Liebe Hildegard!
Inwiefern kann man dann in der Praxis natürliche Bedürfnisse von schädlichen Ersatzbedürfnissen unterscheiden?
Das erfordert systematische Arbeit, einschl. Gewissheit über den Unterschied zwischen (Aber-/Glaube und Wissen…
Einen ersten, freilich nur ungefähren Anhaltspunkt könnten Meinungsumfragen zum subjektiven „Glücks“-Gefühl liefern. Den Ergebnissen nach scheint sich dabei ein sehr negativer Zusammenhang zwischen Glück einerseits und materiellem Wohlstand anderseits abzuzeichnen, d.h.: Je mächtiger und reicher die von den Umfragen statistisch repräsentierten Kulturen sind, desto unglücklicher, z.B. „einsamer“ fühlen sich die darin lebenden Menschen, und umgekehrt. Daraus - und aus der parallelen Umweltverpestung - erhebt sich der Verdacht, dass Macht-, Reichtums- und Prestigedrang zu den schädlichen, von Leid und Unglück begleiteten „Erstzbedürfnissen“ gerechnet werden müssen, aber solch ‚Meinungsumfrage‘ allein genügt natürlich bei weitem nicht, um den Ansprüchen einer wissenschaftlich fundierten Theorie gerecht zu werden. Überhaupt braucht man zuerst eine klare Vorstellung über das naturgemäße „Glück“ - also die angeborenen Bedürfnisse und das daraus regenerierte, v.a. soziale Miteinander -, bevor dass sich die pathologischen Abweichungen erkennen und erklären lassen. Leuchtet Dir das ein? Bediene Dich behelfsmäßig z.B. der Situation eines Herzchirurgen, der ganz genau wissen muß - nicht bloß „glauben“ darf -, wie die „gesunde Pumpe“ aussieht und arbeitet… Der methodische Weg zur Beantwortung Deiner wichtigen Frage ließe sich dann m.E. wie folgt skizzieren:
1- Man soll Darwins Hypothese der genetischen Verwandtschaft zwischen Menschen und den anderen Primaten zu Grunde legen (Biologie, Evolutionstheorie) und von da ab auch ethologische Forschung zum Verhalten unserer nächsten, in freier Wildbahn lebenden Verwandten betreiben (Jane Goodall). Aus den Ergebnissen ließe sich eine versuchsweise Tabelle der zugrunde liegenden Bedürfnisse abstrahieren, ebenfalls ein Modell der zugehörigen („Horden“-/ Lebensform erstellen…
2ter Schritt: Vergleich dieser ethologischen Hypothese mit den anthropologischen Beschreibungen ‚exotischer‘ Kulturen und ihrer Relikte. Das haben u.a. Eibel Eibesfeld und Collin Renfrew (Megalitharchäologie) gemacht, dabei einige sehr überraschende Parallelen zwischen Schimpanse und Mensch entdeckend, z.B. dass auch letzterer noch vor 3ooo Jahren in „Hordengemeinschaften“ gelebt hat, nicht etwa in monogamen Familien… Zu den „Relikten“ gehören desweiteren die Mythen, und da ist interessant, dass die Familie von Anbeginn an als zum Leiden verflucht gilt/ s. „Adam und Eva“, Epimetheus mit seiner „Pandora“ usf usf)…
All diese Einzel’fakten’ können nun aber keine Gewissheit bezüglich Deiner Frage liefern, wenn sie nicht
3- mit Freuds Methode der Traumanalyse verbunden werden. Jedenfalls ist mir keine andere Psychologie bekannt, die in der Lage wäre, die ins Tiefe Unbewusste gewaltsam verdrängten angeborenen Bedürfnisse des Homo sapiens (sein „ES“) wieder bewusst zu machen, und lassen sich wiederum gerade diese besonders „dunklen“ Symbole nicht erhellen, wenn der Versuch unterlassen wird, dafür auch die Befunde o.g. Wissenschaften zur Kenntnis zu nehmen.
(…) es kommt ja ganz entscheidend darauf an, unter welchen Bedingungen z. B. die Gesellschaft, der Lebenspartner oder die Familie Anerkennung gewähren.
Ja. Und wenn Du nun annimmst, dass die Kinder psychisch gesund geboren werden, dann mündet das Bedürfnis nach Anerkennung auch für ihre weiteren naturgemäßen Bedürfnisse in schwere Konflikte, sofern insbesondere zuerst die Eltern an Ersatzbedürfnissen mit den entsprechenden Scheinwert- und -glücksvorstellungen leiden. Solche Konflikte führen regelmäßig zur Verdrängung der angeborenen Bedürfnisse, also zum „Leiden“, das das Kind an die nächste Generation ‚vererbt‘, einen jahrtausende währenden Fluch/ s. mythische „Erbsünde“) erschaffend, für dessen Abschaffung es nur einen Weg gibt: methodisches „Schreiten vom Glaube zum Wissen“…