssen, aber solch ‚Meinungsumfrage‘ allein genügt natürlich bei weitem nicht, um den Ansprüchen einer wissenschaftlich fundierten Theorie gerecht zu werden. Überhaupt braucht man zuerst eine klare Vorstellung über das naturgemäße „Glück“ - also die angeborenen Bedürfnisse und das daraus regenerierte, v.a. soziale Miteinander -, bevor dass sich die pathologischen Abweichungen erkennen und erklären lassen. Leuchtet Dir das ein? Bediene Dich behelfsmäßig z.B. der Situation eines Herzchirurgen, der ganz genau wissen muß - nicht bloß „glauben“ darf -, wie die „gesunde Pumpe“ aussieht und arbeitet… Der methodische Weg zur Beantwortung Deiner wichtigen Frage ließe sich dann m.E. wie folgt skizzieren:

1- Man soll Darwins Hypothese der genetischen Verwandtschaft zwischen Menschen und den anderen Primaten zu Grunde legen (Biologie, Evolutionstheorie) und von da ab auch ethologische Forschung zum Verhalten unserer nächsten, in freier Wildbahn lebenden Verwandten betreiben (Jane Goodall). Aus den Ergebnissen ließe sich eine versuchsweise Tabelle der zugrunde liegenden Bedürfnisse abstrahieren, ebenfalls ein Modell der zugehörigen („Horden“-/ Lebensform erstellen…

2ter Schritt: Vergleich dieser ethologischen Hypothese mit den anthropologischen Beschreibungen ‚exotischer‘ Kulturen und ihrer Relikte. Das haben u.a. Eibel Eibesfeld und Collin Renfrew (Megalitharchäologie) gemacht, dabei einige sehr überraschende Parallelen zwischen Schimpanse und Mensch entdeckend, z.B. dass auch letzterer noch vor 3ooo Jahren in „Hordengemeinschaften“ gelebt hat, nicht etwa in monogamen Familien… Zu den „Relikten“ gehören desweiteren die Mythen, und da ist interessant, dass die Familie von Anbeginn an als zum Leiden verflucht gilt/ s. „Adam und Eva“, Epimetheus mit seiner „Pandora“ usf usf)…

All diese Einzel’fakten’ können nun aber keine Gewissheit bezüglich Deiner Frage liefern, wenn sie nicht

3- mit Freuds Methode der Traumanalyse verbunden werden. Jedenfalls ist mir keine andere Psychologie bekannt, die in der Lage wäre, die ins Tiefe Unbewusste gewaltsam verdrängten angeborenen Bedürfnisse des Homo sapiens (sein „ES“) wieder bewusst zu machen, und lassen sich wiederum gerade diese besonders „dunklen“ Symbole nicht erhellen, wenn der Versuch unterlassen wird, dafür auch die Befunde o.g. Wissenschaften zur Kenntnis zu nehmen.

(…) es kommt ja ganz entscheidend darauf an, unter welchen Bedingungen z. B. die Gesellschaft, der Lebenspartner oder die Familie Anerkennung gewähren.

Ja. Und wenn Du nun annimmst, dass die Kinder psychisch gesund geboren werden, dann mündet das Bedürfnis nach Anerkennung auch für ihre weiteren naturgemäßen Bedürfnisse in schwere Konflikte, sofern insbesondere zuerst die Eltern an Ersatzbedürfnissen mit den entsprechenden Scheinwert- und -glücksvorstellungen leiden. Solche Konflikte führen regelmäßig zur Verdrängung der angeborenen Bedürfnisse, also zum „Leiden“, das das Kind an die nächste Generation ‚vererbt‘, einen jahrtausende währenden Fluch/ s. mythische „Erbsünde“) erschaffend, für dessen Abschaffung es nur einen Weg gibt: methodisches „Schreiten vom Glaube zum Wissen“…

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Guten Morgen, Joshua,

erneut besten Dank!

Überhaupt braucht man zuerst eine klare
Vorstellung über das naturgemäße „Glück“ - also die
angeborenen Bedürfnisse und das daraus regenerierte, v.a.
soziale Miteinander -, bevor dass sich die pathologischen
Abweichungen erkennen und erklären lassen. Leuchtet Dir das
ein?

Ja, das leuchtet mir durchaus ein.

Du skizzierst eine sehr interessante These, wenn ich die richtig verstanden habe.

Das von Dir so bezeichnete naturgemäße Glück wäre dann so eine Art Glück im objektiven Sinne.
Davon unterscheidest Du offenbar das subjektiv empfundene Glücksgefühl. Der objektive und subjektive Aspekt des Glücks müßten an sich deckungsgleich sein.

Beispiel:
Jemand gewinnt im Lotto 5 Mio Euro. Für eine gewisse Zeit ist derjenige wahrscheinlich total aus dem Häuschen (subjektives Glücksgefühl), obwohl Reichtum an sich zum objektiven, also naturgemäßen Glück nicht nur nicht erforderlich ist, sondern diesem sogar abträglich ist (Was diese Person im Laufe der Jahre dann wahrscheinlich auch feststellen wird.)

Der Glaube, dass Reichtum und Macht glücklich machen, hat gerade in unserer westlichen Gesellschaftordnung aber auch einen wichtigen (im Sinne des System wichtigen) funktionalen Charakter. Deshalb lassen die Gesellschaft und die Medien überhaupt keinen Zweifel daran, dass Reichtum und Macht glücklich machen.

Allein die theoretische Möglichkeit, dass jeder reich und mächtig werden kann, wenn er sich nur genug anstrengt, ist gewissermaßen die berühmte Möhre, die man dem Esel vorhält, damit er schön brav seinen Karren zieht. In den meisten Fällen wird der Esel die Möhre nie erreichen, aber er glaubt, dass er es irgendwann schaffen wird und strengt sich weiter an. Und wer lacht sich dabei ins Fäustchen?

Unsere (formal) freiheitliche Demokratie bietet an sich jedem Menschen die Möglichkeit und das Recht, z. B. seinen Job zu kündigen und sich als Selbstversorger aufs Land zurückzuziehen.

Dennoch machen nur sehr wenige von dieser Möglichkeit Gebrauch, weil viele es gar nicht wollen. Und sie wollen es wahrscheinlich deshalb nicht, weil solch eine Leben als Aussteiger kein Sozialprestige verspricht. Dieser Mechanismus erscheint mir sehr perfide.

Stellt sich nur die Frage, ob die Eliten den Massen wider besseres Wissen glauben machen, dass Reichtum und Macht glücklich machen oder ob es die Eliten selber nicht besser wissen.

Aufgrund Deiner obigen Ausführungen ist anzunehmen, dass eher Letzteres der Fall sein dürfte (Teufelskreis der Erziehung, etc.)

Schönen Tag.

LG Hilde

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